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Aufstand der Armen: Gewalt in Tunesien

Foto: FETHI BELAID/ AFP

Soziale Unruhen Auswärtiges Amt rät von Tunesien-Reisen ab

Die Straßenschlachten in Tunis eskalieren: Mindestens ein Demonstrant wurde von Polizisten erschossen, ein US-Journalist soll angeschossen worden sein. Das Auswärtige Amt hat nun seinen Sicherheitshinweis für das Urlaubsland verschärft, Reiseanbieter bieten kostenlose Umbuchungen an.

Hannover/Frankfurt am Main - Das Außenministerium hat an diesem Donnerstag seinen Reisehinweis für Tunesien verschärft. Wörtlich heißt es nun beim Auswärtigen Amt: "Aufgrund der unsicheren Lage wird derzeit von nicht unbedingt erforderlichen Reisen nach Tunesien abgeraten." Nach Schätzungen von Reiseveranstaltern halten sich derzeit mehrere tausend Bundesbürger in Tunesien auf. Zudem leben etwa 3000 Deutsche dauerhaft in dem nordafrikanischen Land, unter ihnen auch viele Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft.

Angesichts des verschärften Sicherheitshinweises bieten die großen Reiseveranstalter ihren Gästen kostenlose Umbuchungen an. Das Angebot gelte zunächst für alle Anreisen bis einschließlich 24. Januar, teilte der größte deutsche Veranstalter TUI am Donnerstag in Hannover mit.

Die Gäste würden über die neuesten Entwicklungen informiert. Bei Stornierungswünschen werde jeder Einzelfall geprüft. Beim Branchenzweiten Thomas Cook hieß es ebenfalls, die Gäste könnten bis 24. Januar kostenlos umbuchen. Bislang ist jedoch keiner der Urlaubsorte Tunesiens am Mittelmeer von der Gewalt betroffen.

Westerwelle tief besorgt

Rund tausend TUI-Urlauber halten sich laut den Angaben derzeit in den Feriengebieten rund um Monastir und Djerba auf. Ausflüge in den Süden des Landes sowie Stadttouren wie beispielsweise nach Tunis seien vorsorglich abgesagt worden. Die Reiseleiter berichteten laut TUI aber, die Stimmung unter den Gästen sei ruhig und besonnen. Sollten Gäste den Wunsch haben, vorzeitig abzureisen, werde dies von der Reiseleitung organisiert. Die Lage werde genau beobachtet.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle äußerte sich "zutiefst besorgt" über die Unruhen in Tunesien. "Wir verurteilen jegliche Gewalt", sagte er in Berlin. Die Bundesregierung erwarte, dass das gewaltsame Vorgehen gegen Demonstranten beendet wird. Die Meinungsfreiheit müsse auch in Tunesien gewahrt bleiben. Westerwelle forderte weiter die Freilassung aller politischen Gefangenen. Für Freitag wurde die tunesische Botschafterin in Berlin zu einem Gespräch ins Auswärtige Amt gebeten.

In Tunesien gehen derzeit Tausende Menschen gegen Präsident Sein al-Abidin Ben Ali auf die Barrikaden, Dutzende sind bei den Krawallen ums Leben gekommen. Nach Informationen des französischen TV-Senders BFM ist am Donnerstag in Tunis ein US-Journalist angeschossen worden. Unklar blieb, um wen es sich dabei handelt. Er sei nahe dem Stadtzentrum von einer Polizeikugel am Bein getroffen worden, berichtete BFM-TV. Die Ordnungskräfte hätten mit scharfer Munition in die Menge gefeuert, nachdem von dort Steine geworfen worden waren.

Straßenschlachten in Tunis

Im Stadtteil Lafayette sei mindestens ein weiterer Demonstrant erschossen worden. Ein Reuters-Journalist in Tunis berichtete von Zusammenstößen in Tunis wenige hundert Meter von der Zentralbank. Die Polizei riegelte Teile der Stadt ab, schwarzer Rauch stieg in den Himmel. Sie lieferte sich erneut Straßenschlachten mit etwa 300 Demonstranten. Sicherheitskräfte haben den Sitz der größten tunesischen Gewerkschaft umzingelt. Die Regierung sagte vorläufig alle Sportwettkämpfe ab. Bereits in der Nacht hatte es ungeachtet der Ausgangssperre heftige Krawalle in Tunis gegeben, bei denen mehrere Menschen ums Leben kamen.

Nach offiziellen Angaben ist die Zahl der Toten bei den Protesten nun auf 23 gestiegen. Menschenrechtler dagegen zählten bislang mehr als 60 Tote, von den nach Augenzeugenberichten viele erschossen wurden. Unter den Todesopfern ist auch ein franko-tunesischer Hochschuldozent. Der 38-Jährige unterrichtete an der Universität von Compiègne im Norden von Paris und war zu einem Austausch in Tunesien. Nach Augenzeugenberichten wurde er bei einer Demonstration in Douz im Süden des Landes von der Polizei erschossen. Die Demonstranten protestieren nach eigener Darstellung gegen die hohe Arbeitslosigkeit, die Korruption und die Unterdrückung im Land.

sto/dpa