Die Zukunft des Skifahrens Carving war gestern

Revolution auf den Brettern? Österreichs Skischulen setzen in der nächsten Saison auf einen neuen Stil - er soll das Carving ablösen, das sowieso keiner richtig beherrscht.

TMN / TVB Pitztaler Gletscher

"Unnatürlich" nennt Rainer Schultes die extremen Bewegungen auf den Stahlkanten und die breite Fußstellung beim Carving. Der ehemalige Rennläufer und Leiter einer Skischule steht an der Bergstation der Sechszeigerbahn im Tiroler Pitztal. Direkt am Ausstieg: ein frisch verschneiter Südhang, strahlender Sonnenschein. Das Panorama reicht von der Kaunergratgruppe über den Arlberg bis zu den Lechtaler Alpen. Ein optimaler Tag, um etwas Neues zu zeigen: den Skistil der Zukunft.

"Die Bewegungen sind nicht mehr so extrem, die Füße etwa so weit auseinander wie beim normalen Laufen, die Skier weniger aggressiv", sagt Schultes. Beim Carving, dem Trend der vergangenen Jahre, schwang der Skifahrer nur noch auf den Stahlkanten. Doch das komplette Kurven auf den Kanten schaffte nicht jeder. Beim neuen Stil soll es keine starken Vertikalbewegungen mehr geben und auch keine Oberkörper, die sich radikal ins Tal drehen.

Eine Saison bleibt den rund 18.000 Skilehrern in Österreich noch Zeit, die Technik zu lernen - dann soll der Stil in allen Skischulen des Landes gelehrt werden. Die bis zu hundert Skilehrer am Hochzeiger fahren schon heute so. Das Skigebiet hat nur 40 Pistenkilometer. Übersichtlich, weit, offen. Ein Familienskigebiet, das für geübte Skifahrer auch Herausforderungen bereithält. Die Zirbenfall-Abfahrt ist so eine - bei 80 Prozent Gefälle braucht es mehr als ein bisschen Mut.

Carving? Relax, don't do it!

Aber auch diese Abfahrt soll mit dem neuen Stil zu bezwingen sein: "Die Technik zehrt weniger an den Kräften, und sie ist schneller zu erlernen", sagt Skischulleiter Schultes. Und das sei genau das, was die Gäste haben wollten, wie rund 60 Skischulen bei Befragungen ihrer Gäste in Österreich herausgefunden haben.

"Sie wollen einen ästhetischen Stil, der elegant aussieht, sie wollen schnell Erfolge sehen und ein geringes Verletzungsrisiko haben", sagt Rudi Lapper, Ausbildungsleiter der Staatlichen Skilehrerausbildung in Österreich. Er hat den neuen Stil maßgeblich mitentwickelt - und der ist noch so frisch, dass er noch keinen offiziellen Namen hat.

"Schönskifahren" war unter den Skilehrern zeitweilig im Gebrauch, wurde von vielen aber als zu altbacken empfunden. Anfang November rief der "Kurier" seine Leserschaft auf, einen besseren Namen dafür zu finden. Am Ende landete "Cruisen" vor "Classic Style" und "Gliding" - aber das ist nur eine Publikumswahl. Die endgültige Entscheidung, ließ Lapper wissen, würde erst getroffen, wenn wieder Zeit für so etwas sei - nach der Saison. Ach ja, und wenn die schon gedruckten Broschüren verbraucht sind, denn darin heißt der Stil noch provisorisch "Schönskifahren". So oder so nennen ihn viele auch eine Revolution.

Eine Revolution auf der Piste?

Andere halten das für ein wenig zu dick aufgetragen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass alles bislang Gelernte nun über den Haufen geworfen wird", sagt Christoph Eisinger, Chef von Ski amadé im Salzburger Land. In dem Zusammenschluss von fünf Gebieten werden die Skilehrer ebenfalls auf das neue System geschult. Denn natürlich nimmt sich nicht jeder Skifahrer bei jedem Urlaub einen Lehrer, um die neuesten technischen Entwicklungen zu lernen.

"Auf den Pisten sieht man ohnehin ein wildes Sammelsurium von Skistilen und Material", sagt Eisinger. Manchmal mogelt sich noch ein Stemmbogen zwischen die Parallelfahrten, an schwierigen Stellen sogar mal ein Schneepflug. Richtig schön und technisch sauber fahren nur die wenigsten Winterurlauber.

Die Skier sind aber immer aggressiver geworden - viele Skifahrer haben sie gar nicht richtig im Griff. Wer nur eine Woche im Jahr in die Berge fährt, ist selten technisch perfekt. Auch fehlen Kraft und Ausdauer in dem einen oder anderen Oberschenkel.

"Als wir das Carven gelehrt haben, sind sehr viele Skifahrer in Wirklichkeit um die Kurven gerutscht", sagt Lapper. Zwei Kanten im Schnee, breite Skistellung - und das im gesamten Kurvenradius: Das schafft kaum ein Laie. Ist der Schnee frisch, ist das Rutschen meist unproblematisch. Doch bei Eisplatten, engen Stellen oder anderen Widrigkeiten auf der Piste kann man die Kontrolle leichter verlieren.

Nun also wird alles natürlicher, der normalen Bewegung angepasst. Dazu braucht es natürlich auch eine neue Ausrüstung. Im Gegensatz zu kurzen und breiten Carving-Skiern sollen die neuen wieder länger sein, dadurch flattern sie beim Geradeausfahren nicht so stark. Außerdem sind die Taillierungen nicht mehr so stark - das soll helfen, die Bretter besser unter Kontrolle zu haben.

Und den Anfängern und Wiedereinsteigern, den größten Kunden der Skischulen, fällt das Lernen leichter. So sieht das Skifahren schöner und eleganter aus. Man könnte es den Stil 2017 nennen.

Verena Wolff, dpa



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