Schierke am Brocken Der Ostharz erlebt sein Comeback

Das "St. Moritz des Nordens" hieß der Luftkurort Schierke im Ostharz in den zwanziger bis vierziger Jahren. Doch als Grenzgebiet blieb der Ort am Brocken lange unbeachtet. Obwohl aus einer Olympia-Bewerbung nichts wurde, gewinnt Schierke nun mit großen Wintersportwettkämpfen und Investitionen für Wintersportler an Interesse.


"Ski und Rodel gut": Die klimatischen Verhältnisse auf dem Brocken entsprechen denen der Alpen
DDP

"Ski und Rodel gut": Die klimatischen Verhältnisse auf dem Brocken entsprechen denen der Alpen

Schierke - Selbst unter den Olympiafreaks dürften das die wenigsten wissen, trotzdem ist es kein Ammenmärchen: Der Luftkurort Schierke am Brocken wollte sich seinerzeit um die Olympischen Winterspiele im Jahr 2006 bewerben. Obwohl gerade mal 1142 Meter hoch, entsprechen die klimatischen Verhältnisse auf dem Brocken denen der Alpen in etwa 2400 Metern Höhe. Also "Ski und Rodel gut", was die natürlichen Voraussetzungen anbetrifft.

"Besonders der Infrastruktur des Ostharzes hätte ein olympischer Bauboom gut getan", schätzt Kurdirektor Rüdiger Ganske ein. Als einstiges Grenzgebiet war der Ostharz lange Zeit stiefmütterlich behandelt worden. Doch der olympische Wintersportgeist stieß auf geografische Grenzen und vor allem auf die Auflagen der Naturschützer. Immerhin sind 91 Prozent der Gemeindefläche der Nationalparkverwaltung unterstellt. 6000 Hektar tragen somit ein Gütesiegel erster Wahl, wobei der Schutz nicht etwa den Fichtenforsten, sondern den verbliebenen Resten urwüchsiger, fast unberührter Natur gilt.

Ein Eldorado für Naturfreaks also. Sie genießen denn auch zu jeder Jahreszeit die landschaftliche Idylle des Hochharzes, die schon von Heine in seiner "Harzreise" bedichtet wurde und natürlich von Goethe. 1753 suchten gerade mal 198 Besucher den Weg zum "Wolkenhäuschen", der vom Grafen zu Stolberg-Wernigerode errichteten Schutzhütte auf dem Brocken. Auch als der Dichterfürst den Brocken in Begleitung des Försters bestieg, war das noch ein gefährliches Abenteuer. Doch bald kam das Brockenwandern in Mode. Schon 1800 konnte Brockenwirt Gerlach in seinem Gasthaus 1000 Gäste begrüßen.

Die erste große Blüte erlebte der Fremdenverkehr im Harz nach dem Bau der Brockenbahn im Jahr 1899. Anfang des 20. Jahrhunderts kamen jährlich 225 000 Menschen auf den Brocken. Von Schierke aus ist der höchste Harzberg über zahlreiche Wanderwege in etwa zwei Stunden gut zu erreichen. Doch der in den 1920er bis 1940er Jahren geprägte Beiname "St. Moritz des Nordens" entlockte dem Schierke-Gast in den vergangenen Jahren nur ein mitleidiges, allenfalls erstauntes Lächeln.

Wenn auch nicht Olympia, so kehrte Schierke doch mit herausragenden Wintersportwettkämpfen und ehrgeizigen Investitionsvorhaben in den Blickpunkt der Wintersportler zurück. Immerhin ist der Harz durch seine vorgeschobene Nordlage das schneesicherste Mittelgebirge Deutschlands. Noch bis Anfang der 1950er Jahre existierten in Schierke Bobbahn und Sprungschanze sowie eine Eishalle für etliche tausend Zuschauer. "Ein neuer Mehrzweckbau für Eisläufer, Squash- und Tennisspieler ist geplant", verrät der Kurdirektor. Gleichzeitig Präsident des regionalen Skiverbandes verweist er voller Stolz auf den erfolgreich verlaufenen ersten Weltcup für Nordische Kombination im Januar 2004. Der Wettkampf war sozusagen die Feuertaufe für die neue fünf Kilometer lange Hochleistungsloipe, die übrigens auf dem einstigen Kolonnenweg der DDR-Grenztruppen verläuft.

Kernstück der Planungen sei eine Kooperation mit dem Westharz, zu dessen Wurmberg - mit 971 Metern zweithöchster Berg des Harzes - künftig eine etwa drei Kilometer lange Seilbahn führen soll. Im Winter trägt sie Skifahrer und in der schneelosen Saison Wanderer auf den Gipfel, der dadurch sowohl von Braunlage als auch von Schierke aus bequem zu erreichen sein wird.

Wer nicht mehr so gut zu Fuß ist, der hält sich an die über 100-jährige Brockenbahn oder lässt sich in Brockenmuseum und Brockengarten informieren. Der Rundweg beginnt an der Brockenstation der Harzer Schmalspurbahn. Regelmäßig finden Führungen durch Mitarbeiter des Nationalparks Hochharz statt, der gleich hinter dem Bahnhof Drei Annen Hohne beginnt. Auf diesen Touren ist manch kurzweilige Geschichte über den Berg, seine Vergangenheit und Vegetation oder die regionale Kulturgeschichte und nicht zuletzt über die Brockenhexen zu erfahren. Der Zug übrigens lässt die Baumgrenze hinter sich und erreicht zwar keine olympischen Bestleistungen, dafür andere Höchstmarken: den höchstgelegenen Schmalspurbahnhof Deutschlands bei 1125 Metern über dem Meer.

Von Cornelia Höhling, ddp



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.