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11. Februar 2007, 12:01 Uhr

Streit um Fluglärm

400 Tonnen schwere Bedrohung aus der Luft

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Der Flughafen Zürich ist zum Zankapfel deutscher und schweizer Politiker geworden. Grund ist der Lärm landender Jets. Neue Einflugschneisen sollen jetzt Abhilfe schaffen - doch sie erfordern riskante Manöver der Piloten. Der Konflikt eskaliert.

Der Landkreis Waldshut am südöstlichen Rand des Schwarzwaldes ist ein schönes Stück Deutschland: grüne Berge, verwunschene Täler, beschauliche Dörfer und natürlich der majestätische Fluss, der sich vom Bodensee kommend gen Westen schlängelt. Doch ungetrübt ist diese Idylle nicht. Ein massives Problem hängt buchstäblich in der Luft, und das gleich ein paar hundert Mal am Tag. Im Anflug auf den Flughafen Zürich-Kloten dröhnen schwere Maschinen über das deutsche Grenzgebiet hinweg. Schon seit Jahrzehnten, zum Leidwesen der Bevölkerung. Über 400 Tonnen kann ein vollbesetzer Jumbojet wiegen - und sorgt nach Flughöhe für ordentlich Krach am Boden.

Flugschneise Süd: Bürgerinitiativen in und um Zürich fordern ebenfalls Einschränkungen im Luftverkehr
DPA

Flugschneise Süd: Bürgerinitiativen in und um Zürich fordern ebenfalls Einschränkungen im Luftverkehr

Circa 100.000 Anflüge jährlich, das entspricht 80 Prozent der in Zürich landenden Flugzeuge, werden über dem deutschen Luftraum abgewickelt. Den Lärmbetroffenen ist das zu viel. "Wir sind selbstverständlich bereit, einen Teil der Last zu tragen, als gute Nachbarn", sagt der Waldshuter Landrat Tilman Bollacher zu SPIEGEL ONLINE. Er und seine Mitstreiter fordern eine Höchstgrenze von 80.000 Anflüge pro Jahr, kombiniert mit dem im Jahr 2003 für deutsches Gebiet verhängten Flugverbot zwischen 21 und 7 Uhr sowie zusätzliche Ruhe am Wochenende und an Feiertagen. Das wiederum schmeckt vielen Schweizern nicht.

"Wir brauchen einen guten Interkontinental-Flughafen"

In einem kürzlich in der "Badischen Zeitung" veröffentlichten offenen Brief richtet sich der Züricher Stadtpräsident Elmar Ledergerber an Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger und die "lieben Nachbarinnen und Nachbarn im südlichen Schwarzwald". Ledergerbers Bitte: Man möge "die einseitige Verordnung" bezüglich der Nutzung des deutschen Luftraums überdenken, denn "der Flughafen muss sich in Ihrem und unseren Interesse entwickeln können". Offensichtlich rechnet der Stadtpräsident in Zukunft mit einer Zunahme des Zürcher Luftverkehrsaufkommens und hält sie gar für erstrebenswert. Um sein Anliegen zu untermauern, listete Ledergerber Beispiele für die intensive wirtschaftliche Verflechtung zwischen dem Umland Zürichs und dem Südschwarzwald auf. Gleichzeitig warnt der Politiker vor "Scharfmachern" auf Schweizer Seite, die Sanktionen fordern und deren "Stimmen an Bedeutung zulegen könnten." Sorgfältig gewählte Worte für eine unverkennbare Drohung.

Ledergerbers größtes Problem sind die Fluglärm-Rebellen in den eigenen Reihen. Bürgerinitiativen in und um Zürich fordern ebenfalls Einschränkungen im Luftverkehr, vorrangig in Bezug auf die sogenannten Randzeiten von 6 bis 7 Uhr morgens und abends ab 9 Uhr, also während der Sperrung des deutschen Luftraums. Zu diesen Zeiten steuern die Maschinen den Flughafen fast ausschließlich vom Süden her an. Sie überfliegen dabei dicht besiedelte Wohngebiete in nur 250 Metern Höhe. Nachts wird Zürich-Kloten (noch) nicht angeflogen.

Roland Munz, Mitglied der "Bürgerinitiative Zürich Nord gegen Fluglärm", ist persönlich betroffen. "Ich lebe direkt unter der Südanflugschneise", betont der Aktivist. "Den Häusern hier fehlt die Schallisolation". Kein Wunder, denn vor dem Inkrafttreten der deutschen Verordnung war Fluglärm in diesen Stadteilen unbekannt. Munz ist auch Abgeordneter der Schweizer Sozialdemokratischen Partei (SP) im Zürcher Kantonsparlament. "Wir brauchen natürlich einen guten Interkontinental-Flughafen", beschreibt er die Position seiner Partei. "Eine solche lässt sich jedoch nicht gegen die Bevölkerung betreiben".

"Das ist Risikopotential pur"

Dementsprechend fordert Roland Munz neun Stunden Nachtruhe und einen weitgehenden Verzicht auf Südanflüge. Einer "größeren Zunahme" des Luftverkehrs erteilt er ebenfalls eine Absage. Interessanterweise steht diese Position des Kantonsabgeordneten wohl im Gegensatz zu dem seines SP-Parteifreundes, Stadtpräsident Elmar Ledergerber, der eine "Entwicklung" anvisiert. Ledergerber hat allerdings auch einen Sitz im Verwaltungsrat der Flughafen Zürich AG.

Als mögliche Lösung für den deutsch-schweizerischen Grenzzwist hat man sich auf eidgenössischer Seite etwas ganz Besonderes ausgedacht: den "gekröpften" Nordanflug. Dabei sollen sich die Maschinen Zürich vom Westen her nähern, um anschließend auf den letzten Meilen nach Süden zu schwenken und den Flughafen auf Sicht anzusteuern. "Das ist Risikopotential pur", schimpft Rolf Weckesser, Luftwaffenoberst a.D. und Vorsitzender der Bürgerinitiative Flugverkehrsbelastung Landkreis Waldshut e.V. Der Fachmann weist auf mehrere flugtechnische Komplikationen sowie auf drei Kernkraftwerke, ein Atommüll-Zwischenlager und einen Forschungsreaktor hin, die damit direkt in der Einflugschneise lägen. Folglich bezeichnet Weckesser die Idee als "grotesk" und vermutet dahinter pures politisches Taktieren.

Welches Gebiet wäre vom Nordanflug betroffen? Lesen Sie hier weiter

Vorbereitungen für einen politischen Deal?

Die Schweizer Bürgerinitiativen befürworten den "gekröpften" Nordanflug, weil diese Variante über relativ dünn besiedeltes Gebiet direkt südlich des Hochrheins führt. Laut internationalem Standard müsste der Korridor beidseitig des Flugweges mindestens 3,5 nautische Meilen (5,6 Kilometer) breit sein, nach Norden hin ist allerdings bis zur deutschen Grenze zum Teil nur eine Meile Platz vorhanden. Das eidgenössische Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) verlangt deshalb eine spezielle Sicherheitsprüfung, die zurzeit von der Luftraumüberwachungsfirma Skyguide durchgeführt wird. "Der gekröpfte Nordanflug ist eine navigatorische Herausforderung und bei schlechten Sichtbedingungen nicht möglich", sagt Skyguide-Sprecher Patrick Herr. Er will dennoch keine Prognose über den Ausgang des Verfahrens geben. Das Ergebnis soll Ende Februar vorliegen.

Skyguide-Flugkontrollzentrum: Der "gekröpfte" Nordanflug würde teilweise deutsches Territorium betreffen
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Skyguide-Flugkontrollzentrum: Der "gekröpfte" Nordanflug würde teilweise deutsches Territorium betreffen

Sollte die Sicherheitsprüfung auf eine Meile Nordbreite negativ ausfallen, müsste der "gekröpfte" Nordanflug teilweise deutsches Territorium belegen und die Idee würde wahrscheinlich an einem Veto aus der Bundesrepublik scheitern. Die Enttäuschung wäre gewiss groß, aber die Schuldigen säßen – zumindest aus Schweizer Sicht – jenseits des Rheins. Am 18. April dieses Jahres finden im Kanton Zürich Wahlen statt.

In den höheren Etagen der deutschen Politik hält man sich indes auffällig bedeckt. Über ein Treffen zwischen Vertretern beider Staaten in Bonn, an dem im vergangenen Monat auch Landrat Tilman Bollacher teilnahm, wird weitgehend Stillschweigen bewahrt. "Wir haben uns darauf geeinigt, nicht über alle Details öffentlich zu berichten. Für Arbeitsgruppen auf technischer Ebene ist das absolut üblich", beruhigt Bollacher. Das Bundesverkehrsministerium wollte zu den Entwicklungen keine Erklärung abgeben. Einige Vertreter der Bürgerinititiativen vermuten Vorbereitungen für einen Tauschhandel. Als Gegenleistung für ein deutsches Entgegenkommen im Luftraum könnte zum Beispiel die Verlängerung der A98 über Schweizer Gebiet bei Schaffhausen ermöglicht werden. Die Betroffenen lehnen solche "Paketlösungen" jedoch ab.

Und Ministerpräsident Oettinger? In einer Stellungnahme zum offenen Brief des Stadtpräsidenten Ledergerber erklärte der baden-württembergische Landesvater zwar, dass "die von der Bundesregierung erlassenen Anflugbeschränkungen" zu einer "merklichen Verbesserung der Lärmsituation" geführt haben, "auf die wir nicht verzichten können". Doch im nächsten Satz heißt es: "Wer einen Ausbau des Flughafens Zürich und eine Lockerung der Anflugbeschränkungen will, muss hierfür viel stärker als bisher um Vertrauen werben und Argumente vorlegen". Eine klare Absage klingt anders.

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