Schweden Sommerpaddeln kann doch jeder

Was passiert, wenn eine Gruppe großer Jungs die Kajaks klarmacht und in See sticht? In Schweden, mitten im Winter? Sie frieren, sie bibbern - und am Ende springen sie doch ins kalte Wasser. Und fühlen sich wie harte Kerls.
Von Dirk Lehmann

Was, wenn ich mal muss? Vor diesem Moment fürchtete ich mich schon, als wir noch um das Lagerfeuer standen. Wir hatten Unmengen von heißem Tee getrunken, gegen die Kälte, die mit der Dunkelheit kam. Als es selbst am Feuer zu frostig wurde, verschwanden die Teilnehmer der Reisegruppe in den engen Kuppeldachzelten und krochen in ihre Schlafsäcke.

Jetzt ist es so weit. Wie der Filmtölpel Mr. Bean krabbele ich über meinen Mitreisenden hinweg, stoße ihn in die Seite, knie auf seiner Hand und frage mich: Ignoriert der mich oder schläft er wirklich so fest? Als ich draußen stehe, ist mir klar, warum mein Zeltgenosse keinen Ton von sich gegeben hat - er muss in eine winterschlafähnliche Körperstarre verfallen sein.

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Paddeln in Schweden: Verschneite Inseln, warme Mützen

Foto: Christian O. Bruch

Es ist verdammt kalt geworden. Die Wiese, auf der wir die Zelte aufgebaut haben, ist von Reif überzogen; die Teepfützen in den Bechern sind gefroren. Wie Zuckerwatte hängt mein Atem in der Luft. Über mir, im sternenklaren Nachthimmel, leuchten der Große Wagen, Orion und das Kreuz des Nordens. Meine Zähne klappern. Natürlich habe ich gewusst, dass eine Reise mit dem Titel "Winterpaddeln in Schweden" keine kuschelige Angelegenheit ist. Doch als heute Morgen die Fähre der Stena-Line in Göteborg anlegte, war der Himmel noch wolkenlos, die Februarsonne wärmte sogar. Im Kleinbus des Reiseveranstalters Lutz Müller zogen wir die Funktionsjacken aus und öffneten die Reißverschlüsse unserer Fleece-Troyer.

Mit einem Anhänger voller Kajaks brauste der Wagen nordwärts. Über Brücken und schmale, kurvenreiche Straßen ging es durch Bohuslän, die hügelige Inselwelt Westschwedens. Tiefblau schimmerte das Meer. Aufgeräumt redeten wir acht Reiseteilnehmer über die Kälte. Eine Frau saß nicht im Auto. Kein Wunder: Während alle Männer, denen ich zu Hause von meinen Plänen erzählt hatte, neugierig wurden, hielten Frauen die Idee, im Winter paddeln zu gehen, für schlichtweg bescheuert.

Im Winter ist man unter sich

Mehr als 3000 Inseln gibt es in den Schären Bohusläns, viele sind nicht dauerhaft bewohnt. Wir fuhren über Orust, die größte der Region, dann Malö, schließlich brachte uns eine Fähre nach Flatön. Unser Ziel: "Handelsman Flink". So heißt ein wundervolles Vier-Sterne-Hotel, bestehend aus einem Ensemble senfgelber Holzhäuser direkt am Wasser. Der Name stammt von einem Krämerladen, in dem sich einst die Segler mit Proviant eindeckten. Im Sommer, so erzählte uns Inhaber Niclas Krafft, gleiten Hunderte von Segelyachten vorüber. Dann ist seine Terrasse einer der begehrtesten Orte in Westschweden. Im Winter waren wir hier unter uns, standen draußen, tranken den in Skandinavien obligatorischen Kaffee nach dem Essen, blinzelten in die Sonne.

Die sechs Boote lagen am Ufer, zwei Einer- und vier Doppelkajaks. Das Gepäck verstauten wir in den bunten Rümpfen, nur ein paar Schlafmatten und Seesäcke mussten wir mit Spanngummis außen auf der Abdeckung festmachen. Es waren Kajaks der Marke Necky aus den USA; stabil und ordentlich zu beladen, ihr Fahrverhalten gilt als "gutmütig". Dennoch trugen wir Schwimmwesten.

Zuvor hatten wir uns in Neoprenanzüge gequetscht, nackt, was unangenehm ist und unbedingt ins Handbuch für masochistische Körperenthaarung gehört. Dann in Schuhe und Handschuhe aus dem gleichen zähen Material. Als Letztes streift man die Spritzdecke über. Sie schützt vor Wasser, steht an Land aber vom Körper ab wie ein Ballettröckchen. Laut johlten und pfiffen die Insassen eines vorbeifahrenden Autos - über die Kerle in schwarzen Gummianzügen mit roten Tutus.

Wer im Winter zeltet, hört keine Vögel singen

Das Paddeln ist leicht zu erlernen, doch wer zum ersten Mal an einer Kajakwanderung teilnimmt, sollte in einen Zweier steigen. Das kostet weniger Kraft. Drei Stunden waren wir unterwegs zwischen Inseln und Felsen, die wie Walrücken aus dem Wasser ragten, in schmalen Fahrrinnen und fjordartigen Schluchten. Schließlich gingen wir auf einer unbewohnten Insel an Land. Während wir in der Dämmerung die Zelte aufbauten, begann ich die Kälte zu spüren. Im Boot hatte ich sie kaum bemerkt, da waren nur die zauberhafte Landschaft, die spiegelnden Wasser, der arbeitende Körper, der in der Winterluft dampfte. Jetzt schmerzten die Finger. Zum Abendessen kochte uns Lutz Müller "Spaghetti à la Club Aktiv" mit einer abenteuerlichen Tomatensauce, zu der auch Würstchen und Mais gehörten. Es gab viel Tee.

Gegen 21 Uhr lagen alle in ihren Schlafsäcken, Ruhe kehrte ein im Paddler-Camp auf Stora Björnholmen. Wer im Winter zeltet, hört keine Vögel singen. Draußen vor dem Zelt streife ich noch einen Moment durch die Dunkelheit. Sie ist undurchdringlich, keine Lichtverschmutzung durch eine ferne Stadt, keine Häuser auf den umliegenden Ufern. Zurück im Zelt spüre ich, wie die Kälte durch den gefrorenen Boden nach oben kriecht. Die meisten von uns haben sich deshalb zwei Isomatten untergelegt und über ihren Schlafsack noch einen zweiten gezogen. Morgen werden wir wieder alles in die Boote packen, einen Tag paddeln und erneut an einem einsamen Strand die Zelte aufbauen. Erst übermorgen geht es zurück ins Hotel "Handelsman Flink". Es soll unsere Wärmstube sein. Wir werden sie bitter nötig haben.

Der Wetterumschwung zeichnet sich beim Frühstück ab. Wind kommt auf, das gestern noch glatte Meer wird kabbelig. Das Paddeln kostet mehr Kraft. Obwohl der Oberkörper warm ist, sind meine Füße nach zwei Stunden so kalt, dass ich das Ruder nicht mehr bedienen kann: Ich spüre die Pedale nicht. Wir müssen anhalten. Auf einer Wiese renne ich hin und her. Etwa eine halbe Stunde dauert es, bis sich die Zehen wieder so anfühlen, als gehörten sie zu mir. Meine Mitpaddler haben sich Tee gekocht und scharen sich um einen weißen Behälter voller Süßigkeiten, auf den jemand mit schwarzem Filzstift geschrieben hat: "Motivation".

Motivation mit Schokoriegel

Schokoriegel kauend mutmaßen wir, dass meine Neoprenschuhe wohl zu eng sind. Blöd nur, dass es hier keine größeren gibt. Am Nachmittag beginnt es zu schneien. Der Wind wird stärker, er kommt aus Nordwest und bläst uns frontal entgegen. Wasser spritzt auf, Schnee fegt ins Gesicht. Nur einem aus unserer Gruppe macht das nichts aus: Der erfahrene Tourenpaddler trägt einen Trockenanzug; das Hightech- Textil lässt keinen Tropfen Wasser durch, der Körper kühlt im Wind nicht so sehr aus. Mehr noch als ihn aber beneide ich den Besitzer einer dicken Daunenjacke. Am Abend steht er mit seinem tragbaren Federbett neben uns am schwächelnden Feuer. Man sieht ihm an, dass er weiß: Ich habe alles richtig gemacht.

Das zweite Mal Zelt aufbauen wird zur Qual. Knöchelhoch liegt der Schnee, der Wind bläst kräftig. Jetzt schmerzt die Kälte nicht nur in den Füßen, auch in den Fingern, im Gesicht, in den Knien. Ich friere so sehr, dass ich am Lagerfeuer Schwierigkeiten habe, die Teetasse zum Mund zu führen. Wenn mir in diesem Moment jemand prophezeit hätte, dass ich am nächsten Tag in der acht Grad kalten Nordsee baden würde - ich hätte ihn hysterisch ausgelacht.

Im "Handelsman Flink" steht ein hot tub bereit, Meerwasser in einem großen Fass, von einem mit Buchenscheiten befeuerten Ofen auf knapp 40 Grad erhitzt. Weißer Dampf weht durch die Dunkelheit. Nackt rennen wir durch das Schneetreiben, vom Hotel an den Steg und springen in das Fass. Es ist einer der wohligsten Momente, den ich je auf einer Reise erlebt habe.

Am Ende doch ein harter Kerl

Während ich zurück ins Leben gegart werde, sehe ich hinter den erleuchteten Fenstern den Koch werkeln, einen Mann, der schon viel Lob erhalten hat: Er wird uns eine Suppe servieren, Seewolf-Filets mit Fenchel, Mousse und Eis. Selbst die Aussicht auf das kalte Dessert schreckt mich nicht. Jetzt sind alle Qualen vergessen. Lachend reden wir von jenen Momenten, in denen wir am meisten gefroren haben. Und als einer wettet, dass sich niemand trauen würde, vom Fass ins Meer zu springen, halten vier dagegen - und dann tunken sich fast alle in das schwarze Wasser.

Ich auch. Das ist eine der Besonderheiten dieser Reise: dass man sich am Ende für einen harten Kerl hält. Die andere fällt mir erst sehr viel später auf: dass ich erstaunlich oft von dieser Paddeltour durch die winterlichen Schären erzähle. Von der tief stehenden Sonne. Vom Frühnebel über dem Wasser. Von der wie im Zauber daliegenden Landschaft.