Saloum-Delta im Senegal Gegrillte Dorade unter Mangroven

Mit dem Holzboot eines Krabbenfischers durchs salzige Wasser: Wer das Saloum-Delta im Senegal mit seinen Hunderten Flussarmen kennenlernen will, sollte die Ortskenntnisse der Einheimischen nutzen. Gerade wurde die Region zum Unesco-Welterbe erklärt - hier leben Flamingos, Pelikane und Kaimane.

TMN

Ndangane - Tropisch warme Luft liegt über dem Wasser. Wie Milchglas sieht der Himmel aus, die Farben der Landschaft wirken gedämpft. Alpha Ousman Dieng steuert seine Piroge durch die Lagune und schaut in die Ferne. Der 25-jährige Krabbenfischer kennt sich gut aus im Flussdelta von Sine und Saloum an der Westküste des Senegals. "Ich finde immer den Weg", sagt er. Die Sonne bricht durch die Wolken. Die Mangroven leuchten jetzt grün, das Gefieder der Flamingos strahlt rosa. Alpha macht den Motor aus. Es wird ruhig, weit weg liegt das nächste Dorf. Tief hinein in das Delta kommt man nur mit einem Boot, über ein Netz aus unzähligen Wasserwegen.

Wer nicht mit einem Fischer wie Alpha raus fährt, wird sich zwischen den unzähligen kleinen Inseln heillos verirren. Allein der Nationalpark Delta du Saloum ist etwa so groß wie das Bundesland Hamburg. Das ganze Feuchtgebiet, in dem der Sine und der Saloum zusammenfließen, umfasst mehr als die doppelte Fläche. Seit 2011 gehört es zum Weltnaturerbe der Unesco, bereits seit 1980 ist es ein Biosphärenreservat. Die Muschelfischer sind hier zu Hause. Von weit her kommen nicht nur Backpacker, Aussteiger und Touristengruppen auf Rundreise - auch Vogelkundler zieht es an die afrikanische Atlantikküste.

Die Floßfahrt startet in Ndangane im Norden des Deltas. Die Straße dorthin ist aus Muscheln - zu Tausenden stecken sie im Asphalt. Alpha trägt Jeans und Sonnenbrille. Sein Bruder Sekou, elf Jahre alt, setzt sich hinten im Boot ans Steuer. Keine halbe Stunde vergeht, und er stoppt die Piroge an einer Sandbank, auf der etwa drei Dutzend Flamingos flanieren. Ein Pelikan steckt seinen Kopf ins Wasser, ein Reiher fliegt auf. Dahinter fällt vor grauen, schweren Wolken ein Regenbogen auf die Mangroven.

Ein Fernglas muss mit

Ornithologen bekommen im Saloum-Delta leuchtende Augen: Die Region ist die Heimat verschiedenster Wasservögel, und im Winter kommen noch Zugvögel aus Europa hinzu. Um die verschiedenen Arten leichter zuordnen zu können, gehört ein Fernglas mit ins Boot - und für Fotos ein Teleobjektiv. Die Île des Oiseaux, die Insel der Vögel, liegt schon draußen im Atlantik. "Zum Fischen fahre ich manchmal runter bis nach Guinea-Bissau", sagt Alpha. So weit geht es heute nicht, ein Gewitter kündigt sich an.

Sekou steuert die Insel Mar Lodj an, gegenüber von Ndangane. Heute ist Gottesdienst, wie jeden Sonntag. Die Kirche ist ein einfacher Rundbau: Altar, Sitzbänke, Säulengang. Frauen in bunten Gewändern, sie tragen goldene Ohrringe, fächeln sich Luft zu. Der Chor stimmt ein Halleluja an, danach folgt die Predigt. "Wir beten für Frieden zwischen Israel und Palästina", sagt der Priester. Auf Mar Lodj leben überwiegend Christen, der Senegal ist aber eigentlich ein islamisches Land. "Die Religionen respektieren sich", erklärt Alpha. Es werde auch untereinander geheiratet. "Dann konvertiert der eine."

Mar Lodj lebt vom Fisch- und Muschelfang, wie die gesamte Region. Auf der Insel gibt es keinen Strom aus der Steckdose, aber viele Hütten haben Solaranlagen aus Spanien auf den Dächern. Im Ortszentrum stehen zwei knorrige Bäume. Den Animisten, Anhängern einer Naturreligion, sind sie heilig. "Sie opfern dort Milch und Kuhblut", erklärt Alpha - etwa für eine gute Ernte im Juni. Der Fischer kehrt zurück zu seinem Boot.

Große Hotels in kleinen Fischerdörfern

Über dem Ozean braut sich ein Sturm zusammen. Die Piroge gleitet durch die Mangroven. Die Salzpflanzen wachsen nur an den Küsten der Meere, der Atlantik strömt tief in das Saloum-Delta hinein. "Halte deine Hand ins Wasser", verlangt Alpha. Die Finger schmecken salzig.

Motor aus, treiben lassen, Schleichfahrt. Alpha zeigt in die Büsche - dort liegt ein Kaiman im Wasser. Die Mangrovenwälder sind nicht nur ein wichtiges Ökosystem für zahlreiche Tierarten, sie versorgen auch den Menschen: Alpha und Sekou brechen unter der Wasseroberfläche einen Ast vom Gebüsch - Muscheln kleben daran.

Alpha nimmt sie mit - sie sind für zwei Schweizer: Barbara Kaufmann und Bruno Albrecht, beide 58, sind vor vier Jahren in den Senegal ausgewandert. Davor hatten sie zehn Jahre lang ein Hotel in Italien. In Ndangane begrüßen sie heute Gäste aus der ganzen Welt in ihrer Pension.

In vielen Fischerorten im Saloum-Delta sind üppige Hotels entstanden, hier gibt es sieben kleine Bungalows. "Die meisten Touristen kommen zwischen Oktober und April, in der Trockenzeit, wenn es keine Moskitos gibt", erzählt Barbara. "In der Regenzeit fegen Tropenstürme über das Delta. Die Luft ist so feucht, das Geld schimmelt im Portemonnaie."

Rast auf einer Sandbank: Alpha und Sekou grillen drei Doraden, dazu gibt es Brot und eine Zwiebel-Honig-Soße. Nach dem Essen geht es zurück nach Ndanghane. "Nachts ist die beste Zeit zum Fischen", erklärt Alpha. "Dann treiben die Krabben an die Oberfläche." Am frühen Abend zucken Blitze in der Ferne, man sieht die Mondsichel. Der Himmel hinter den schwarzen Silhouetten der Palmen leuchtet feuerrot.

Barbara und Bruno haben Licht angemacht auf der Terrasse ihrer Lodge. Alphas Muscheln landen im Eisfach. Der Abend ist still, bis auf das Gewitter über dem Meer. "Wenn du draußen bist an der Grenze zum Ozean, und ein Sturm aufzieht, dann wird es plötzlich ganz leise", erzählt Bruno. "Mehr als leise, es gibt gar keine Geräusche mehr, wie in einem Vakuum." Heute Abend wird er nicht mehr rausfahren.

Philipp Laage, dpa



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