Sachsen-Anhalt Der Himmel ist eine Scheibe

Spektakulärer als Stonehenge ist für manche Archäologen Goseck in Sachsen-Anhalt: Hier nämlich steht das älteste Sonnenobservatorium der Welt, nicht weit entfernt wurde die berühmte Himmelsscheibe von Nebra entdeckt. Eine Tour zu den Ursprüngen der Astronomie.
Von Jule Kilimann

Der erste Schritt zum Himmel wird in Goseck gemacht, einem kleinen Örtchen im Süden Sachsen-Anhalts. Umringt von Kornfeldern erreicht die 15-köpfige Reisegruppe das älteste Sonnenobservatorium der Welt und staunt. "Das ist ja nur ein Kreis aus Holzbalken”, sagt Uwe aus Dortmund. "Ehrlich gesagt hatte ich mir das etwas spektakulärer vorgestellt.” Uwe erntet nachsichtige Blicke seiner Mitreisenden, er ist Laie. Zwar findet er wie fast jeder Mensch Sonne, Mond und Sterne schön. Auch liebt er es, über die Unendlichkeit des Universums und den Lauf der Zeit zu philosophieren. Doch astronomische Forschungen beschränkten sich bei ihm bislang darauf, dass er abends seinen Finger in den Nachthimmel streckte und seiner Frau sagte: "Guck mal, der Große Wagen.”

Jetzt steht Uwe genau an dem Platz, an dem 4900 vor Christus die Bauern der Umgebung den Lauf der Sonne beobachtet haben sollen, um den besten Zeitpunkt zur Aussaat zu erwischen. "Auch Feierlichkeiten, wie Erntedank oder das Frühlingsfest, wurden durch das Observatorium von Goseck bestimmt”, sagt der Archäologe Alfred Reichenberger. Rund 200 solcher Anlagen, Woodhenge genannt, gibt es in Mitteleuropa. "Wir gucken in den Kalender, damals guckten die Leute in den Himmel”, so Reichenberger.

Wegweiser zu himmlischen Mächten

Die Magie des Ortes erschließt sich jedem Menschen, der sich exakt im Mittelpunkt von Woodhenge befindet. Alles, was dort gesprochen wird, hallt von den hölzernen Balken am Rand wider. Die Balken rings herum markieren einen künstlichen Horizont. Im Südosten und Südwesten sind Toröffnungen, die den Sonnenauf- und untergang zur Zeit der Wintersonnenwende am 21. Dezember jedes Jahres markieren. Und zwar seit fast 7000 Jahren. Somit ist Goseck weit älter als das englische Stonehenge. Und weit attraktiver, meint zumindest Reichenberger. "Dieser Ort weist den Weg zu den himmlischen Mächten. Und er birgt noch einige ungelöste Rätsel.” So fand man ein Kindergrab sowie mehrere Rinderköpfe, eine bestattete menschliche Hand und ein Schlüsselbein. "Über deren Bedeutung können wir nur spekulieren”, sagt der Archäologe. "Möglicherweise sind das Opfer mythischer Rituale, oder vielleicht wurde an diesem Ort Recht gesprochen.”

Uwe ist still geworden. Mittlerweile findet er diesen Ort nicht mehr unspektakulär, sondern im Gegenteil: "Total beeindruckend!” Andächtig schreitet er den Palisadengang zwischen den Eichenholzstämmen entlang. Fast drei Meter ragen sie in die Höhe. Regelmäßig versammeln sich Leute zu Sonnenwendfeiern an diesem kultischen Ort. "Bei der nächsten Feier bin ich auf jeden Fall dabei!", sagt Uwe.

Der Reisebus bringt die Gruppe zu einem weiteren Höhepunkt der Himmelswege – nach Langeneichstädt, zur Dolmengöttin. Das ist ein Stein in Form eines riesigen Phallus'. Zu diesem sollen vor etwa 4500 Jahren die Menschen gepilgert sein, um mit beiden Händen seitlich an ihm zu reiben und sich so Fruchtbarkeit für Mensch, Tier und Feld zu holen.

Die echte Nebra-Scheibe liegt sicher im Tresor

Viel fundierter ist das Wissen rund um die wohl berühmteste Scheibe der Welt: die Himmelsscheibe von Nebra. Vor rund 3600 Jahren ist sie entstanden, was an Hand der Beifunde bewiesen wurde. Damit ist sie die älteste konkrete Himmelsdarstellung der Menschheitsgeschichte. Heute liegt sie im Tresor des Landesmuseums für Vorgeschichte von Sachsen-Anhalt und wird erst zur Ausstellungseröffnung am 23. Mai 2008 wieder hervorgeholt.

Doch auch die zahlreichen Nachbildungen haben eine besondere Aura. Auf der Scheibe ist abzulesen, wann Winter- und Sommersonnenwende stattfinden – ganz ohne Kalender, allein durch den Vergleich der dargestellten Sterne und Monde mit dem Nachthimmel. "Es ist zutiefst beeindruckend, wie ein paar Menschen in einer Zeit, als es noch keine Schrift gab, es geschafft haben, ihr komplexes Wissen auf so einfache Art auszudrücken”, sagt Anja Stadelbacher vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie.

Unmittelbar erleben können Besucher das Mysterium in der "Arche Nebra", einem Erlebniscenter für die ganze Familie, das zur Sommersondenwende dieses Jahres, am 21. Juni eingeweiht wurde. Dort lernt man interaktiv die Bedeutung der Himmelsscheibe kennen.

Fundstelle einer archäologischen Sensation

Spätestens jetzt muss Uwe zugeben: Er ist der Scheibe verfallen. Im Foyer der "Arche Nebra” kauft er für neun Euro den Wein "Himmelsscheibe von Nebra” als Andenken für seine Frau. Es gibt noch zig weitere Souvenirs, vom Poster über Schlüsselanhänger, Taschen, T-Shirts und Tassen mit dem Scheiben-Emblem, bis hin zur Bronze-Nachbildung des Originals für 900 Euro. Die Scheibe: ein fantastisches Marketingprodukt.

Dem Himmel ganz nah kommt Uwe schließlich, als er die Steinstufen des frisch eingeweihten Aussichtssturms auf dem Mittelberg emporsteigt. Keine hundert Schritte entfernt wurde die Himmelsscheibe von Nebra 1999 ausgegraben. Von der 30 Meter hohen Plattform aus ist bei gutem Wetter eine Sicht bis zum Brocken im Harz möglich.

Der originale Fundort der Himmelsscheibe ist durch eine rundgewölbte, spiegelglatte Fläche gekennzeichnet. Sie reflektiert das Sonnenlicht und die Wolken. "Unser Himmelsauge”, sagt Anja Stadelbacher. Uwe steht vor diesem Auge, das Firmament scheint ihm zu Füßen zu liegen. Er hält die Nachbildung der Himmelsscheibe in der Hand, dreht und wendet sie mehrmals, bis sich das darauf abgebildete stilisierte Schiff unten, also im Süden befindet, wie er es im Planetarium gelernt hat. Dann reckt er die Scheibe weit über seinen Kopf, legt fachmännisch Hand an, vergleicht Winkel, kneift die Augen zusammen und ist sich schließlich sicher: "Dort drüben wird heute die Sonne untergehen.” Seine Reisekollegen lachen und applaudieren. Eigentlich wollte Uwe nur die Himmelswege von Sachsen-Anhalt bereisen. Jetzt ist er Hobby-Astronom.

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