Tarifstreit Flugsicherung will Schlichtung anrufen

Seit Tagen bangen Urlauber, deren Abflug kurz bevor steht: Treten die Fluglotsen in Streik oder nicht? Nun ist der drohende Ausstand vorerst vom Tisch. Die Deutsche Flugsicherung wird die Schlichtung anrufen, falls die Gewerkschaft nicht wieder in Verhandlung tritt.


Düsseldorf - Urlauber mit Flügen in den kommenden zwei Wochen können beruhigt weiter die Koffer packen: Der angedrohte Streik der Fluglotsen ist vorerst abgewendet. Die Deutsche Flugsicherung (DFS) entschied heute, in dem festgefahrenen Tarifstreit ein Schlichtungsverfahren für den Fall vorzubereiten, dass die Gewerkschaft tatsächlich nicht wieder an den Verhandlungstisch zurückkehrt. Dann würde für 14 Tage eine Friedenspflicht gelten. Nach Ablauf der Frist wären Streiks aber wieder möglich.

Fluglotsen im Münchner Tower: Gewerkschaft fordert mehr Geld für alle Angestellten der Flugsicherung
DDP

Fluglotsen im Münchner Tower: Gewerkschaft fordert mehr Geld für alle Angestellten der Flugsicherung

Die frühere Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD), die als Schlichterin im Gespräch ist, hat dann allerdings eine schwierige Aufgabe: Denn die Gewerkschaft betrachtet das bisherige Angebot als "nicht nur ungenügend, sondern auch unvollständig".

"Egal, wie die Schlichtung ausgeht - am Ende wird es in jedem Fall ein teurer Tarifabschluss", sagte die Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Deutschen Fluggesellschaften, Tanja Wielgoß, der Nachrichtenagentur AP. Die "bereits sehr gut verdienenden Fluglotsen" würden dann noch mehr Geld erhalten, "teilweise im sechsstelligen Bereich". Diese Kosten müssten dann Fluggesellschaften und Passagiere tragen, sagte Wielgoß.

Gewerkschaft: Zentrale Punkte bleiben unklar

Die Gewerkschaft betonte hingegen, dass sie für alle 5300 Mitarbeiter der DFS verhandele: "Im Gegensatz zu einigen hundert Fluglotsen die - von der DFS immer wieder so gerne zitierten - Spitzengehälter erhalten, handelt es sich dabei zum überwiegenden Teil um normal verdienende Schreibkräfte, Sachbearbeiter, Techniker und andere mehr." Auch Fluglotsen an den weniger belasteten Standorten würden teilweise nur wenig mehr als die Hälfte der Spitzengehälter erzielen. Europaweit betrachtet lägen die Einkommen der Fluglotsen bestenfalls im oberen Mittelfeld, hieß es.

Das Arbeitgeberangebot, die Gehälter rückwirkend ab 1. November um drei Prozent für zwölf Monate zu erhöhen, wäre für die GdF "bei isolierter Betrachtung eine hinreichende Basis für erneute Verhandlungen". Die angebotene Einmalzahlung von 1750 Euro entspreche aber nicht den Vorstellungen der Gewerkschaft.

Zudem fordert die Gewerkschaft eine Integration der "Operativen Zulage" in das Grundgehalt: Die DFS versuche im Rahmen der Privatisierung der Flugsicherung, diese einen erheblichen Teil des Einkommens ausmachende Zulage für bestimmte Mitarbeitergruppen künftig zur Disposition zu stellen. Zur geforderten Umstrukturierung der Vergütung habe die DFS keine Anmerkungen gemacht und auf spätere Verhandlungen verwiesen. "Damit bleibt der zentrale Punkt des Forderungspaketes unklar", erklärte die GdF.

Bummelstreik in den Siebzigern brachte Chaos

Sollte es nach Ablauf der 14-tägigen Friedenspflicht trotz Schlichtung zu einem Streik kommen, wäre dies der erste Streik der deutschen Fluglotsen mit Arbeitsniederlegung überhaupt. Die Folgen könnten schwerwiegend sein: In den Jahren 1971 und 1973 führte der sogenannte Bummelstreik der damals beamteten Fluglotsen zu chaotischen Zuständen auf den deutschen Flughäfen. Die Lotsen machten "Dienst nach Vorschrift": Rund 80.000 Maschinen wurden damals verspätet abgefertigt, rund 4,7 Millionen Fluggäste waren von den stundenlangen Verspätungen betroffen. Die Luftfahrtunternehmen bezifferten ihre materiellen Schäden damals auf 223 Millionen Mark (knapp 114 Millionen Euro).

Die GdF wurde im März 2003 gegründet. Die Deutsche Flugsicherung (DFS) als Hauptarbeitgeber erkannte die Gewerkschaft aber zunächst nicht als Tarifpartner an, obwohl diese nach eigenen Angaben schon damals den überwiegenden Teil der rund 5300 DFS-Beschäftigten vertrat. Deshalb hätte es 2004 beinahe schon einmal einen Streik gegeben, 96 Prozent der Mitglieder hatten in einer Urabstimmung zugestimmt. Nach einem Gerichtsurteil kam es dann aber doch zu Verhandlungen: Ergebnis waren 1,9 Prozent mehr Geld und Einzelregelungen für die Beschäftigten.

Ausgerechnet kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 drohte die GdF erneut mit Streik, Hintergrund war die geplante Teilprivatisierung der DFS nach dem Flugsicherungsgesetz, die Bundespräsident Horst Köhler im Oktober aber stoppte. Die GdF befürchtet, dass mit den geplanten Änderungen das Sicherheitsniveau im deutschen Luftverkehr sinken würde.

Welche Folgekosten durch einen möglichen Streik der Lotsen für Fluggesellschaften entstehen könnten, konnte der Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften zunächst nicht beziffern. Dies hänge davon ab, welche Flughäfen und welche Fluggesellschaften betroffen wären, sagte Wielgoß. Nach Angaben der Deutschen Flugsicherung müssen 25 Prozent der angesetzten Flüge abgewickelt werden: Welche das seien, müsse von den Fluglotsen erst 24 Stunden vorher entschieden werden.

Von Nicole Lange, AP



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