Slow City Lebe lieber langsam

Nur nicht hetzen: Anhänger der in Italien gegründeten "Slow City"-Bewegung fordern Autoverbote in Innenstädten und die Verbannung von Big Macs und Supermärkten. Gleichzeitig soll modernste Forschung bei der Vision von der perfekten Stadt helfen.

Kein Parkplatz weit und breit in Orvieto. Auch wenn Autos noch nicht verboten sind - in der Innenstadt wirkt man mit seinem Fahrzeug wie ein Fremdkörper unter gemächlich dahinflanierenden Fußgängern, die betont langsam zur Seite gehen. Nach zwei kurvenreichen Runden durch die mittelalterlichen Gässchen der Altstadt wird am äußersten Rand des umbrischen Städtchens endlich ein Platz frei – mit satter Parkgebühr. Es ist nicht einfach, bei einem Treffen mit Stefano Cimicchi pünktlich zu sein.

Cimicchi war von 1991 bis 2004 Bürgermeister von Orvieto und mehrere Jahre lang Präsident der "Slow City"-Bewegung, die sich aus dem erfolgreichen "Slow Food"-Konzept entwickelt hat. Kleinstädte sollen durch Einhaltung strikter Regeln ihre traditionelle Struktur erhalten, Autos aus der Innenstadt verbannen, sich mit lokalen Produkten selbst versorgen und nachhaltige Energien nutzen. Filialen von Supermarktketten und McDonald's-Restaurants sucht man in diesen Städten vergeblich.

Vom Chianti-Dorf in die weite Welt

"Unser Ziel ist es, lebenswerte Städte zu erschaffen", sagt Cimicchi, ein fröhlicher 51-Jähriger mit weißem Schnurrbart und Lachfalten um die Augen. "Wenn man so will, arbeiten wir an Konzepten der utopischen Stadt, wie das schon der Schriftsteller Italo Calvino oder der Architekt Renzo Piano getan haben."

Die erste "Cittáslow" war im Jahr 1999 das winzige Chianti-Örtchen Greve in der Toskana, dazu kamen Bra, Positano und Orvieto. Mit der Zeit breitete sich die Langsamkeitswelle auf immer mehr Orte aus, 42 sind es in Italien, und auch in Großbritannien, Spanien, Portugal, Österreich, Polen und Norwegen gibt es inzwischen Städte, die sich an dem strikten Kriterienkatalog orientieren. In Deutschland schafften es Hersbruck, Lüdinghausen, Schwarzenbruck, Waldkirch und Überlingen in den ausgesuchten Kreis, für den nur Orte mit weniger als 50.000 Einwohner zugelassen sind.

In den "Slow Citys" ist Globalisierungskritik nicht das verzweifelte Aufbäumen gegen ein abstraktes Konzept mit ein paar Spruchbändern beim G-8-Gipfel. Die Einwohner leben vor, dass eine Konzentration auf lokale Produkte und Industrie keine Einschränkung, sondern ein Gewinn ist. Dass dabei kein Gefühl von Askese und Verzicht aufkommt, dafür sorgen Weinfeste und ausschweifende Festgelage auf Bauernhöfen.

Eine "Slow City" versucht, die Ortsstrukturen etwa aus dem Mittelalter oder der Renaissance zu erhalten, jedoch gleichzeitig modernste wissenschaftliche Erkenntnisse der Ökologie und Nachhaltigkeitsforschung einzubeziehen. Auch für die Umsetzung und Reglementierung ist moderne Technik erlaubt – für Orvieto erhofft sich Cimicchi elektronisch kontrollierte Zufahrten, damit nur Anwohner eine Erlaubnis zur Durchfahrt bekommen. In Pisa gibt es ein solches System bereits – wer von der automatischen Kamera erfasst wurde, muss fünf Euro Parkgebühren oder eine erhebliche höhere Strafe zahlen – egal ob er eine Minute oder 24 Stunden bleibt.

Delegationen in Japan und Korea

Cimicchi arbeitet derzeit an einem Handbuch für den modernen "Slow"-Lokalpolitiker, das im Oktober 2008 erscheinen soll und wichtige Erkenntnisse zum Konzept der Öko-Stadt der Zukunft zusammenfasst. Es soll auch als Leitfaden für die italienischen Delegationen dienen, die im In- und Ausland überprüfen, ob eine Stadt das immer populärer werdende "Cittáslow"-Schneckenlogo verdient. Genaue Kontrollen sind nötig, um die Maßstäbe zu erhalten. "In Japan beispielsweise wird gerne so ein Slogan übernommen, aber in der Praxis weichen die Orte von unseren Ideen ab", sagt der 51-Jährige. Aus Korea gebe es wiederholte Anfragen, bei denen man ein wenig skeptisch sei. "Trotzdem werden wir demnächst eine Delegation dahinschicken, um zu sehen, was sie machen wollen."

Als Inspiration könnte ausländischen Interessenten ein Besuch in Umbrien dienen. "Die Dörfer Montefalco und Bevagna kommen der perfekten Stadt schon ziemlich nahe", sagt Cimicchi. Dort habe es nachhaltige Entwicklung im Sinne der Tradition gegeben: "Nach einem Erdbeben gab es vom Staat ziemlich viel Geld, das sehr vernünftig angelegt wurde, ohne den ursprünglichen Charakter der Orte zu verändern." Bevagna mausert sich mit einem jährlichen Schneckenfestival im Vorort Cantalupo, der "Sagra della Lumaca", geradezu zur symbolischen "Slow City".

Inzwischen nimmt die Begeisterung für die Schneckenrevolution im Schlepptau der "Slow Food"-Bewegung teils skurrile Züge an. Als Beleg für den allgemeinen Entschleunigungstrend machen Schlagwörter wie "Slow Travel", "Slow Living" oder "Velo Slow" die Runde – bei letzterem handelt es sich um eine Initiative, das zum Umsteigen vom Auto aufs Fahrrad aufruft.

Bei Cimicchi steht als Nächstes ein Projekt für Kinder auf der Agenda: die Erziehung zum guten Geschmack. "Manche Kinder wissen heutzutage nicht mehr, wo eine Hühnerbrust herkommt, zu welchem Tier sie eigentlich gehört oder dass Pommes nicht auf Bäumen wachsen", sagt Cimicchi. Außerdem will er vermitteln, welche Herstellungsverfahren gut sind, dass Kochen besser als Frittieren ist.

Zunächst gibt es jedoch auch in Orvieto eine Menge zu tun. Denn trotz seiner mittelalterlichen Schönheit ist der bei Touristen populäre Hügelort noch ein Stück von Cimicchis Ideal der utopischen Stadt entfernt. Weil viele Einzelhändler Profiteinbußen befürchten, gibt es noch Widerstand gegen eine komplett autofreie Innenstadt. Und die Straßencafés servieren auf Wunsch immer noch Coca-Cola.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.