Streik in Heathrow Flugausfälle können noch Tage andauern

Ausnahmezustand am Londoner Flughafen Heathrow: Der Streik eines Catering-Unternehmens hat die Fluggesellschaft British Airways in ein Chaos ohne absehbares Ende gestürzt. Mehr als 70.000 Passagiere sitzen in London fest. Auch in Deutschland sind Tausende Reisende betroffen.


Streik in Heathrow: Bis zu 70.000 Passagiere sitzen fest
AFP

Streik in Heathrow: Bis zu 70.000 Passagiere sitzen fest

London - Den zweiten Tag in Folge sitzen Tausende Passagiere der BA wegen wilder Streiks fest. Fast 100 British-Airways-Maschinen und 1000 Piloten und Crew-Mitglieder halten sich inzwischen an falschen Einsatzorten auf, und ein Ende des Ausstands ist nicht in Sicht. Daher kann die Unterbrechung des normalen Flugverkehrs von British Airways (BA) noch Tage dauern, befürchtet die Unternehmensleitung. Auch der Direktor des Flughafens Heathrow, Mick Temple, rechnet mit erheblichen Störungen der BA-Flüge noch für mehrere Tage.

Viele der gestrandeten Passagiere sind verzweifelt: "Ich werde heiraten und ich muss fliegen", erklärte Lillian Kessy der BBC. Zu ihrer Hochzeit müsse sie am Samstag in Harare in Simbabwe sein. Auch Nigel Turner fürchtet um das Erlebnis seines Lebens: Er will den Kilimandscharo besteigen. "Ich plane dies schon seit 18 Monaten."

Wie andere Passagiere klagt auch Allen Sing, ein amerikanischer Geschäftsmann aus Hongkong, über unklare Angaben der BA-Mitarbeiter. "Als es klar war, dass alle Flüge gecancelt werden, wollte ich in mein Hotel zurück", sagte Sing der Nachrichtenagentur AP. "Doch mir wurde gesagt, dass ich mein Gepäck niemals wiedersehen würde, falls ich den Flughafen verließe. Jetzt bin ich umgebucht, aber ich habe immer noch keine Ahnung wie ich meine Koffer wiederbekommen kann." Die Notfallnummern der BA wären ständig besetzt.

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Flughafen Heathrow: "Please wait"

Nach Angaben einer BA-Sprecherin in Frankfurt gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters sind auch alle für Freitag geplanten Flüge des Unternehmens zwischen deutschen Flughäfen und London-Heathrow bis 18 Uhr von dem Streik betroffen. Dagegen fänden die Flüge von und nach London-Gatwick sowie dem Londoner City-Flughafen statt. Es werde geprüft, ob Fluggäste auf diese Maschine umgebucht werden könnten.

In Frankfurt fielen insgesamt 13 British-Airways-Flüge von und nach Heathrow aus, wie Alfred Schmöger vom Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport mitteilte. In München wurden neun Flüge gestrichen, in Berlin vier und in Stuttgart zwei. In Hamburg fielen die beiden Morgenflüge der BA nach London aus. Ob die Flugzeuge um 17.25 Uhr und um 19.45 Uhr starten könnten, sei noch nicht klar, sagte ein Flughafensprecher.

Streik aus Solidarität

Die britische Fluglinie hat zunächst bis heute Abend alle Flüge in Heathrow gestrichen, das sind 500 Kurz- und Langstreckenflüge. Bis 18 Uhr Ortszeit werde es keine BA-Flüge von Europas wichtigstem Airport aus geben, sagte ein Sprecher des Unternehmens. Bis zu 70.000 Passagiere könnten bis dahin nicht weiterreisen, berichtete der Fernsehsender BBC. Auch andere Fluggesellschaften - darunter die australische Qantas, Sri Lankan Airlines und Finnair - seien betroffen.

Die Streiks zum Höhepunkt der sommerlichen Reisezeit begangen nachdem am Mittwoch 800 Mitarbeitern der amerikanischen Catering-Firma Gate Gourmet entlassen worden waren, die aus Protest gegen Umstrukturierungspläne in einen wilden Streik getreten waren. Das führte zu Engpässen bei der Versorgung der Maschinen von British Airways (BA) mit Bordverpflegung. Gestern starteten Hunderte BA-Maschinen ohne Mahlzeiten für die Passagiere ab Heathrow, darunter auch Transatlantikflüge.

Der Konflikt eskalierte schließlich, als aus Solidarität spontan 1000 Mitarbeiter der Gepäckabfertigung und des Bodenpersonals auf dem Flughafen Heathrow, die derselben Gewerkschaft angehören, ihre Arbeit niederlegten. Am frühen Nachmittag saßen mehrere hundert Passagiere in insgesamt 19 Maschinen auf dem Rollfeld fest, weil niemand da war, der die Gangway an die Flugzeuge heranfuhr. Erst nach mehreren Stunden konnten die entnervten Insassen die Maschinen verlassen.

"Die Warteschlange ist ein Alptraum"

BA musste zunächst rund 120 Kurz- und Langstreckenflüge absagen, einige ankommende Flüge wurden auf andere Städte umgeleitet. Check-in-Schalter der BA wurden geschlossen. Vor den Reservierungsschaltern für Umbuchungen auf spätere Flüge bildeten sich in Heathrow lange Warteschlangen. "Die Warteschlange ist ein Alptraum", sagte ein BA-Mitarbeiter. "Wenn Sie irgendwohin gehen können, gehen sie und rufen Sie später an", riet er. Eine Gruppe Deutscher hatte das Glück, ein Hotel in der Nähe des Flughafens zu finden. "Ein paar Kumpels kaufen Getränke und wenn sie sich eingedeckt haben, machen wir uns auf den Weg", sagte einer von ihnen.

Im Terminal 4 versuchten in der Nacht rund tausend Passagiere zu schlafen. Per Lautsprecheransage wurden all diejenigen, die nicht auf einen Flug warteten, aufgefordert die Halle zu verlassen, berichtet BBC. Die Türen wurden verschlossen, da die Fluggesellschaft eine Überfüllung verhindern wollte. Mehrere hundert Menschen warteten daraufhin außerhalb des Gebäudes. Die BA hätte für rund 4000 ihrer festsitzenden Passagiere Hotelzimmer buchen können, sagte Sprecher Tony Cane, die meisten der Reisenden wären jedoch nach Hause gefahren.

BA-Chef Rod Eddington entschuldigte sich in einer Erklärung bei den Fluggästen und forderte ein Ende des Streiks. Es sei bedauerlich dass "wir uns in einen Konflikt verwickelt sehen, der andere betrifft". Wann British Airways wieder zu normalem Flugbetrieb zurückkehren würde, konnte die Gesellschaft zunächst nicht sagen. Fluggäste sollten den Flughafen zunächst besser meiden und sich bei der BA oder unter www.ba.com informieren.

Lufthansa rechnet nicht mit Beeinträchtigungen

Andere deutsche Fluggesellschaften sehen derzeit allerdings keine negativen Auswirkungen. "Wir rechnen nicht mit Beeinträchtigungen", sagte ein Sprecher der Deutschen Lufthansa, die ebenfalls den Flughafen London-Heathrow anfliegt. Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft, Air Berlin, steuert ausschließlich den Flughafen London-Stansted an.

BA-Passagiere konnten mit anderen Gesellschaften nach Heathrow fliegen. "Wir nehmen jeden Kunden mit, wenn Plätze frei sind", sagte Lufthansa-Sprecher Thomas Jachnow. Allerdings sei die Route nach London stark ausgelastet. Deshalb wollte die Fluggesellschaft den Einsatz größerer Maschinen von und nach Frankfurt und München prüfen. Wer auf Lufthansa umbuchte, musste Jachnow zufolge kein neues Ticket bezahlen. Lufthansa bekomme von British Airways die entsprechenden Ausgaben erstattet.



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