Reiserecht Wenn die Hälfte der Hotelgäste erkrankt

Der Magen-Darm-Infekt hatte die meisten Urlauber eines griechischen Hotels erwischt. Dennoch entschied ein Amtsgericht, dass der Veranstalter nicht haftbar zu machen ist. Nach Ansicht eines Experten wird es immer schwieriger, in solchen Fällen Schadenersatz zu erhalten.


Rostock/Münster - Pauschalurlauber haben es nach Ansicht von Experten immer schwerer, für eine Magen-Darm-Erkrankung in ihrem Hotel den Reiseveranstalter haftbar zu machen. Die deutschen Gerichte schraubten die Beweislast-Anforderungen dafür inzwischen so hoch, "dass der Reisende sie praktisch nie erfüllen kann". So urteilt der Verbraucherrechtler Klaus Tonner, Professor an der Universität Rostock, in der Fachzeitschrift "ReiseRecht aktuell" der Deutschen Gesellschaft für Reiserecht in Wiesbaden.

In einem Fall hatte das Amtsgericht Münster entschieden, dass der Veranstalter auch dann nicht haftbar zu machen ist, wenn mehr als die Hälfte der Hotelgäste erkrankt war. Die Urlauber in einem Hotel in Griechenland hatten meist an Durchfall und Erbrechen gelitten. Es habe aber keinen Beweis gegeben, "dass die Ursache für die Erkrankung im Verantwortungsbereich" des Hotels und des Veranstalters liegen musste. Vielmehr habe es sich auch um einen Virusinfekt handeln können, der von einem Gast ins Hotel mitgebracht worden war. Auch könnten sich die Betroffenen beim Baden im Meer angesteckt haben. Den Beweis, dass die Infektionsquelle im Hotel zu suchen ist, müsse der Tourist erbringen, befand das Gericht.

Tonner kritisiert dieses Urteil als "Freibrief zu Gunsten der Reiseveranstalter bezüglich der hygienischen Zustände in den Hotels bei Trinkwasser und Essenszubereitung".

Zehn Prozent Erkrankte in der Türkei gelten als normal

In einem anderen Fall urteilte das Landgericht Düsseldorf, ein Anteil von etwa zehn Prozent Erkrankten unter den Gästen reiche nicht, um zu beweisen, dass die Ursache einer Infektion beim Hotel und seiner Hygiene zu suchen ist. Hier war es um einen Türkei-Urlaub gegangen. Nach Ansicht des Gerichts ist es "in der Türkei als normal einzustufen", wenn zehn Prozent der Hotelgäste an Erbrechen und Durchfall leiden. Dafür könne es neben der Hygiene auch andere Ursachen geben, zum Beispiel die Umstellung der Reisenden bei den Temperaturen und ihren Gewohnheiten im Alltag.

Amtsgericht Münster, Aktenzeichen: 8 C 4689/04; Landgericht Düsseldorf, Aktenzeichen: 22 S 399/04

abl/gms



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