Sicherheit im Zug "Nicht mal genug Personal, um Taschendiebe zu stellen"

Bahnkontrollen sind europaweit eine Seltenheit. Nach dem vereitelten Angriff in einem Thalys-Zug steht die Sicherheit der Passagiere auf dem Prüfstand. Dabei zeigen sich Lücken - reagiert hat bislang nur ein Land.

Schlange stehen für die Sicherheit: Kontrolle beim Eurostar-Bahnhof in London
DPA

Schlange stehen für die Sicherheit: Kontrolle beim Eurostar-Bahnhof in London


Sollten Fahrgäste in Zügen genauso stark kontrolliert werden wie Reisende an Flughäfen? Nach dem vereitelten Angriff auf die Passagiere eines Thalys-Schnellzuges zwischen Amsterdam und Paris wird europaweit über eine Verschärfung der Bahnsicherheit nachgedacht.

Die belgische Regierung hat bereits ein Sondertreffen der für die Sicherheit in internationalen Zügen zuständigen Minister von Belgien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Luxemburg vorgeschlagen. Dieses solle "bald stattfinden", heißt es aus Brüssel.

Der mutmaßliche Attentäter in dem Thalys-Zug, der von Passagieren überwältigt werden konnte, war in Brüssel eingestiegen. Frankreichs Präsident François Hollande bezeichnete den als Islamisten registrierten Marokkaner als "Terroristen", der "genug Waffen und Munition gehabt" habe, "um ein furchtbares Blutbad anzurichten". Denn der 25-Jährige hatte neben einer Pistole und einem Teppichmesser auch eine Kalaschnikow dabei, die jedoch klemmte.

Warum konnte der Mann so gefährliche Waffen mit in den Schnellzug nehmen? Wie sind die europäischen Regelungen für Kontrollen auf Bahnstrecken? Der Überblick:

Derzeit werden in der EU lediglich die Passagiere der Eurostar-Züge zwischen dem europäischen Festland und Großbritannien so scharf kontrolliert wie an Flughäfen. Das liegt allerdings auch daran, dass Großbritannien nicht Teil des europäischen Schengenraumes ist, in dem Reisefreiheit ohne systematische Passkontrollen gilt.

Auch in Spanien, wo am 11. März 2004 Anschläge auf Vorstadtzüge in Madrid verübt wurden, sind Kontrollen auf langen Strecken üblich. Seit dem 1. Mai gibt es auch an bestimmten großen italienischen Bahnhöfen Sicherheitskontrollen vor dem Einstieg in den Zug.

Anders in Deutschland, Frankreich oder der Schweiz: Hier werden die Zugreisenden keinen Kontrollen vor dem Einstieg unterworfen, die Polizei patrouilliert jedoch in großen Bahnhöfen. Seit den islamistischen Anschlägen im Januar im Großraum Paris hat Frankreich seine Patrouillen noch einmal verstärkt, im Großraum Paris gilt nach wie vor die höchste Terrorwarnstufe. Spezialkräfte mit dem Gewehr im Anschlag sind auf jedem größeren Bahnhof unterwegs.

Um für internationale Züge oder Intercitys eine wirkliche Sicherheitskontrolle zu schaffen, wäre wie beim Eurostar "ein komplett geschlossener Bereich" vonnöten, sagt der französischen Bahnchef Guillaume Pepy. Das Kontrollsystem von Flughäfen auf alle wichtigen Bahnhöfe zu übertragen, hält er nicht für realistisch: "Entweder man macht das umfassend, oder es ist nicht wirklich effizient."

"Nicht mal genug Personal, um Taschendiebe zu stellen"

Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Deutschland hält verschärfte Sicherheitsmaßnahmen bei der Bahn etwa durch Beamte analog zu den Flugsicherheitsbegleitern für kaum machbar. "Zurzeit haben wir noch nicht mal genug Personal, um Taschendiebe zu stellen", sagte GdP-Vize Jörg Radek dem Sender n-tv. Und er fügte hinzu: "Wir haben zwei Milliarden Bahnreisende jährlich." Schlüssel für mehr Kontrollen sei die Personalstärke der Bundespolizei, sagte er in einem Zeitungsinterview. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte zuvor gesagt, er könne sich nicht vorstellen, in jede S-Bahn und in jeden Zug Sicherheitsbeamte zu stellen.

Die Bundespolizei hat mit der Bahn im Jahr 2000 eine Sicherheitsvereinbarung geschlossen, in der neben Videoüberwachung und einem Informationsaustausch auch Präventionsmaßnahmen vorgesehen sind. Ansonsten gibt sich die Bahn zu ihrem Sicherheitskonzept einsilbig. Ein Sprecher teilte lediglich mit: "Die Deutsche Bahn steht in dauerhaftem Austausch mit den Sicherheitsbehörden und passt ihre Sicherheitsvorkehrungen an die Empfehlungen der Behörden an."

Als einziges Land hat bisher Belgien direkt nach dem Thalys-Angriff seine Bahnsicherheit verschärft. Die belgisch-französischen Patrouillen in Thalys-Schnellzügen und die Polizeistreifen an internationalen Bahnhöfen wurden verstärkt. Auch die Gepäckkontrollen wurden ausgeweitet. Ministerpräsident Charles Michel will nun bei dem Sondertreffen der zuständigen Minister aus Belgien und den Nachbarländern weitere Maßnahmen besprechen lassen - "insbesondere Personen- und Gepäckkontrollen".

Am Freitag hatte ein Mann in einem Schnellzug von Amsterdam nach Paris mit einer Pistole geschossen, bevor er von Fahrgästen überwältigt wurde, darunter zwei US-Soldaten in Zivil. Zwei Menschen wurden verletzt.

jus/AFP/dpa

insgesamt 16 Beiträge
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LouisWu 24.08.2015
1. vergesst es..
"Anlasslose Kontrollen" sind doch sowieso verboten worden von unseren famosen Gerichten. Da aber die Terroristen üblicherweise vom Typ Südländer sind, wird es nicht lange dauern, bis sich irgendeine wichtige NGO beschwert. Also können wir das getrost vergessen. Gehört halt zur Bereicherung dazu.….
Blaue Fee 24.08.2015
2.
Laut El Pais hatten sich die Bahnangestellten zum Zeitpunkt der Schüsse im gesicherten Lokführerbereich eingeschlossen. Sollten Air Marshalls Vorbild werden?
kommanditente 24.08.2015
3. Und als nächstes
schlägt einer im Fernbus zu, dann in einem Supermarkt, dann in einem Restaurant, auf nem Spielplatz, einem Ausflugsdampfer. Man kann einfach nicht alles absichern. Wir müssen auch lernen mit einem gewissen Risiko zu leben. Ich fahre regelmäßig Zug und die Vorstellung in einem solchen in der Falle zu sitzen gefällt mir nicht. Aber das gehört zum Leben dazu.
Florian Lüttgens 24.08.2015
4.
Wenn wir für jeden noch so kleinen Terroranschlag ein weiteres Stück Freiheit aufgeben gewinnen die Terroristen. Ja, Terroranschläge sind schlimm, gefühlt zumindest, statistisch gesehen machen sie kaum einen Unterschied. Und vor Terroranschlägen kann man sich nicht schützen, es kostet Milliarden uns vor einer Gefahr zu beschützen, und nur Tausende um mit einer Kalaschnikow durch einen Zug oder Paris zu laufen, alles was uns der Schutz vor Terroranschlägen bringt ist ein goldener Käfig.
transsib_reisen 24.08.2015
5. Belgien
Was ist denn das wieder fuer ein ahnungsloser SPON-Artikel, mit oder ohne Verlaub: In Russland mit seinen nagelneuen Schlafwagenzuegen hat niemand eine Chance, ueberhaupt ein Ticket zu erwerben, falls kriminell - gesucht - terrorverdaechtig. Die Crux: Bei Kauf, gleich ob am Schalter oder im Internet wie http://www.transsibirischeeisenbahn.me muessen zwingend alle Passdaten angegeben werden, das wird beim Einstieg scharf kontrolliert. Und o Wunder - es funktioniert!
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