Anstandsregeln für Touristen in Saudi-Arabien Alles kann, nichts Kuss

Saudi-Arabien will unabhängiger werden vom Ölgeschäft. Dabei sollen Touristen helfen - aber nur dann, wenn sie sich an die strengen Anstandsregeln des erzkonservativen muslimischen Königreiches halten.

Sonnenuntergang in Riad: Touristen sind nur erwünscht, wenn sie sich an strenge Regeln halten
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Sonnenuntergang in Riad: Touristen sind nur erwünscht, wenn sie sich an strenge Regeln halten


Die ganzseitige Werbeanzeige stand am Samstag in fast allen großen Tageszeitungen. Vor dem Hintergrund einer bergigen Wüstenlandschaft wirbt das Königreich Saudi-Arabien für seine "unentdeckte Schönheit an einem Reiseziel abseits der Touristenströme". Zu den "überwältigenden Eindrücken, die Sie Ihr Leben lang begleiten werden", könnte für manche Besucher aber auch eine hohe Geldstrafe gehören. Denn für Touristen gelten gewisse Regeln.

Ein am Samstag vom saudischen Innenministerium veröffentlichter Katalog listet auf, was alles unter Strafe steht im Königreich der Sauds. Die "öffentliche Zurschaustellung von Zuneigung" ist genauso unerwünscht wie "profane" Sprache oder Gesten. Auf die Straße Müll werfen oder spucken? Besser nicht. Vordrängeln ist illegal, das Fotografieren und Filmen von Personen ohne deren Erlaubnis auch. Der Genuss von Alkohol ist tabu. Musikhören während der Gebetszeiten geht auch nicht.

Hinzu kommen die Bekleidungsvorschriften: Frauen müssen zwar keine langärmlige und bis zum Boden reichende Abya - eine Art Überkleid - tragen, aber Schultern und Knie müssen bedeckt sein. Am besten ist die Garderobe nicht körperbetont und zeigt keine unzüchtigen Bilder oder Slogans. Das gilt auch für die Männer.

Insgesamt listet der Strafkatalog 19 Vergehen auf. Ob Doppelzimmer nur an verheiratete Paare vergeben werden dürfen, geht aus dem Dokument nicht hervor.

Geldstrafen bis 1500 Euro

"Die Regeln sollen sicherstellen, dass Besucher und Touristen des Königreichs die Gesetze für das Verhalten in der Öffentlichkeit kennen und befolgen", heißt es in einer Pressemitteilung. Für die Überwachung sind nicht die islamischen Sittenwächter zuständig, sondern die staatliche Polizei. Wer bei einem Regelverstoß erwischt wird, muss mit einer Geldbuße zwischen 50 und 6000 Saudi-Riyal rechnen (etwa zwölf bis 1500 Euro).

Saudi-Arabien, bislang eines der am meisten abgeschotteten Länder weltweit, hatte am Freitag ein neues Visasystem angekündigt. Die Neuordnung erlaubt es Reisenden aus 49 Staaten unter anderem, online ein Touristenvisum zu beantragen. Es ist ein Jahr lang gültig, berechtigt zur mehrfachen Einreise und zu Aufenthalten von maximal 90 Tagen Dauer. Das Königreich will damit den Fremdenverkehr ankurbeln und sich so unabhängiger von seinen Öleinnahmen machen. Bisher gab es Visa nur für Geschäftsreisende, Pilger und Familienangehörige.

100 Millionen Touristen bis 2030

Mehr ausländische Besucher ins Land zu lassen, sei ein "wichtiger Meilenstein" auf dem Weg, das Touristenaufkommen bis 2030 auf 100 Millionen Menschen pro Jahr zu steigern, heißt es aus Riad.

Der Tourismus soll bis dahin rund zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitragen. Aktuell generiert das Land nur drei Prozent seiner Wirtschaftsleistung mit Tourismus. Dazu will die Führung des Landes Milliarden in touristische Infrastruktur investieren. So sollen Inseln und Küstenorte am Roten Meer in Luxusbadeorte verwandelt werden. Auch an archäologische Stätten sollen Touristen gelockt werden.

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Saudi-Arabiens Sehenswürdigkeiten: Küste, Wüste und Ruinen

Die Tourismusoffensive ist Teil von Kronprinz Mohammed bin Salmans Reformkurs "Vision 2030". Neben wirtschaftlichen Veränderungen hat bin Salman auch gesellschaftliche Veränderungen angestoßen. So dürfen Frauen nun Auto fahren und es wurde ein erstes Kino eröffnet.

Nichtsdestotrotz bezeichnet Amnesty International die Menschenrechtslage in dem Land als "katastrophal". Denn die Sauds gehen äußerst brutal gegen Regimekritiker vor. Der abtrünnig gewordene Journalist Jamal Khashoggi wurde im Ausland von einem saudischen Killerkommando zerstückelt, im Inland verfolgen die Sicherheitsbehörden unter anderem Frauenrechtlerinnen und Oppositionelle.

löw/AP/Reuters



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