Stau-Forschung Sturheit zahlt sich aus

Umfahren oder durchhalten? Seit Jahren beschäftigen sich Stauforscher mit der Frage, wie man trotz Verkehrsstörungen am schnellsten ins Ziel kommt. Ergebnis: "Zocker" und "Stoiker" haben statistisch gesehen die Nase vorn.

Duisburg/Frankfurt am Main - Wer mit dem Auto in den Sommerurlaub fährt, wenn alle fahren, weiß: Vor dem Ausruhen am Meer kommt die Quälerei durch den Stau. Allein im letzten Jahr mussten sich Millionen Ferienhungrige zur Hauptreisezeit durch Blechlawinen von insgesamt 13.850 Kilometer Länge kämpfen, wie der Autoclub ADAC ausgerechnet hat. Das entspricht etwa der Entfernung Deutschland - Australien. Und alle Jahre wieder wird darüber gestritten: Soll man auf die Staumeldung im Radio reagieren und abfahren? Oder lieber nicht?

Für Stauforscher Michael Schreckenberg, Professor für Physik von Transport und Verkehr an der Uni Duisburg-Essen, ist die Antwort klar: durchhalten statt Ausweichrouten. Selbst wenn der Verkehr dahinkriecht, komme man auf Autobahnen immer noch schneller ans Ziel als auf überlasteten Nebenstraßen. "Das Umfahren lohnt sich unterm Strich nicht", fasst der Wissenschaftler das Ergebnis seiner Studien zusammen. Wer rausfahre, habe meist nur den Eindruck, er komme rascher vorwärts.

"Das ist aber nur ein psychologischer Effekt", winkt der Experte ab: "Keine wirkliche Strategie." Fahren nur zehn Prozent der Autofahrer von der Autobahn ab, sei jede Alternativroute schon nach kurzer Zeit ebenfalls dicht. Dazu kommt: Auf der Fahrt in den Urlaub ist man in der Regel nicht gut vorbereitet auf unbekannte Seitenstraßen. Bei einer Autobahn-Vollsperrung sollte man allerdings abfahren, sobald sich Gelegenheit bietet.

Quengelnde Kinder, hoher Spritverbrauch

Alfred Fuhr, Leiter des Instituts für Verkehrssoziologie beim Autoclub AvD, kennt noch drei weitere Gründe, die fürs Abfahren sprechen: Wenn die Kinder quengeln, kein Proviant dabei ist oder der Sprit im Tank zur Neige geht. Einige Autos schlucken im Stop-and-go-Verkehr bis zum 40-Fachen des sonstigen Benzinverbrauchs. "Ansonsten ist man auf der Autobahn selbst im Stau relativ gut aufgehoben", meint auch Fuhr. Gut ausgebaute Fernstraßen schafften etwa das Dreifache an Verkehrsaufkommen wie Umgehungsstraßen.

Trotzdem fährt fast die Hälfte der Autofahrer (44 Prozent) von der Autobahn ab, wenn ein Stau über Radio oder Navigationssystem gemeldet wird, hat Schreckenberg bei Untersuchungen herausgefunden. Der Wissenschaftler nennt diese Gruppe die "Sensiblen". Wer zum Typ der "Taktierer" oder "Zocker" gehört, fährt dagegen unerschrocken aufs Stauende zu. Ihr Credo: Bis ich dort bin, hat sich das Ganze schon wieder aufgelöst. Und die "Konservativen" (42 Prozent) ignorieren Stauwarnungen einfach. Zu ihnen gehört die Untergruppe der "Stoiker", die nicht nur Staumeldungen in den Wind schlagen, sondern auch immer stur die gleiche Route zum Ziel fahren und davon nicht abweichen wollen. Sie machen es offenbar richtig. Sie kommen jedenfalls am schnellsten an, hat der Wissenschaftler herausgefunden.

Fahrt in den Urlaub antizyklisch planen

Von Stauwarnungen aus dem Radio solle sich grundsätzlich niemand verrückt machen lassen, rät Soziologe Fuhr. Nach seinen Erkenntnissen liegt nämlich jede dritte Verkehrsmeldung des Rundfunks daneben. Viele Staus entpuppten sich als längst aufgelöst, während sich vermeintlich kleine Engpässe häufig als kilometerlange Blechlawinen erwiesen. Der Staubericht ist nämlich - wenn er vom Radiosprecher verlesen wird - im Schnitt schon 40, 45 Minuten alt.

Auch das Vertrauen ins Navigationssystem sollte sich in Grenzen halten, empfiehlt Schreckenberg. "Navis wollen ihren Wert beweisen, indem sie immer zum Umfahren raten." Doch darauf sei längst nicht immer Verlass, meint er. Die Datenlage der Geräte zum nachgeordneten Verkehrsnetz, also den Umgehungsrouten, sei keinesfalls perfekt.

"Wir können den Leuten nur raten, die Fahrt in den Urlaub antizyklisch zu planen und stark frequentierte Wochenenden zu meiden", betont Carla Bormann vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat. Stop-and-Go-Fahren sei immer Stress. Die meisten Unfälle passierten ausgerechnet dann, wenn ein Stau sich endlich auflöse.

Von Berrit Gräber, AP

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.