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19. Dezember 2018, 05:10 Uhr

Kreuzfahrtschiffe im Test

Abgasreinigung "mangelhaft"

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Die Stiftung Warentest hat die Kreuzfahrtbranche untersucht und ging an Bord von zwölf Schiffen. Geprüft wurden Sicherheit, Arbeitsbedingungen, Umweltschutz. Fazit: "Dicke Luft, aber sicher."

Am Mittwoch wird wieder mal ein neuer Riesenkreuzer in Dienst gestellt: Die "Aida Nova" mit Platz für 6600 Passagieren geht ab Teneriffa auf Jungfernfahrt - endlich. Denn ein Brand an Bord und mehrere Verzögerungen bei der Auslieferung machten schon den ersten Termin hinfällig. Das erste Kreuzfahrtschiff, das ausschließlich mit Flüssigerdgas (LNG) betrieben werden soll, hat Startschwierigkeiten.

Im Gegensatz zur Branche, die kontinuierlich immer neue Erfolge kundtut: Weltweit sollen im kommenden Jahr 30 Millionen Urlauber eine Kreuzfahrt machen, teilte der Verband CLIA mit, das seien sechs Prozent mehr als 2018. Deutschland stellte nach der jüngsten Statistik im Jahr 2017 knapp 2,2 Millionen Gäste - Top eins unter den Europäern. Die Auftragsbücher der Werften sind voll, 2019 übergeben sie weltweit 18 neue Kreuzfahrtschiffe an die Reeder.

Für die Stiftung Warentest ist dies Grund genug, die großen Anbieter auf dem deutschen Markt unter die Lupe zu nehmen. Fazit: "Dicke Luft, aber sicher", so lautet die Überschrift des Berichts. Sicher könnten sich Passagiere auf den Schiffen fühlen - hier gab es durchweg die Note "gut". Doch in Sachen Arbeitsbedingungen und Umweltschutz ist noch viel Luft nach oben: Über "ausreichend" beziehungsweise "befriedigend" (also 4 oder 3 bei einer Skala bis 5) kam hier kein Anbieter hinaus. (Hier finden Sie die Testergebnisse im Einzelnen (kostenpflichtig).)

Mit zwei Experten eines Prüfinstituts für Nachhaltigkeit gingen die Tester an Bord von jeweils drei Schiffe von Aida Cruises, TUI Cruises, MSC und Costa Crociere - mit Baujahren zwischen 1996 ("Costa Victoria") und 2018 ("Mein Schiff 1"). Dort trafen sie auf Reedereien, die ihnen Türen, Kontroll- und Maschinenräume öffneten und Zugang zu Dokumenten, Protokollen und Mitarbeitern gewährten. "Wohl noch nie zeigten sich die Reedereien so transparent", schreibt die Stiftung.

"Mangelhaft" bei der Emissionsvermeidung

In der Kategorie Umweltschutz erzielten die Betreiber der Riesenschiffe beim Umgang mit Wasser und Abfall noch überwiegend ein "befriedigend". Doch beim größten Problem der Kreuzfahrt enttäuschten die Reedereien: Für die Maßnahmen zur Emissionsvermeidung erhielten sie ein "mangelhaft", bis auf "Aida Prima", die im Hafen mit LNG versorgt werden kann ("befriedigend"). "Die gesetzlichen Umweltanforderungen werden erfüllt", sagt Test-Projektleiterin Simone Lindemann dem SPIEGEL. Doch: "Nachhaltige Unternehmensverantwortung beginnt dort, wo die Gesetze aufhören."

Abgasnachbehandlungssysteme werden beispielsweise ausgeschaltet, wenn sie nicht für die Einhaltung von Schwefelgrenzwerten benötigt werden. Selbst beim saubersten Schiff des Tests, der "Aida Prima", seien die Filter nicht ständig in Betrieb. Sobald möglich, werde Schweröl statt des saubereren, aber teureren Marinediesels eingesetzt: "Wir waren beeindruckt, wie minutiös die Schiffe den Wechsel der verschiedenen Treibstoffarten steuern können - das passiert allerdings aus Kosten- und nicht aus Umweltschutzgründen."

Keine der Reedereien schnitt auch in der Unternehmenspolitik in Sachen Umweltschutz besser als "befriedigend" ab. Was die Anbieter leisten müssten, um bessere Noten zu erhalten? "Was fehlt, ist eine flottenweite Verschriftlichung von Verpflichtungen - zum Beispiel den kontinuierlichen Betrieb von Abgasnachbehandlungssystemen in Gewässern weltweit", sagt Lindemann. Sonst könnten Maßnahmen von Schiff zu Schiff anders gehandhabt werden.

Die "Aida Nova", die ab Mittwoch das sauberste unter den Kreuzfahrtschiffen weltweit sein wird, setzt auf LNG statt auf Schweröl oder Marinediesel: kaum noch Schwefel- und Stickoxide in den Abgasen und kein Feinstaub, dazu ist auch der Kohlendioxid-Ausstoß reduziert. Doch diese Technik bleibt eine Übergangslösung: Denn auch Erdgas ist ein fossiler und damit endlicher Rohstoff. Zudem entsteht bei der Herstellung, die zudem noch zum Teil per Fracking geschieht, das klimaschädliche Methan.

Extreme Arbeitszeiten bei niedrigen Löhnen

Allesamt böten die Reedereien ein hohes Sicherheitsniveau, so das Testergebnis - angetrieben auch durch die Katastrophe der Costa Concordia 2012. Kurs, Wetter- und Maschinendaten werden inzwischen von Landzentren kontrolliert, Notfallübungen laut Warentest problemlos durchgeführt. Aida und Costa betreuten Menschen mit Handicaps bei Evakuierungen und auch im Bordalltag am besten - etwa mit Treppenraupen und Blitzalarmen. Zum Teil aber fehlten Defibrillatoren und Desinfektionsmittelspender in den öffentlichen Räumen.

Bei den Arbeitsbedingungen tut sich bei den Kreuzfahrtreedereien nicht viel: Noch immer erhalten viele der Crewmitglieder vor allem im Hotel- und Servicebereich niedrige Gehälter und haben zugleich extreme Arbeitszeiten ohne freie Tage - manchmal zehn Monate lang. Auch hier gibt es kaum Unterschiede zwischen Aida, TUI, Costa und MSC. Keines ihrer Hochseeschiffe fährt unter deutscher Flagge - so werden das strengere deutsche Arbeitsrecht, Mindestlohn und Steuerabgaben umgangen. Das trage "dazu bei, dass Kreuzfahrten heute für viele erschwinglich sind", so die Tester. (Mehr zu dem Thema lesen Sie hier.)

Höhere Kosten müssten am Ende auf die Passagiere umgeschlagen werden, so lautet oft die Argumentation der Kreuzfahrtanbieter - Reisen an Bord würden deutlich teurer. "Aber in dieser Form Urlaub zu machen, ist umweltbelastend, und das für einen Preis, der niedriger sein kann als für Landurlaub", sagt Lindemann. "Da sollte man als Verbraucher innehalten und erwägen, mehr zu zahlen."

Im Video: Boombranche Kreuzfahrten

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