Studie der EU-Kommission Deutsche kritisieren Unpünktlichkeit der Bahn

Komplizierter Ticketkauf, unpünktliche Züge, zu wenig Sitzplätze: Den Deutschen missfällt so einiges am Reisen per Bahn. Wie eine EU-Studie ergab, sind sie weitaus bahnverdrossener als andere Europäer - doch in einigen Kategorien haben die Deutschen auch Lob übrig.

Wartehaltung: Nur 46 Prozent der Deutschen fühlen sich bei Verspätungen gut informiert
DPA

Wartehaltung: Nur 46 Prozent der Deutschen fühlen sich bei Verspätungen gut informiert


Brüssel - Sauertöpfisch unterwegs: Die Deutschen gehören zu den am wenigsten zufriedenen Bahnkunden Europas. Bei einer von der EU-Kommission in Auftrag gegebenen Umfrage gaben 46 Prozent der deutschen Bahnreisenden an, sehr oder ziemlich unzufrieden mit der Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit der Bahn zu sein. Noch kritischer zeigten sich in dieser Kategorie nur die Polen.

Bei der im März erhobenen Umfrage bewerteten die Befragten unter anderem Zugverbindungen und Bahnhöfe sowie den Komfort und die Sicherheit der Bahn in ihrem Land. Deutschland landete dabei deutlich unter dem Schnitt der 27 EU-Länder, wie die EU-Kommission am Mittwoch bei der Veröffentlichung des Eurobarometers in Brüssel mitteilte.

Aus Kundensicht lässt hierzulande der Service zu wünschen übrig. Nur etwas mehr als die Hälfte der deutschen Bahnkunden (54 Prozent) findet den Fahrkartenkauf einfach, europaweit sind es 79 Prozent. Außerdem bemäkeln die Deutschen die geringen Sitzkapazitäten in den Zügen: Gerade mal 59 Prozent sind damit sehr oder ziemlich zufrieden, der europäische Schnitt liegt bei 67 Prozent. Auch die schlechte Informationspolitik - vor allem bei Verspätungen - ist für viele ein Ärgernis: Nur 46 Prozent gaben an, sich gut mit Informationen versorgt zu fühlen.

Ähnlich schlecht wie in Deutschland schnitt die Bahn auch bei den Franzosen, Schweden und Rumänen ab. Viele Europäer ärgern sich über fehlende Informationen bei Verspätungen und Entschädigungen sowie über zu wenig Unterstützung für Behinderte und Alte. Ganz vorn bei der Zufriedenheit lagen Irland, Lettland und Litauen.

Doch auch die Deutschen hatten nicht an allem etwas zu meckern: Das Niveau des Sitzkomforts in der Bahn bewerteten 82 Prozent der befragten Deutschen als zufriedenstellend. Auch beim Thema Sicherheit liegt die Meinung der Befragten über dem Schnitt: 79 Prozent gaben an, sich auf deutschen Bahnhöfen sehr oder ziemlich sicher zu fühlen, an Bord der Züge sind es sogar 88 Prozent.

jus/dpa

insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Robert Rostock, 16.06.2011
1. Jammern auf hohem Niveau.
---Zitat von SPON-Artikel--- Ganz vorn bei der Zufriedenheit lagen Irland, Lettland und Litauen. ---Zitatende--- OK. Dann bringen wir unser Bahnsystem auf das Niveau von Irland, Lettland und Litauen. Mehdorn hat ja schon die Entwicklung in die richtige Richtung begonnen. Aber es bleibt noch einiges zu tun bis dahin. Noch gibt es bei uns im Vergleich zu diesen Musterländern zu viele Strecken und Züge.
Max Artur, 16.06.2011
2. Man kann sich nur wundern
Zitat von Robert RostockOK. Dann bringen wir unser Bahnsystem auf das Niveau von Irland, Lettland und Litauen. Mehdorn hat ja schon die Entwicklung in die richtige Richtung begonnen. Aber es bleibt noch einiges zu tun bis dahin. Noch gibt es bei uns im Vergleich zu diesen Musterländern zu viele Strecken und Züge.
Sie haben völlig recht. Und was geht das Ganze die EU an? Wie kurzsichtig muß man in Brüssel sein, um Minibahnen von kaum 2000 km Netzen mit der französischen oder deutschen Bahn zu vergleichen, jede mit einem Streckennetz von über 35000 km, auf denen täglich jeweils über 30000 Züge verkehren? Überraschend ist bei der Studie, dass die SNCF nicht mehr so pünktlich fährt wie in den 70er Jahren. Damals sorgte im Fernverkehr eine Pünktlichkeitsprämie für sekundengenaues Einhalten der Fahrpläne.
Achim 16.06.2011
3. Ähm ...
Haben vielleicht die Deutschen andere Ansprüche an die Bahn als Litauer, Letten oder Iren? Machen wir doch mal einen Test: Schicken wir eine repräsentative Auswahl der Bürger ins jeweilige andere Land, lassen sie dort drei Monate lang Bahn fahren (oder vergeblich nach einer Bahnlinie suchen), und fragen sie dann nochmal.
albert schulz 16.06.2011
4. Sicherheit etc.
Die Sicherheit ist ein scharfes Argument. Eng eingekeilt sitzen, schmalste Gänge und Treppen, Türen innen und außen nur elektronisch zu öffnen, Fenster gar nicht, dafür klein und überaus stabil, alles in allem Prinzip Heringsdose, und dann Strecken, die zu einem guten Drittel aus Tunneln bestehen, als könnten Deutsche nicht bauen, was man ihren Straßen schon lange anmerkt. Ein Brand im Tunnel ist einfach zu hübsch, ähnlich wie eine Bombenexplosion in einer Kaverne, eben angenehm wirksam, und sehr einfach sprich preiswert zu bewerkstelligen. Beim Fahrkartenverkauf kann man wirklich von revolutionären Änderungen sprechen. Man bekommt zwar von drei verschiedenen Stellen immer noch drei verschiedene Auskünfte, aber die Preise variieren nicht mehr um den Faktor drei. Man kann sich häufig des Eindrucks nicht erwehren, absichtlich beschummelt oder gar beschissen zu werden. Es ist wie im Krankenhaus, wo man die Leistung nicht kennt, aber sicher sein darf, daß es teuer wird. Der gute Mehdorn hat die Bahnleute in die Innere Emigration getrieben, den Dienst nach Vorschrift, ihnen jede Freude genommen. Sie leisten passiven Widerstand, sind deprimiert und mauern. Neulich habe ich meinen Bruder in Wuppertal aus dem Zug gerissen. Auf der Anzeigetafel stand "Ansagen beachten", kamen aber keine, und der Zug fuhr zum falschen Zeitpunkt, nämlich dem des Kölner RE. War aber der Richtige nach Ddorf. Und dann habe ich mir die Bahnhofsaufsicht angesehen. Da plauschten zwei Damen beim Kaffee. Denen war gar nicht bewußt, daß sie in einem Bahnhof waren und im Dienst. Die rebellische Arbeitsverweigerung im Bahnhof Wuppertal ist allerdings bundesweit jedem Schaffner bekannt, es wird breit und verständnisvoll gegrinst. Und noch was zum Lob der Bahn. Als Schüler bin ich täglich eine Stunde Bahn gefahren, als Student lange Strecken, und kann mich nicht an Verspätungen erinnern. Heute brauche ich nur von Wuppertal nach Köln und darf in der großen Mehrzahl aller Fälle davon ausgehen, daß ich meinen Abnschlußzug verpasse.
Michael Giertz, 16.06.2011
5. Bahn 2.0
Zitat von sysopKomplizierter Ticketkauf, unpünktliche Züge, zu wenig Sitzplätze: Den Deutschen missfällt so einiges am Reisen per Bahn.*Wie eine EU-Studie ergab, sind sie weitaus bahnverdrossener als andere Europäer - doch in einigen*Kategorien haben die Deutschen auch Lob übrig. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,768640,00.html
Dem schließe ich mich an - als nicht regelmäßiger Bahnbenutzer "nervt" folgendes: - Verbindungsunsicherheit - Verspätungen - unbesetzte Nebenstreckenbahnhöfe (Automaten beantworten Fragen schlecht) - schlechte Auskunft (oftmals wird zu teureren Angeboten geraten) - überzogene Preise: auch ohne ICE kostet eine Fahrt Ulm - Dresden über 90,- - 2. Klasse wohlgemerkt, ohne Bahncard. Nur als Vorbucher kommt man in den Genuss von Preisen um die 60,- Euro - und wenn man nichts gegen eine 13-Stunden-Fahrt hat und Frühbucher ist, gibts eine Fahrt für unter 50,- Euro. Zum Vergleich: eine Fahrt Ulm-Dresden mit dem PKW kostet 60,- bis 70,- Euro und dauert im Schnitt 5 Stunden. Oh, und bevor ich es vergesse: ist man zu zweit lohnt der PKW IMMER, der Zug nur mit Sondertarifen. Mein Vorschlag hier: schafft Sondertarife und Frühbucherrabatte ab und senkt die Preise für Fahrten 2. Klasse ohne ICE so weit ab, dass eine vierköpfige Familie mit dem Zug um 25% günstiger ist als die gleiche Fahrt mit dem PKW. Ohne Bahncard wohlgemerkt. Dann ist die Bahn auch wieder konkurrenzfähig und erfreut sich mehr Fahrgästen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.