Spanien Auf den Spuren von Don Quijote

Arabische Gärten und prächtige Herrenhäuser in Toledo, verbrannte Weiden in der Ödnis: Kastilien-La Mancha im Herzen Spaniens ist eine Region mit vielen Gesichtern. Vor allem ist sie die Heimat von Don Quijote, dem traurigsten Ritter der Literatur.


Weites Land: Region Kastilien-La Mancha
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Weites Land: Region Kastilien-La Mancha

Majestätisch thront Toledo auf dem Felsmassiv. Vom Südufer des Tajo aus fallen die Herrenhäuser und Stadtpaläste ins Auge, die den Hang säumen. Aus dem Gassengewirr steigen die Türme mittelalterlicher Kirchen empor. Synagogen und arabische Gärten lassen erahnen, wie Jahrhundertelang Christen, Juden und Muslime friedlich im "Jerusalem des Westens" zusammengelebt haben. So ist es kein Zufall, dass hier vor genau 400 Jahren einer der größten Genüsse der spanischen Literatur geschrieben wurde: Don Quijote de la Mancha.

Sein Autor Miguel de Cervantes (1547-1616) schreibt gleich zu Beginn: "Als ich mich eines Tages auf dem Alcaná in Toledo befand, kam ein Junge herzu und wollte einem Seidenhändler etliche Papiere verkaufen." Cervantes zahlte dem Jungen etwas Geld für die Papiere und suchte sich einen der arabischen Übersetzer in der Stadt. Dieser eröffnete dem bis dahin erfolglosen und verarmten Schriftsteller die "Geschichte des Junkers Don Quijote von der Mancha, geschrieben von Sidi Hamét Benengelí, einem arabischen Geschichtsschreiber".

 Toledo: "Jerusalem des Westens"
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Toledo: "Jerusalem des Westens"

Cervantes rollte die Geschichte neu auf und veröffentliche 1605 die Abenteuer des "Ritters von der Traurigen Gestalt" und seines Knappen Sancho Pansa. Obwohl diese Abenteuer nicht direkt in Toledo stattgefunden haben, so ist der Entstehungsort des Romans dennoch der ideale Ausgangspunkt für eine Reise auf den Spuren des Ritters.

Ein paar Schafe und Stiere in der Einöde

Der Weg von Toledo zum ersten und wohl bekanntesten Abenteuer Don Quijotes führt durch die endlose Weite der Mancha. Vereinzelt weiden Schafherden oder schwarze Stiere auf den verbrannten Weiden. Einöde und Stille in der Gegend sind beeindruckend - und beim Autofahren weiß man schon bald nicht mehr, ob der mittags genossene Rotwein oder doch die Sonne und die schnurgerade Straße die Sinne lahm legen.

Kurz vor Consuegra fühlt man sich unweigerlich an Don Quijote erinnert, der die auftauchenden Windmühlen für Riesen hielt. Im Galopp griff er an. Der Wind aber drehte den Mühlenflügel so herum, dass der Speer zerbrach und Ross und Reiter weggerissen wurden. Den ermatteten Autofahrern wird beim Besuch der mittelalterlichen Mühlen von Consuegra nicht so übel mitgespielt. Nur der kräftige Wind und die herrliche Aussicht auf die weite Ebene Kastilien-La Manchas holen den Besucher nach einer abwechslungslosen Tour aus dem Delirium.

Cervantes' detailgenaue Beschreibung der Orte und Landschaften ist es zu verdanken, dass Touristen auf der Reise durch die Mancha immer wieder das Gefühl haben, die fiktive Geschichte des "Ritters von der Traurigen Gestalt" habe sich wirklich hier zugetragen. Beim Besuch des Dulcinea-Museums in El Toboso oder der Höhlen von Montesinos beginnt man den Einheimischen zu glauben, die Stein und Bein schwören, dass Don Quijote und Sancho Pansa hier ihr Unwesen trieben.

 Erinnerung an einen Romanhelden: Don-Quijote-Figur
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Erinnerung an einen Romanhelden: Don-Quijote-Figur

Cervantes, der 1616 nach einem abenteuerlichen Leben als Soldat, Sträfling, Steuereintreiber und Schriftsteller arm und verlassen in Madrid starb, hätte sich wohl nie träumen lassen, dass eine ganze Nation aus seinem Meisterwerk Profit schlagen will. Das kulturelle Aushängeschild Spaniens wird nach allen Regeln der Kunst gefeiert. In Madrid werden genau 400 Jubiläumsaktivitäten stattfinden. Vor allem aber die strukturschwache Heimat des verrückten Ritters, Kastilien-La Mancha, will Touristen anlocken und ehrt Cervantes mit ähnlich mathematischer Präzision: Exakt 2005 Konzerte, Ausstellungen, Theateraufführungen, Kongresse und andere kulturelle Veranstaltungen befassen sich dieses Jahr mit dem "Ritter von der Traurigen Gestalt".

Die Wiederauferstehung von Don Quijote

Da ist zum Beispiel eine Don-Quijote-Route aus dem Boden gestampft worden, um Touristen auf den Spuren des Romanhelden durch die Dörfer, Städte und Naturlandschaften der Region zu führen. Von April und Juli reiten Don Quijote und Sancho Pansa sogar persönlich wieder durch die Mancha. 14 Wochen lang besucht das Duo alle Orte entlang der Route und zeigt an den wichtigsten Plätzen das Schauspiel seiner Abenteuer.

 Karte von Kastilien-La Mancha: Im Herzen der iberischen Halbinsel
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Karte von Kastilien-La Mancha: Im Herzen der iberischen Halbinsel

Auch wenn einige Einheimische aus Argamasilla del Alba, El Toboso oder Campo de Criptana schon jetzt vom angekündigten Rummel entnervt sind: Mit Blick auf die Touristenheerscharen erinnert man sich in den Dörfern von Kastilien-La Mancha gerne des "Ritters von der Traurigen Gestalt". Nur die Hirten, die wie vor Jahrhunderten Schafe durch die Hügellandschaft treiben, scheinen einen kühlen Kopf zu bewahren: Die Touristen werden wohl auch nicht über sie herfallen wie einst der verrückte Ritter, der die Herden mit feindlichen Heeren verwechselte.

Manuel Meyer, gms



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