"Erste zeitfreie Zone der Erde" Norwegens Tourismusbehörde hat Inselpetition erfunden

Die norwegische Insel Sommarøy hat mit einer kuriosen Idee für Aufmerksamkeit gesorgt: Man wolle dort die Zeit abschaffen. Nun beichtet die Tourismusbehörde, dass es sich im Wesentlichen um eine PR-Aktion handelte.

Sommarøy
Alexandra Budzinskaya/ 500px Plus/ Getty Images

Sommarøy


Eine norwegische Insel wolle die Zeit abschaffen: Diese kuriose Meldung kursiert seit einigen Tagen in deutschen und internationalen Medien - auch SPIEGEL ONLINE hat darüber berichtet. Nun stellt sich heraus: Es war im Wesentlichen eine PR-Aktion - und zwar von der nationalen Tourismusbehörde Visit Norway und von Innovation Norway, der wichtigsten staatlichen Behörde für Innovation und Wirtschaftsentwicklung.

"Ja, wir stecken hinter der Sommarøy-Geschichte", schreibt Kjetil Svorkmo Bergmann, Mitarbeiter der Kommunikationsabteilung von Innovation Norway auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Die norwegische Zeitung "Aftenposten" sowie der öffentlich-rechtliche Rundfunksender NRK hatten die Meldung zuvor als PR-Aktion entlarvt. Die staatliche Innovationsbehörde bedauert es, "die Geschichte initiiert zu haben", schreibt Bergmann in einer E-Mail. Es sei wohl "nicht klar gewesen, dass dies eine Marketing-Kampagne" gewesen sei.

Die Falschmeldung ging so: Die Bewohner der nordnorwegischen Insel Sommarøy, hieß es, hätten eine Petition gestartet, um als "erste zeitfreie Zone der Erde" anerkannt zu werden. In den Sommermonaten tritt dort das Phänomen der Mitternachtssonne auf - es bedeutet, dass die Sonne knapp 70 Tage lang nicht untergeht. Das sorge dafür, dass Kinder auch mitten in der Nacht draußen spielten und Hausbesitzer ihre Fassaden auch mal nachts strichen, hieß es in unserer Meldung vom 19. Juni 2019. Angebliches Fazit der Insulaner: Auf Sommarøy braucht es keine Uhren.

"Die Idee für die Petition kam von der PR-Agentur"

Einer, der sich mit dieser Idee besonders identifiziert, ist Kjell Ove Hveding, Teilhaber eines Hotels auf Sommarøy. Er habe viele Jahre im Tourismus gearbeitet und sich vor einiger Zeit dazu entschlossen, achtsamer zu leben und seine Zeit mehr zu genießen, wie er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erzählt. Im Februar habe Innovation Norway ihn gefragt, ob er und andere Bewohner von Sommarøy sich vorstellen können, eine Art Botschafter für Nordnorwegen zu sein. Es sei darum gegangen, der Öffentlichkeit zu vermitteln, wie es sich mit permanentem Tageslicht lebt - und warum Uhrzeiten dort im Sommer unbedeutsam sind.

Hveding stimmte zu und setzte sich zusammen mit ein paar weiteren Insulanern mit den "Helfern" aus Oslo an den Tisch. So nennt er die Mitarbeiter von Innovation Norway und Kommunikationsexperten einer norwegischen PR-Agentur, die im Frühjahr gemeinsam einen Plan für Sommarøy austüftelten. Darin gab es eine Reihe von Marketing-Ideen, unter anderem eine eigene Facebook-Seite, ein Video und eine Aktion, bei der Insulaner ihre Uhren zerstörten.

Auch eine Petition wurde erdacht - allerdings kam die Initiative dazu nicht von den Bürger von Sommarøy, sondern von den Marketingexperten. "Die Idee für die Petition kam von der PR-Agentur", sagt Kjetil Svorkmo Bergmann von Innovation Norway - und seine Behörde habe diesen Vorschlag unterstützt. "Die Einwohner, darunter auch Kjell Ove Hveding, haben die Unterschriften gesammelt." Insgesamt waren es demnach 45 Menschen, die ihren Namen unter den Aufruf setzten.

Die Unterschriften wurden zwar einem Parlamentsvertreter vorgelegt. Doch wirklich ernst gemeint habe man diese Unterschriftenaktion nicht, sagt Hveding. Er glaube nicht daran, dass die Insel eine zeitfreie Zone wird. Dass sich Politiker nun mit dem Thema befassen, freue ihn trotzdem.

Man müsse das Ganze mit einem Augenzwinkern verstehen und den tieferen Sinn der Aktion sehen. Im Kern sei es um den Umgang mit Zeit gegangen und um die Frage, wie verantwortungsvoll die Menschen sie nutzen. Hveding sagt, ein Politiker habe ihm folgendes zugesichert: "Wenn wir uns künftig im Parlament mit Themen wie der Sommer- und der Winterzeit beschäftigen, dann werden wir auch viel Spaß dabei haben, die 'Keine-Zeit' zu diskutieren."

"Wir entschuldigen uns"

Es handelte sich im Wesentlichen um eine Werbekampagne, die mehr Touristen in den Norden des Landes locken sollte - und der auch SPIEGEL ONLINE aufgesessen ist: Die Meldung hatten wir von der Nachrichtenagentur dpa in großen Teilen übernommen. Auch die dpa berichtet über die neuen Entwicklungen.

"Das Ziel war, mit einer unkonventionellen Kampagne Aufmerksamkeit für Norwegen als Reiseland zu erregen", sagt Kjetil Svorkmo Bergmann von Innovation Norway. Traditionelle Werbung sei nicht mehr effektiv, darum wolle man neue Wege der Vermarktung testen. "Wir entschuldigen uns, es ist nie unsere Absicht gewesen, einen falschen Eindruck entstehen zu lassen."

Innovation Norway habe die Aufgabe, die nationale Tourismusindustrie zu vermarkten. "Wir stehen jeden Tag in Kontakt mit Anbietern aus dem ganzen Land", sagt Bergmann. "Alle wollen Aufmerksamkeit für ihre Produkte." Die Aktivitäten des Unternehmens basierten normalerweise auf Fakten und Wissen über Tourism und Wirtschaftsförderung.

"Wir müssen ein transparenter und verlässlicher Partner sein", sagt Håkon Haugli, Chef von Innovation Norway. "Wir nehmen diesen Vorfall sehr ernst und unterziehen unsere Routinen für Kampagnen nun einer Überprüfung."

Die Kosten der Kampagne belaufen sich laut Bergmann auf geschätzte 50.000 Euro. Der Imageschaden dürfe deutlich größer ausfallen: für das Unternehmen Innovation Norway - und mit Pech auch für das Reiseland.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben diesen Text nach Erscheinen aktualisiert und um Stellungnahmen von Innovation Norway sowie von Kjell Ove Hveding ergänzt. Den Vorspann haben wir präzisiert: Aus "Nun beichtet die Tourismusbehörde, dass alles nur erfunden war" wurde "Nun beichtet die Tourismusbehörde, dass es sich im Wesentlichen um eine PR-Aktion handelte."

jus

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insgesamt 2 Beiträge
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rivka 26.06.2019
1.
Ich finde es eigentlich einen gelungenen PR-Gag
jar.koz. 27.06.2019
2. Imageschaden?
Ihr Fazit "Die Kosten der Kampagne belaufen sich laut Bergmann auf geschätzte 50.000 Euro. Der Imageschaden dürfe deutlich größer ausfallen: für das Unternehmen Innovation Norway - und mit Pech auch für das Reiseland." halte ich für eine rein rhetorische Befürchtung. Niemand außer ein paar notorischen Nörglern wird aus dieser Geschichte irgendwelche Image- oder Vetrauensverluste ableiten. Das behaupten sie doch auch nur, um laienhaft ein bisschen Aufregung zu generieren.
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