Stiftung Warentest Selbst ist der Bahnkunde

Das Urteil der Stiftung Warentest über den Beratungsservice der Bahn fällt verheerend aus: Die Fahrkartenverkäufer nannten in der Hälfte der Anfragen nicht den günstigsten Tarif. Empfehlung der Tester: erst selber im Internet recherchieren, dann kaufen.


Bahntest: Die günstigeren Verbindungen mit Regional- oder IC-Zügen spuckt das Computersystem nicht auf Anhieb aus
DDP

Bahntest: Die günstigeren Verbindungen mit Regional- oder IC-Zügen spuckt das Computersystem nicht auf Anhieb aus

Berlin - Das Ergebnis einer Untersuchung der Stiftung Warentest ist noch schlechter als das des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) in der letzten Woche. Dem Gutachten des VCD zufolge wird fast jeder dritte Bahnkunde mit zu teuren Fahrkarten, zu langer Reisezeit und zu häufigem Umsteigen auf Reisen geschickt. Nach einem Bericht der Zeitschrift "Test" der Stiftung sei bei Testkäufen sogar in jedem zweiten Fall nicht die billigste Variante genannt worden. Bei jeder vierten Auskunft habe auch die nochmalige Nachfrage keinen Erfolg gebracht. Der Fahrschein kostete deshalb teils mehr als das Doppelte. Im Gesamturteil bekam die Preisberatung nur die Note vier.

Bei der Einführung des neuen Preissystems der Bahn vor drei Monaten hatte die Bahn mit dem Slogan geworben, das Bahnfahren werde "so billig wie noch nie". Nach 120 Testgesprächen am Schalter und mit der Telefonberatung der Bahn lautete das Urteil der Stiftung Warentest jedoch: "Das Preissystem und seine technische Umsetzung erweisen sich als zu kompliziert und unübersichtlich."

Dem Test zufolge nennen Berater häufig nur teure ICE-Verbindungen. Verschwiegen werde oft, dass preiswertere IC- und Regionalzüge nur unwesentlich langsamer seien. Die Stiftung empfiehlt daher, vor dem Ticketkauf auf der Homepage der Bahn im Internet zu recherchieren. Die Online-Auskunft der Bahn zeige alle Verbindungen, darunter auch die mit den preisgünstigen Regionalzügen und ICs. Die Tester lobten aber auch, dass viele Reisen billiger geworden seien. "Zu den größten Gewinnern gehören Kleingruppen und Familien mit Kindern im Alter zwischen sechs und 14 Jahren."

Die Bahn forderte die Stiftung auf, die Testmethoden durch einen unabhängigen Gutachter überprüfen zu lassen. Sie schlug den Verkehrsforscher Heinz Hautzinger vom Heilbronner Institut für angewandte Verkehrs- und Tourismusforschung (IVT) vor, der bereits massive Zweifel an der Studie äußerte. Die Ergebnisse ließen nur Aussagen über die Beratungsqualität in Großstädten zu. Insgesamt habe die Bahn jedoch 730 Reisezentren, davon die meisten in kleineren Gemeinden.

Als Reaktion auf die Testergebnisse des VCD hatte Bahnchef Hartmut Mehdorn angekündigt, mehr als 200 Millionen Euro in ein elektronisches "Reisenden-Informations-System" zu investieren, um die Beratungsqualität zu verbessern.



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