Neues Boarding-System der Lufthansa Rein ins Flugzeug - aber schnell

Der Trolley passt nicht mehr ins Handgepäckfach, und ein Passagier versperrt den Gang: Boarding ist für Reisende oft eine Geduldsprobe. Dabei könnte das Einsteigen ins Flugzeug schneller gehen.
Bitte einsteigen: Neue Regeln sollen das Boarding beschleunigen

Bitte einsteigen: Neue Regeln sollen das Boarding beschleunigen

Foto: Meinzahn/ Getty Images

Da wäre die Familie, die mit Kindern und Rollkoffer den gesamten Gang versperrt. Der Passagier, der mit einem anderen um den besten Platz für sein Handgepäck streitet. Und der Wenigflieger, der die Sitzplatzsuche einem Small Talk opfert: Boarding kann so nervig sein. Doch bei der Lufthansa soll ein neues System das Einsteigen beschleunigen - die Airline will wertvolle Zeit sparen.

Wie soll der Boarding-Prozess künftig aussehen?

Im Kern dreht sich das System um die Reihenfolge beim Einsteigen: Die Passagiere werden künftig danach aufgeteilt, ob sie einen Platz am Fenster, in der Mitte der Sitzreihe oder am Gang gebucht haben. Das Verfahren wird als "Window-Middle-Aisle"-System bezeichnet, kurz "Wilma". Bei US-Fluggesellschaften wie United ist es bereits geübte Praxis, KLM hatte es 2013 eingeführt.

Der Lufthansa-Konzern will dieses Konzept über den Winter einführen, und zwar auf den Europaflügen seiner Netzgesellschaften Lufthansa, Austrian und Swiss. Start ist diesen Donnerstag.

Woran erkenne ich, wann ich einsteigen darf?

Auf der Bordkarte werden die Lufthansa-Gesellschaften neben dem Abfluggate und der Sitzplatznummer eine weitere Rubrik eintragen, nämlich die Boarding-Gruppen 1 bis 5.

Wer darf zuerst einsteigen?

Unverändert dürfen zunächst Familien mit kleinen Kindern und hilfsbedürftige oder mobilitätseingeschränkte Gäste einsteigen, sagt Vicky Scherber, die bei der Lufthansa-Group für die Passagier- und Gepäckprozesse verantwortlich ist und seit einem guten Jahr an dem neuen System tüftelt.

Dann kommen in den Gruppen 1 und 2 die privilegierten Stammkunden (Senatoren, Hons) sowie Passagiere mit teuren Business- oder Ecoflex-Tickets, unabhängig von der gebuchten Sitzposition.

Economy-Passagiere verteilen sich nach der Sitzposition auf die weiteren Gruppen:

  • Gruppe 3: Passagiere mit Fensterplatz
  • Gruppe 4: Passagiere, die in der Mitte sitzen
  • Gruppe 5: Passagiere mit Platz am Gang

Müssen gemeinsam Reisende künftig getrennt einsteigen, weil beispielsweise einer am Fenster und der andere auf einem Mittelplatz sitzt?

Familien, Paare und Gruppen würden zum Einsteigen aber nicht getrennt, versichert die Lufthansa-Expertin Scherber. Die Software sorge dafür, dass zusammen gebuchte Passagiere in dieselbe Boarding-Gruppe kämen und dann auch gemeinsam einsteigen könnten.

Was verspricht sich die Lufthansa von dem neuen System?

Mit der neuen Methode sollen stressige Konflikte minimiert werden, die beim Gerangel um den richtigen Sitz und ausreichenden Platz für das Handgepäck entstehen. Vor allem aber will die Airline Zeit sparen. "Zwei Minuten hören sich erst einmal nicht viel an, sind aber schon rund zehn Prozent des Boarding-Prozesses", sagt Scherber.

Wie reagieren Vielflieger auf das Verfahren?

In Internetforen zeigen sich erfahrene Flugreisende nur wenig optimistisch, dass das neue Boardingverfahren vieles positiv verändern wird. Den eigentlichen Grund für die Staus im Gang sehen sie nämlich im knappen Platz in den Gepäckschalen oberhalb der Sitze, den "Bins". Seitdem die Airlines für jedes aufgegebene Gepäckstück zusätzliche Gebühren verlangen, reicht der Platz auf einem voll besetzten Mittelstreckenflug nur noch für die Utensilien einer guten Hälfte der rund 200 Passagiere.

Ein weiteres Problem: Viele Fluggäste sind zu Beginn des Boardings noch gar nicht am Flugsteig, sondern hetzen als Umsteiger auf den letzten Drücker zum Flieger. Selbst mit der besten Voreinteilung lässt sich daher nicht verhindern, dass auch ganz am Schluss des Prozesses noch Passagiere mit Fensterplätzen in die Kabine kommen.

Wer zuletzt kommt, hat dann häufig Probleme, noch eine Lücke im Gepäckfach zu finden. Im Zweifel wandert sein Koffer noch in den Frachtraum. "Solange sie nicht endlich das Handgepäck auf eine Menge beschränken, die in den Bins Platz hat, werden auch die ausgeklügeltsten Boarding-Verfahren nichts nützen", unkt beispielsweise ein Vielflieger aus Brüssel.

"Natürlich gehen wir im Zuge der Umstellung auch das Thema Handgepäck an", sagt Scherber. Es gebe inzwischen deutlich mehr Kontrollen und zudem verstärkt Aufforderungen, die Taschen und Rollkoffer doch noch kurz vor Abflug freiwillig und unentgeltlich abzugeben. Doch letztlich behalten viele Menschen ihre Sachen gern bei sich, auch um am Zielflughafen Zeit zu sparen. Mit dem neuen Boarding-Prozess geht diese Rechnung für Menschen, die gern am Gang sitzen, wohl seltener auf.

jus/dpa
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