Surferstadt Tarifa Im Schlepptau des Drachen

Windgarantie und einsame Strände: Tarifa ist ein populäres Ziel für Kitesurfer und solche, die es werden wollen. Anfänger lernen hier, wie sie "Wellenwindeln" anlegen und immer richtig zum Wind stehen - vor Abstürzen bei der Trockenübung sind sie trotzdem nicht sicher.


Tarifa - Kilometerweit ziehen sich die weißen Sandstrände zwischen Tarifa und der Stranddüne von Punta Paloma. Während an der benachbarten Costa del Sol Urlauber Schwierigkeiten haben, noch einen Platz zu finden, ist an den von Pinienwäldern und Stierweiden umgebenen Naturstränden der andalusischen "Küste des Lichts" nichts los. Die Küste Marokkos ist nur 14 Kilometer entfernt.

Nirgendwo sonst liegen Europa und Afrika näher zusammen.

Tarifa ist der südlichste Punkt des europäischen Festlandes. Der Name geht auf den Berberoffizier Tarif zurück, der hier im Jahre 710 mit einem seiner maurischen Erkundungstrupps landete, um die Eroberung Spaniens durch die Araber im Jahr darauf vorzubereiten. Es ist ein magischer Ort, an dem Europa und Afrika, das Mittelmeer und der Atlantische Ozean aufeinander treffen. Wenn nicht dieser ständige Wind wäre, der die strandhungrigen Urlaubermassen seit Jahren von der Costa de la Luz fernhält.

Zwar blieb die Costa de la Luz so eine der schönsten und ursprünglichsten Küsten Spaniens. Der Strandtag ist allerdings nicht garantiert. Aber des einen Leid ist ja bekanntlich des anderen Glück. Dank der starken Winde ist Tarifa ein El Dorado für Surfer aus aller Welt. Die menschenleeren Strände sind ideal für angehende Kitesurfer - Anfänger haben hier reichlich Platz.

Windböen fegen über den Strand von Valdevaqueros. Die aufgewühlten Sandkörner prasseln mit solcher Kraft auf die Haut, dass es beinahe weh tut. Einige Strandgäste suchen Schutz unter ihren Badetüchern.

Andere sind bereits geflüchtet. "Herrlich, besser geht es gar nicht", sagt Tania Rosenkranz und rammt die Markierungs-Flagge der Surfschule in den schneeweißen Pulversand. Am liebsten würden ihre Kitesurf-Schüler erst einmal ins türkisblaue Wasser springen.

Spiel mit den Schaumkronen

Neidisch gehen ihre Blicke auf den Atlantik hinaus, wo die "Profis" mit den Schaumkronen spielen. Aber zuvor sind Theorie und Trockenübungen angesagt, egal wie warm es unter der andalusischen Sonne in den Neoprenanzügen ist.

Tania kniet sich in den Sand, zeichnet verschiedene Windzonen ein und erklärt, wie sich der Kite-Drachen in welcher Position zum Wind verhält. Danach müssen die Kites aufgebaut werden. Erst kommen die Schüler ein wenig durcheinander, doch bereits beim zweiten Mal ist es leichter, als ein Ikea-Regal aufzubauen: die Front-Tubes des Drachens aufblasen, die knapp 30 Meter langen Steuer- und Power-Leinen auslegen und mit Schlaufenknötchen am Schirm befestigen, der zwischen 2,8 und 3,5 Quadratmeter groß sein kann - das war's. Nun wird es ernst. Frank Berges ist der erste, der sich traut. Tania schnallt dem 40-jährigen Kasseler die "Wellenwindeln" an und macht das Sitztrapez, so der eigentliche Name, an der Lenkstange fest.

Als erstes geht es darum, den Kite in der windstillen Zone "auf 12 Uhr" zu halten. Das ist leicht. Danach soll der Kite in Achter-Kurven von links nach rechts bewegt werden. "Zieht man das linke Ende der Lenkstange leicht nach links, fliegt der Drachen nach links. Zieht man rechts, geht er nach rechts", erklärt Tania. Hört sich leicht an.

Doch sofort stürzt der Drachen ab. "Du warst viel zu verkrampft", sagt die Kitesurf-Lehrerin. Beim nächsten Versuch klappt es schon besser. Gekonnt zieht Frank seine ersten Achter-Kurven in den Himmel, auch wenn er immer wieder einige Meter auf den Fersen durch den weichen Sand gezogen wird, sobald sich sein Drachen zu sehr dem Boden nähert und damit in die sogenannten Wind-Powerzonen kommt.

Der südlichste Punkt des europäischen Festlands: Bei Tarifa liegen Spanien und Marokko nur 14 Kilometer auseinander
TMN

Der südlichste Punkt des europäischen Festlands: Bei Tarifa liegen Spanien und Marokko nur 14 Kilometer auseinander

Nach einigen Stunden geht es endlich ins Wasser. Anstatt durch den Sand gezogen zu werden, fetzt der Drachen die Schüler erst einmal auf dem Bauch durchs kühle Nass. Immer wieder heben Windböen die Surfer bis zu einem Meter aus dem Wasser. Am nächsten Tag geht es aufs Brett. Der Wind weht vom Meer aufs Land, es kann also nichts passieren. Nun müssen die Surf-Neulinge an vieles gleichzeitig denken: mit den Händen steuern, den Drachen im Wind kontrollieren und mit den Beinen auf dem Brett balancieren. Natürlich wollen Brett, Wasser, Wind und Körper anfangs nicht so wie der Kopf. Doch nach zwei Stunden fährt Frank seine ersten Meter. "Das ist das Schöne am Kitesurfen. Es ist viel leichter und schneller zu lernen als Surfen", sagt Tania.

Frank wohnt seit knapp zehn Jahren im nur zwei Stunden entfernten Sevilla und will nun häufiger nach Tarifa zum Kiten kommen. Dabei hat die europäische Surferhochburg eine Vielzahl lohnenswerter Surf-Spots zu bieten. Beim auflandigen "Poniente"-Wind tummeln sich die Kitesurfer vor allem an der Playa de los Lances, direkt neben dem Hafen von Tarifa. Sobald der "Levante" bläst, zieht es Surfer und Kiter an die Playa Valevaqueros, Las Dunas oder Punta Paloma.

Doch manchmal sind die Winde hier so stark, dass viele auch nach Caños de Meca oder zum 15 Kilometer entfernten Strand von Bolonia ausweichen, der zu den schönsten Stränden Spaniens zählt. Grund für den permanent starken Wind ist die Meerenge von Gibraltar. Bei Tarifa liegen die Berge Andalusiens und das nordmarokkanische Rif-Gebirge nur 14 Kilometer auseinander und lassen die Winde wie durch ein Nadelöhr schießen. Lange galt Tarifa als Geheimtipp. Nun entdecken immer mehr Urlauber die einsamen Strände. Und in den coolen Cocktailbars mit Meeresblick gibt es nur selten freie Plätze.

Von Manuel Meyer, dpa



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