Reisen nach der Terrorwarnung Berlin-Tegel, allet entspannt

"Alles wie immer - bis auf die Polizisten": Die Politik fährt die Sicherheitsmaßnahmen hoch, auf den Flughäfen wachen Patrouillen mit Maschinenpistolen. Doch die Bürger lassen sich die Reiselust nicht vermiesen. Ein Ortstermin am Berliner Flughafen Tegel.

Bundespolizisten am Flughafen Tegel: Patrouille mit Maschinenpistole
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Bundespolizisten am Flughafen Tegel: Patrouille mit Maschinenpistole


Berlin - Über eines ärgert sich Karl-Heinz Schrammer am Flughafen Tegel seit zwei Tagen. Schrammer arbeitet hier im Kundenkontakt, wie er sagt. Er hilft alten Damen beim Kofferschleppen, zeigt die Toiletten und steht oft einfach am Eingang rum. Um ihn herum gilt seit Mittwoch erhöhte Alarmbereitschaft: Doppelt so viele Polizisten wie üblich patrouillieren, die meisten mit Maschinenpistolen und schusssicheren Westen.

Doch Schrammer hat andere Sorgen. Er holt Luft, schaut in den Himmel. Der Regen, sagt Schrammer, "macht einen so richtig fertig". Und sonst? Die Terrorwarnung, die Polizeipräsenz und die Lautsprecherdurchsagen? "Och", sagt Schrammer, "allet entspannt hier."

Seit 36 Jahren arbeitet Schrammer, der eigentlich anders heißt, in TXL - so das Kürzel - und so wie ihm geht es eigentlich dem ganzen Flughafen in diesen Tagen. In Berlin-Tegel ist es ruhig, trotz des Terrorwarnungsaufruhrs, der im Land herrscht. Zur Warnung sagt Schrammer: "Kann wat dran sein, muss aber nicht."

Wie fühlt sich der Hauptstadtflughafen Tegel? "Alles wie immer, bis auf die Polizisten", sagt die Frau am Check-in-Schalter der Qatar Airways. "Keine Vorkommnisse", sagt die Frau bei Lufthansa. "Wir sagen nichts", sagt der Bundespolizist, der eine Maschinenpistole vor seinem Bauch hält.

Bei Air Berlin wurde in Namibia vor einem Flug ein verdächtiges Gepäckstück entdeckt, womöglich mit einer Bombe. In Berlin ist grad der Flieger nach Köln/Bonn weg. Das Flugzeug pünktlich, Passagiere entspannt, sagt eine blonde Mitarbeiterin.

Weiter zum Gate A6. Von hier startet gleich Qatar-Airways-Flug QR 054 nach Doha. Was genau genommen mitten im Dreieck des Terrors Irak, Iran und Jemen liegt.

Die Schlange ist 20 Meter lang, weit hinten schiebt ein junges Backpacker-Paar seine Riesenrucksäcke mit den Füßen vor sich her. Für sie geht es von Doha weiter nach Indonesien. "Der Vulkan dort ist unser Problem, nicht der Terror hier", sagt er.

Sie sagt: "Überall Bullen, sicherer fühle ich mich dadurch nicht."

Der Freund sagt: "Warum gibt man das überhaupt bekannt? Abschrecken kann man doch eh niemanden."

Ein paar Meter weiter vorne eine kleine Reisegruppe. Frauen im mittleren Alter, auf dem Weg nach Sri Lanka. Die eine schaut einem Polizisten mit Maschinenpistole hinterher, sie tätschelt ihre Reisepartnerin auf die Schulter: "Schau mal!"

Fühlen Sie sich sicher? "Na ja, erhöhte Sicherheitslage", sagt sie, "genau wie sie's heute morgen im Radio gesagt haben."

Über Doha geht es für sie nach Sri Lanka. "Ayurveda-Urlaub", sagt sie. Sorgt sie sich um die Terrorwarnungen? "Ach, gedanklich bin ich schon im Urlaub." "Und wenn was passiert", schiebt sie hinterher, "dann soll es schnell vorbei sein."

Sie lächelt, schaut in die Ferne und sieht nicht, wie im Hier und Jetzt gerade ein kleiner Mann mit Notebook-Täschchen an ihr vorbei schlurft. Es ist Adolf Sauerland.

In Duisburg ist Sauerland vor einer Woche mit Ketchup bespritzt worden, wegen der Love-Parade-Sache. In Tegel schleicht Duisburgs Oberbürgermeister von Gate A1 zu Gate A6 und zurück, ohne dass sich jemand nach ihm umdreht. Dann geht sein Flieger nach Düsseldorf.

Er sei die Promis längst gewöhnt, sagt Schrammer, und den Terror sowieso. Er sagt: "Wir sind ja seit dem 11. September wachsam, und verhindern kann man eh nichts." Soll heißen: Terrorgefahr hin oder her, das Leben geht weiter. Berlin hat schon ganz anderes überstanden.

Dann steckt er die Hände tief in die neongelbe Jacke. Der Regen peitscht unter das Vordach von Terminal A. Bestellen Sie mal besseres Wetter, sagt Schrammer und geht.

insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
olli08 18.11.2010
1. Sicher?
Wer einmal eine Maschinenpistole in Aktion erlebt hat, der wird sich mit Sicherheit NICHT sicherer fühlen. Wie man die Menschen damit vor Paketbomben, Autobomben oder Selbstmordattentätern schützen soll, bleibt mir ein Rätsel. Und das plakative Herumtragen von Schnellfeuerwaffen auf Flughäfen und Hauptbahnhöfen ist auch nur sinnloses Schaulaufen. Mehr Sicherheit in Kaufhäusern, U-Bahnen, Kinos und Schulen wird so jedenfalls nicht erzeugt. Aber man kann so prima Angst erzeugen, und ängstliche Bürger lassen sich wohl leichter regieren.
sphiryx 18.11.2010
2. Naja
---Zitat--- Wir sind ja seit dem 11. September wachsam, und verhindern kann man eh nichts." Soll heißen: Terrorgefahr hin oder her, das Leben geht weiter. Berlin hat schon ganz anderes überstanden. ---Zitatende--- Richtig, die ganze Polizeipräsenz kostet nicht nur unmengen, sie stumpft auch ab. Denn je länger die Polizei in alarmbereitschaft ist, um so mehr gewöhnt sie sich auch an die Situation. Man könnte es vergleichen mit einem Museumswärter, der jede nacht seine Runde dreht mit dem Gedanken "mal wieder eine Nacht wo nix los ist". Diese Panikmache bringt überhaupt nichts - im Gegenteil, sie sorgt für Unruhe in der Bevölkerung und gerade dann fallen ruhige, geschulte Täter am wenigsten auf.
Mathesar 18.11.2010
3. ...
Zitat von sphiryxRichtig, die ganze Polizeipräsenz kostet nicht nur unmengen, sie stumpft auch ab. Denn je länger die Polizei in alarmbereitschaft ist, um so mehr gewöhnt sie sich auch an die Situation. Man könnte es vergleichen mit einem Museumswärter, der jede nacht seine Runde dreht mit dem Gedanken "mal wieder eine Nacht wo nix los ist". Diese Panikmache bringt überhaupt nichts - im Gegenteil, sie sorgt für Unruhe in der Bevölkerung und gerade dann fallen ruhige, geschulte Täter am wenigsten auf.
Bisher waren die meisten "Terroristen" glücklicherweise so blöd wie Brot. Ist auch nicht weiter verwnderlich, da Intelligenz und Fanatismus jedweder Art nunmal diametrale Gegensätze bilden...
lmike, 18.11.2010
4. Dank der Misere in der Bundesregierung
schlendern Blockwarte mit MPi durch den Flughafen Tegel. Teilweise mit Finger am Abzug! Kann man sich nur noch an den Kopf fassen. Stellt sich die Frage was ist schlimmer? Terror ist Abu Mussabarsch aus Pakistan oder das Fürsorgebedürfnis des Inneministers?
dasbertl 19.11.2010
5. Wofür ein Aufhebens?
Wenn wir jetzt alle in Hysterie verfallen und unsere eigene Freiheit für die Sicherheit abschaffen wollen, dann haben die Terroristen doch ihr Ziel erreicht. Also gar nicht erst beunruhigen lassen. Das Risiko bei einem Terroranschlag zu sterben, ist ungleich niedriger, als von einem Betrunkenen überfahren zu werden. Sind deswegen alle Autos verboten oder der Alkohol? Nein. Und warum? Trotz aller Risiken, Freiheit ist das wichtigste, sie wurde die letzten Jahre sowieso schon viel zu viel eingeschränkt. Bloß weil die Taliban mit der CD... pardon (das waren die Bundesländer gegen die Steuersünder) mit nem vermeintlichen Anschlag winken, sollten wir uns nicht verrückt machen lassen. Und wenns uns erwischt? Dann hatten wir riesiges Pech. Das ist dann aber auch schon alles, sterben müssen wir sowieso irgendwann und den Termin kennt nur der Herrgott...
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