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08. März 2013, 11:32 Uhr

Reisen mit dem Smartphone

App, App and away!

Hotelzimmer erst kurz vor Erreichen des Zielorts buchen? Mit dem Smartphone können Reisende spontan Schnäppchen ergattern. Last Minute bekommt Konkurrenz - denn die neue Urlaubsplanung ist schneller und meist günstiger.

Berlin - Das Smartphone macht es möglich, Urlauber können sich Hotelzimmer unterwegs aussuchen statt vorher zu Hause. Das neue Last Minute heißt daher: jetzt und hier. Denn wer vor Ort über das mobile Internet ein Zimmer oder ein Mietauto sucht, will es in der Regel nicht erst in ein paar Tagen haben, sondern sofort. Durch die neue Technik können Urlauber sich Papierkram und eventuell sogar Geld sparen. Noch ist das Ganze aber eine kleine Nische.

Die entdecken vor allem Hotelvermittler zunehmend für sich, wie auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin zu sehen ist. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Apps, die sich unter den Begriffen "very last minute" oder "same day booking" versammeln. "Das ist im Trend", sagt Stefan Wagner von der Entwicklerfirma mvolution, die auf der ITB den "Mobil Travel App Guide" vorgestellt hat.

Das Prinzip dabei: Zimmer, die in der Nacht sonst leer blieben, werden im Tagesverlauf zum Schnäppchenpreis unters Volk gebracht. Der Vorreiter "Hotel Tonight" verspricht dabei bis zu 70 Prozent Ersparnis gegenüber dem Normalpreis. In Deutschland hat er aber erst drei Städte im Angebot. Inzwischen gebe es viele Ableger, die auf den Zug aufgesprungen sind, erklärt Wagner. Sie heißen "Very Last Room", "Hotel Same Day" oder "Reallylatebooking". Auch große Hotelportale wie HRS und Booking.com haben nachgezogen und mit "Hotels Now" und "Tonight" spezielle Apps zum Buchen in allerletzter Minute herausgebracht.

Der Praxistest zeigt: Ein bisschen lässt sich mit diesen Apps in der Tat sparen. Ein preiswertes Hotelzimmer in Berlin während einer Messe wie der ITB finden? Das ist normalerweise schwierig. Am Donnerstagmittag findet sich per Handy aber immerhin ein Zimmer in einem Vier-Sterne-Hotel für 118 Euro - im Internet kostet es auf mehreren großen Buchungsportalen 138 Euro.

Auf Knopfdruck ein Taxi

Aber auch in anderen Bereichen wächst das Angebot für Handynutzer, wie der "Mobil Travel App Guide" zeigt. Demnach gibt es inzwischen mehr als 36.000 Reise-Apps - die Zahl ist damit binnen eines Jahres um rund 10.000 gestiegen, erklärt Wagner.

Praktisch ist das Smartphone ebenfalls beim Buchen von Tickets, sagt Martin Eckart von der App-Entwicklerfirma MAD. Das betreffe zum einen Flüge und Zugfahrten, aber auch Veranstaltungen vor Ort. Die Vorteile liegen dabei auf der Hand: Das Schlangestehen beim Kauf eines Bahn- oder Museumstickets erübrigt sich, und der Papierkram hat sich ebenfalls endgültig erledigt.

Das Smartphone bietet Reisenden aber noch mehr neue Möglichkeiten am Urlaubsort. Die Zauberformel heißt: Location Based Services. Dank der Standortbestimmung des Handys zeigen Apps sofort Angebote in der Nähe an. Das ist nicht nur hilfreich bei der Suche nach Hotels vor Ort.

"Stellen Sie sich vor, Sie stehen im Urlaub vor einer Disco und haben keine Ahnung, wie die Straße heißt, und keine Nummer von einem Taxiservice", sagt Michael Buller vom Verband Internet Reisevertrieb (VIR), der die deutschen Online-Reiseportale vertritt. Auf Knopfdruck zeige das Smartphone dann Taxen in der Umgebung an und rufe eins herbei. Ebenso finden Urlauber auf diese Weise schnell einen Skiverleih in der Nähe, ergänzt Eckart.

Smartphone als Buchungsmaschine

Die Entwicklung steckt aber noch in den Kinderschuhen, wie die aktuelle Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) zeigt. Die Zahlen darin zu Urlaubern mit mobilem Internetzugang klingen ernüchternd: Erst vier Prozent haben in den zwölf Monaten vor der Befragung unterwegs ein Hotelzimmer oder Ähnliches per Smartphone gebucht. Vor der Reise haben dies immerhin zwölf Prozent getan.

15 Prozent nutzen das Smartphone, um sich auf Reisen übers Internet zu informieren. Vor der Reise macht das sogar schon jeder Dritte (32 Prozent). Derzeit gilt für viele davon aber offenbar noch die Devise: Nur gucken - nicht anfassen. Eine Hürde seien immer noch die Kosten für das Surfen im Ausland, sagt Buller. Außerdem ist ein Handydisplay eben doch recht klein.

Die Entwicklung dürfte allerdings ähnlich wie beim stationären Internet verlaufen, schätzt Ulf Sonntag vom Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT), der die Reiseanalyse wissenschaftlich mitbetreut. Auch dort hätten die Nutzer sich online zuerst vor allem informiert. Das Buchen per Mausklick wurde erst im zweiten Schritt populärer. Potential sieht Sonntag daher durchaus für das Smartphone als Buchungsmaschine. "Das wird rasant wachsen."

Allerdings dürften die Buchungen unterwegs auf Reisen insgesamt gesehen eine kleinere Nische bleiben. Denn das Smartphone sei eher als Ergänzung zum Buchen am PC oder im Reisebüro. "Ich glaube nicht, dass wir jetzt anfangen, alles on the road zu buchen." Das Smartphone mache einen zwar flexibler, wenn sich zum Beispiel bei einer Rundreise unterwegs die Pläne ändern. Ins Blaue drauflos zu fahren und die komplette Reise samt Hotels erst auf dem Weg zu organisieren, sei aber vorerst nichts für die breite Masse. "Das eignet sich eher für Geschäftsreisende und Abenteuerlustige."

Tobias Schormann/dpa/dkr

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