Sicherheit auf Pisten "Leute, kauft euch einen Schutzhelm"

Der Helm könnte sein Leben gerettet haben: Nach dem Unfall von Thüringens Ministerpräsident Althaus fordern Experten, dass Wintersportler stärker auf Sicherheit achten. Die Zahl der Pisten-Unglücke geht zwar zurück - doch die Quote der Kopfverletzungen steigt. Helmpflicht ist jedoch umstritten.

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Hätte der Tod der 41-jährigen Slowakin, mit der Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus auf der Skipiste kollidierte, durch einen Helm verhindert werden können? Oder der Tod eines 57-jährigen Thüringers, der wenige Tage zuvor im Salzburger Skigebiet Mittersill bei einer Kollision verunglückte?

Darüber kann man man nur spekulieren - doch erwiesen ist: Helme können helfen, Verletzungsgefahren zu verringern. Trotzdem sind sie kaum irgendwo vorgeschrieben. Weltweit gibt es nur in Italien seit 2005 eine Helmpflicht - und auch die gilt nur für Wintersportler unter 14 Jahren. Grund ist, dass bei Wintersportunfällen bei Kindern die Gefahr von Kopfverletzungen höher ist als bei Erwachsenen, wie Statistiken der Stiftung Sicherheit im Skisport (SIS) belegen.

Bei den insgesamt etwa 45.000 registrierten Unfällen erwachsener deutscher Wintersportler waren in der Saison 2006/2007 Verletzungen der Knie (33,1 Prozent) und im Schulterbereich (23,9 Prozent) am häufigsten. Zu Verwundungen am Kopf kam es bei 10,2 Prozent der Verunglückten.

"Man muss froh sein, dass er einen Helm trug"

Doch wenn es zu Kopfverletzungen kommt, sind diese häufig besonders schwerwiegend. Seit Jahren fordern deshalb Ärzte, Versicherer und die Bergwacht übereinstimmend eine Helmpflicht für Wintersportler. "Leute, kauft euch einen Schutzhelm", empfiehlt auch Gerald Lehner, Sprecher des Österreichischen Bergrettungsdienstes. "So tragisch der Unfall von Herrn Althaus ist, man muss froh sein, dass er einen Helm trug, denn sonst könnte er tot sein oder lebenslängliche Folgen davontragen."

Insgesamt nahm die Zahl der Wintersportunfälle in den vergangenen drei Jahrzehnten ab: "Seit Beginn der Zählung im Jahr 1979 gab es einen Rückgang der Zahl registrierter Unfälle um mehr als die Hälfte", sagte Thomas Griesbeck, Sprecher der Bergwacht Bayern, SPIEGEL ONLINE. Zudem steigere sich der Anteil der Helmträger bei den Skifahrern - derzeit sind es laut SIS bei deutschen Wintersportlern etwa 27 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen, während mehr als 55 Prozent der Kinder einen Helm tragen.

Siegfried Kalsberger, der Betriebsleiter des Skigebiets Riesneralm, wo Althaus verunglückte, hält die tatsächliche Quote für noch höher: "Immer mehr Skifahrer bei uns tragen Helme, es geht jetzt schon in Richtung 50 Prozent", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Allgemein sei das Sicherheitsbedürfnis der Deutschen - auch beim Wintersport - deutlich gestiegen, sagte Michael Berner, Sicherheitsexperte des Deutschen Skiverbandes. "Das Risiko schwerer Verletzungen wird durch den Helm enorm reduziert."

Trotzdem zählt für Lehner ein Großteil der Erwachsenen immer noch zu den "Helmmuffeln": "Viele ärgern sich, dass sie für Mountainbiken, Klettern und Skifahren eigene Helme brauchen, doch inzwischen gibt es Multifunktionshelme, die überall einsetzbar sind." Trotzdem gebe es beim Angebot der Industrie noch Lücken - etwa wenn ein Sportler einen überdurchschnittlich großen Kopf habe. "Aus dem Bekanntenkreis weiß ich, dass es ab Kopfgröße 63 schwierig wird, einen Helm zu finden", sagte Lehner.

Steigende Zahl von Kopf- und Knieverletzungen

Auffallend ist, dass laut SIS in den letzten beiden Saisons die Quote der Kopf- und Knieverletzungen zunahm, während die Zahl anderer Verletzungsarten gleichblieb oder zurückging. Bei 1000 Wintersportlern kam es statistisch zu 4,4 Knieverletzungen und 1,5 Kopfverletzungen.

Lehner vermutet als Grund die sich ändernden Klimabedingungen und steigende Touristenzahlen in den vergangenen Jahren. "Manche Experten sagen auch, dass auch Kunstschnee für stärker vereiste Pisten sorgen kann." Nach Tauwetter an feuchten warmen Tagen sei der Schnee oft betonhart. Unfallchirurgen hätten zudem erkannt, dass Carving-Ski zum Risiko beitragen können. "Die sind zwar auf den ersten Blick anfängerfreundlich, aber auch Ungeübte können damit schneller fahren, so dass bei Stürzen viel größere Kräfte wirken."

Für Sicherheit am Berg sollen bislang die zehn FIS-Verhaltensregeln des Weltskiverbandes sorgen, die Rücksichtnahme, Vernunft und den Verzicht auf riskante Manöver fordern. Doch nicht jeder kennt diese Auflistung, vieles bleibt vage, und hartnäckig hält sich das Missverständnis, dass die aus dem Straßenverkehr bekannte Regel "rechts vor links" auch in den FIS-Regeln festgelegt ist - dort steht lediglich, dass die Wintersportler genügend Abstand halten sollten.

Eine Rechts-vor-Links-Regelung hält Lehner zwar für eine gute Idee, weil viele das aus dem Straßenverkehr kennen. "Allerdings ist das praktisch nicht immer möglich auf einer Skipiste."

Während nun in Italien Carabinieri für die Einhaltung der Regeln sorgen, Raser ermahnen und sogar Strafzettel verteilen, ist die Einhaltung von Sicherheitsstandards in Deutschland, Österreich und der Schweiz den Sportlern selbst überlassen. Trotzdem ist Lehner selbst gegen eine gesetzliche Helmpflicht: "Es geht ja auch um den Berg als Freiraum, Vorschriften sind da kontraproduktiv."



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