Schiefer Turm Pisa feiert die Auferstehung

Nach elfjähriger Intensiv-Therapie ist der berühmteste Patient des Landes über den Berg. Um fast 44 Zentimeter ist der Schiefe Turm von Pisa aufgerichtet worden. Die Rettungsaktion ist endlich beendet. Ganz Italien atmet auf.


John Burland -Einer der Retter des italienischen Nationaldenkmals mit einem Modell seines Schützlings
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John Burland -Einer der Retter des italienischen Nationaldenkmals mit einem Modell seines Schützlings

Pisa - Noch nie hat die Restaurierung eines Baudenkmals das Land derart bewegt. "Wir geben der Welt ein Meisterwerk zurück", freut sich Bürgermeister Paolo Fontanelli. Noch heute erinnert er sich an den Tag der Trauer, als der 58 Meter hohe Marmorturm im Januar 1990 für das Publikum gesperrt werden musste - zu riskant war der Aufstieg geworden, zu gefährlich die Neigung. Um 4,5 Meter neigte sich das Monument gegen Süden - das Wahrzeichen Italiens stand vor dem Fall.

Michele Jamiolkowski, dem aus Polen stammenden Verantwortlichen für die "Notoperation", fällt eine Last von den Schultern. Nicht immer schien es, als würde die Aktion wirklich gelingen. Ätzende Kritik mussten die Experten ertragen, als sie im Juli 1993 mit der Arbeit begannen. Die Schieflage wurde immer bedrohlicher, um einen Millimeter nahm sie pro Jahr zu. Es musste etwas getan werden.

Die Arbeit war riskant, deprimierende Rückschläge waren zu verkraften. Zunächst versuchten es die Experten mit einer eher simplen Methode: Sie fixierten ein Gegengewicht von 1000 Tonnen Blei am Fuße des Campanile. Tatsächlich schafften sie es damit zeitweise, einer weiteren Verschlechterung Einhalt zu gebieten.

Dann kam der "schwarze Samstag" des Jahres 1995: Gerade hatten die Männer mit dem Versuch einer unterirdischen "Fixierung" begonnen, geschah die Beinahe-Katastrophe. Allein in einer Septembernacht neigte sich "la torre pendente" um einen ganzen Millimeter weiter; das war sonst die durchschnittliche Verschlechterung pro Jahr. "Wir sind um Haaresbreite einem Desaster entkommen", erinnert sich John Burland, Mitglied des Rettungsteams.

Um eine Tragödie zu vermeiden, musste das 800 Jahre alte Gebäude zeitweise sogar mit dicken Stahltrossen gesichert werden - ganz Italien spottete über die "Hosenträger" an seinem Nationalmonument. Doch die Experten ließen sich nicht beirren und setzten zum entscheidenden - und gefährlichsten - Part der Aktion an: Mit aller Vorsicht wurde unter der Nordseite des Turms Erdreich abgetragen. Zur Stabilisierung saugten sie aus dem schwammigen Terrain Wasser ab, flüssiger Stickstoff sollte mehr Halt geben.

Und die Aktion glückte. Millimeter für Millimeter richtete sich der Turm wieder auf. Fast monatlich gaben italienische Medien akribisch Zwischenbilanz über die Heilung. Heute ist sich Jamiolkowski sicher: "Der Turm wird für weitere drei Jahrhunderte auf den Füßen stehen". Immer wieder hatte es in den vergangenen Jahrhunderten bizarre Rettungsvorschläge gegeben: Mal wollten Tüftler den Turm mit Hilfe riesiger Luftballons auf die Beine bringen, mal schlug ein Chinese vor, ihn in Tausende Einzelteile zu zerlegen und dann wieder aufzubauen. Schief war "Der Turm" immer schon: Bereits während des Baus gab das Schwemmland nach. Um die Malaise zu kaschieren, bauten die Baumeister den Campanile einfach senkrecht weiter. Seitdem ist er auch in sich selbst krumm.

55 Millionen Mark kostete die Rettungsaktion. Wenn im November die ersten Touristen wieder aufsteigen dürfen, müssen sie daher tief in die Tasche greifen: 25 Mark kostet die Besteigung. Und um jedes Risiko auszuschließen, dürfen jeweils nur 30 Personen auf den Turm.

Peer Meinert, dpa



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