Interview mit Reiserecht-Experten "Hochwasser ist höhere Gewalt"

Welche Rechte haben Reisende, denen das Hochwasser den Urlaub vermiest? Im Interview erklärt der Jurist Paul Degott, wie Betroffene mit dem Ärger durch das Unwetter umgehen sollten - und welche Pflichten die Veranstalter haben.

Rettungskräfte im sächsischen Grimma: Auch Touristen sind vom Hochwasser betroffen
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Rettungskräfte im sächsischen Grimma: Auch Touristen sind vom Hochwasser betroffen


SPIEGEL ONLINE: Was haben Urlauber in den Hochwassergebieten für Rechte, wenn sie einen jetzt gefluteten Campingplatz gebucht haben?

Degott: Hier wurde ein Mietvertrag abgeschlossen, bei dem die Leistung wegen höherer Gewalt nicht erbracht wird. Der Kunde kann den Betreiber zwar nicht auf Schadensersatz verklagen, aber er braucht auch nichts dafür bezahlen. Wenn Sie schon in Vorkasse gegangen sind, bekommen Sie das Geld erstattet.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es aus, wenn der Zeltplatz Teil einer Pauschalreise ist oder wenn ein Hotel, das per Katalog gebucht wurde, wegen des Hochwassers nicht zur Verfügung steht?

Degott: Bei einer Pauschalreise fällt Hochwasser gewöhnlich unter höhere Gewalt. Der Kunde kann also sagen, ich fahre da nicht hin und will mein Geld zurück. Ansonsten kann der Veranstalter eine Alternative anbieten, und der Vertrag wird geändert, wenn der Reisende einverstanden ist. Das Gleiche gilt beispielsweise für eine Radtour, die pauschal gebucht wurde.

SPIEGEL ONLINE: Auch der Schiffsverkehr ist von dem Hochwasser betroffen. Was steht dem Reisenden zu, wenn seine Rheinkreuzfahrt abgebrochen wird?

Degott: Da ist die spannende Frage, wie der Veranstalter damit umgeht. Sagt er die Reise ab wegen höherer Gewalt? Dann wäre an der Stelle Schluss, die Leute würden mit Schiff, Bus oder Bahn zurückbefördert, und für nicht erbrachte Leistungen müsste der Reisepreis zurückerstattet werden. Wenn der Veranstalter Ersatz anbietet, muss man prüfen, ob diese Leistungen gleichwertig sind, sonst entstehen Minderungsansprüche.

SPIEGEL ONLINE: Wie können solche Ersatzleistungen aussehen?

Degott: Wenn der Fluss gesperrt ist, geht es einfach nicht weiter . Aber häufig kann ein Ersatzanleger angesteuert werden, von dem die geplante Altstadttour durchgeführt werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Ist ein solches Hochwasser, wie wir es jetzt erleben, denn in jedem Fall höhere Gewalt?

Degott: Im Prinzip schon - es sei denn, es war vorhersehbar. Es gab ein Bundesgerichtshofsurteil zu Wirbelstürmen in der Karibik. Anlass der Klage war, dass deutsche Fluggesellschaften losgeflogen sind, und als sie ankamen, war alles verwüstet. Doch den Verlauf von Wirbelstürmen kann man in einem gewissen Maß vorhersehen. Laut BGH muss der Veranstalter bei einer Wahrscheinlichkeit von 40 Prozent informieren und den Passagieren die Möglichkeit geben, die Reise zu kündigen. Wie präzise im Fall des Hochwassers die Vorhersagen waren, ist jedoch zurzeit schwer zu beurteilen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sich als Reisender schützen vor so einer Naturkatastrophe?

Degott: Wenn eine Reise droht, im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser zu fallen, sollte man immer den Veranstalter kontaktieren und ihn in die Pflicht nehmen. Wie ist die Situation, wie ist die Planung, was gibt es für Alternativen, was ist der momentane Stand?

SPIEGEL ONLINE: Hilft eine Reiseabbruchversicherung?

Degott: Da sind häufig Unwetter nicht berücksichtigt, sondern eher persönliche Ereignisse wie ein Beinbruch im Urlaub. Ich kann nur empfehlen, vor der Reise den Vertragspartner zu kontaktieren. Wenn dabei Vereinbarungen getroffen werden, kann er sich am Ende nicht herausreden.

Die Fragen stellte Stephan Orth



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