Terror in der Türkei "Man gewöhnt sich an Anschläge"

Die Bombenanschläge in der Türkei treffen ein Land, das stark vom Tourismus abhängig ist, aber seit Monaten drastische Rückgänge der Gästezahlen verzeichnet. Schuld daran ist allerdings nicht die Terrorangst.

Von und Florian Harms


Hamburg - Ein zwölf Meter breiter Strand, eine elf Kilometer lange Küstenpromenade und Dutzende von Hotels, die mit Sonnenliegen und Strandbars locken: Marmaris, das gegenüber der griechischen Insel Rhodos an der Ägäisküste liegt, ist eines der beliebtesten Touristenziele in der Türkei, sowohl bei türkischen als auch bei westeuropäischen und russischen Urlaubern. Doch vergangene Nacht traf der Terror das Urlaubsparadies. Bei drei Bombenexplosionen wurden 21 Menschen verletzt, neben 11 Türken auch 10 britische Touristen. Bei einer weiteren Detonation in Istanbul wurden kurz darauf 6 weitere Menschen verletzt. Laut dem Auswärtigen Amt in Berlin gibt es keine Hinweise darauf, dass auch Deutsche unter den Opfern sind.

"Direkt nach den Explosionen waren die Urlauber hier verängstigt", sagt Süleyman Yolboz, Sprecher des 610-Betten-Hotels "Magic Life", das nur zehn Kilometer von den Anschlagsorten im Zentrum von Marmaris entfernt liegt. "Aber nachdem sie genauere Informationen über die Ereignisse bekommen hatten, beruhigten sich die Leute wieder. Denn die meisten Touristen hier halten sich fast immer in den Hotel- und Clubanlagen auf, wo sie sicher sind. Heute ist es hier überall ruhig." Vorgezogene Rückreisen oder Stornierungen habe es nicht gegeben. "Im Gegenteil, wir erwarten in den kommenden Tagen zahlreiche Gäste, auch aus Deutschland."

"Deutsche bringen das meiste Geld"

Wieder einmal ist die Türkei ins Fadenkreuz von Terroristen gerückt. Eindeutige Hinweise auf die Bombenleger gibt es bislang noch nicht, doch kurdische Kämpfer haben sich in der Vergangenheit bereits mehrfach zu Anschlägen in türkischen Touristengebieten bekannt. Im Sommer vergangenen Jahres waren bei Explosionen in den Urlaubsorten Kusadasi, Cesme und Antalya fünf Urlauber getötet und über 30 verletzt worden.

Mittlerweile sind die Gästezahlen in der Türkei, deren Wirtschaft stark vom Fremdenverkehr abhängig ist, deutlich zurückgegangen. Vergangenes Jahr betrugen die Einnahmen aus dem Tourismus noch 13 Milliarden Euro, davon über 25 Prozent aus Deutschland. Für 2006 erwarten Analysten eine deutlich geringere Summe. "Dieses Jahr sind allein aus Deutschland ein Viertel weniger Urlauber gekommen, das ist der stärkste Rückgang seit zehn Jahren", sagt Faruk Sen, Direktor des Essener Zentrums für Türkeistudien. "Das ist hart, weil Deutsche 27 Prozent aller Türkei-Touristen stellen und außerdem am meisten Geld bringen."

Doch der Hauptgrund für den Einbruch der Gästezahlen sind nicht Anschläge wie die im vergangenen Jahr – was auch die Auswirkungen der jetzigen Attentate in Marmaris und Istanbul relativieren dürfte. "Der Einbruch war eine Folge der Vogelgrippe-Diskussion, einer allgemeinen Angst vor islamischen Ländern und der verstärkten Konkurrenz des Urlaubslands Kroatien", sagt Türkei-Forscher Sen. Nach den Anschlägen vor einem Jahr seien die Gäste zunächst weiter ins Land geströmt. "Ich glaube nicht, dass die Zahl der Touristen jetzt weiter drastisch sinkt. Zumindest deutsche Touristen lassen sich davon nicht stören. Man gewöhnt sich an Anschläge."

Reiseveranstalter bleiben gelassen

Diese Einschätzung teilen deutsche Reiseveranstalter. Deutsche Unternehmer seien ohnehin nicht von den Anschlägen in Marmaris betroffen, sagt Tobias Jüngert, Geschäftsführer des Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter Verbands (DRV). Nur wenige Reiseveranstalter hätten den Ort in der Südtürkei im Programm, Marmaris sei nicht vergleichbar mit Antalya oder Belek, den Hochburgen deutscher Touristen. Im Moment sind weniger als 300 deutsche Touristen in der Region. Bisher gibt es laut Jüngert nur vereinzelte Anrufe besorgter Kunden in den Call-Centern der Veranstalter. Urlauber vor Ort sollten sich generell bei ihren Reiseleitern nach Informationen erkundigen.

Der DRV-Geschäftsführer bestätigt die Einschätzung Faruk Sens. Buchungen für die Türkei lägen in diesem Jahr unter dem Vorjahr, dabei seien aber mehrere Faktoren zusammengekommen, die Vogelgrippe, der Streit um die Mohammed-Karikaturen und die Anschläge im letzten Sommer.

Die aktuelle Lage wird bei den großen Veranstaltern gelassen gesehen. Der zum Thomas-Cook-Konzern gehörende Reiseveranstalter Neckermann hat in Marmaris lediglich vier Hotels im Programm, sagte Konzernsprecherin Nina Dumbert. Dort würden hauptsächlich Apartments für Selbstversorger angeboten, was für deutsche Touristen weniger interessant, aber sehr beliebt bei britischen Urlaubern sei. Weder von Marmaris-, noch von Istanbul-Reisenden habe es bisher Nachfragen gegeben, daher gebe es bei Thomas Cook noch keine Regelung für kostenlose Umbuchungen oder Stornierungen für die Regionen.

Weitere Anschläge können nicht ausgeschlossen werden

Da das Auswärtige Amt seine Reisehinweise nicht entsprechend geändert habe, gelten auch für Deutschlands größten Reiseveranstalter TUI nach wie vor die allgemeinen Geschäftsbedingungen, sagt TUI-Sprecherin Anja Braun. Nur rund 20 Prozent der Türkei-Kunden des Veranstalters reisen an die Ägäis, der Rest bucht Trips ans Mittelmeer. Im Winter sei die Region an der türkischen Ägäis überhaupt nicht mehr im Angebot.

Laut dem Auswärtigen Amt sind die Sicherheitsvorkehrungen im ganzen Land auf hohem Niveau. Weitere Vorfälle, vor allem in Großstädten und Touristenzentren, könnten aber nicht ausgeschlossen werden. Daher werde Reisenden in der Türkei besondere Vorsicht empfohlen.

Sowohl TUI als auch Thomas Cook können einen spürbaren Rückgang der Buchungen seit Anfang des Jahres feststellen. Bei TUI ist das Geschäft für Türkei-Reisen laut Braun in der Sommersaison um 30 Prozent gegenüber dem allerdings sehr erfolgreichen Vorjahr eingebrochen. Bei Thomas Cook haben die Buchungen laut Dumbert nach einem schwachen Jahresstart erst im Juni vor allem im Kurzfrist-Bereich wieder aufgeholt.

Auch die beiden Sprecherinnen machen dafür vor allem das Auftreten der Vogelgrippe in der Türkei und den Karikaturenstreit verantwortlich, sehen die weitere Entwicklung jedoch eher positiv. "Die Türkei hat ein großes touristisches Potential", sagt Braun. Auf Anschläge reagierten die Kunden viel gelassener als früher: "Terror gehört schon fast zum Alltag."



insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
securaplan 28.08.2006
1.
---Zitat von sysop--- Viele Deutsche bevorzugen die Türkei als Urlaubsland. ---Zitatende--- Dann gehöre ich zu den wenigen Deutschen, die dort noch nie waren und auch vorerst nicht sein werden. Wäre erst ein Thema, wenn ich weiss, dass es dort keinerlei Folterungen oder Menschenrechtsverletzungen z.B gegen das kurdische Volk mehr gibt. Des weiteren sind diese Anschläge die Antworten auf die eigene Regierung des Landes...! In diesem Sinne
melEx, 28.08.2006
2. Türkei keineswegs gefährlicher als andere Urlaubsländer
Ich werde wieder in dieses wunderschöne Land reisen. Apropos Menschenrechte: der Beitragsverfasser zuvor weiss wohl nicht, dass gerade in Italien die meisten Menschenrechtsverletzungen stattfinden und zwar weit vor Frankreich und Türkei... Man dürfte ja gar nicht mehr verreisen, wenn man nach diesen seltsamen Grundsätzen verreisen würde. Von wegen Kurdenfolter.. da kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Wer noch nicht mal in der Türkei war, der will sich ein Bild davon machen können? Meines Erachtens sollte man sich da erst gar nicht zu Wort melden. tztztz
maconaut, 28.08.2006
3.
---Zitat von melEx--- Von wegen Kurdenfolter.. da kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Wer noch nicht mal in der Türkei war, der will sich ein Bild davon machen können? Meines Erachtens sollte man sich da erst gar nicht zu Wort melden. ---Zitatende--- Klar - und die vielen Deutschen, welche die Türkei als Urlaubsland bevorzugen, können sich da ein eindeutiges Bild machen... Weil Kurden werden ja *wenn überhaupt* öffentlich am abgeriegelten Touristenstrand oder während einer Happy-Animation-Hour im Hotel gefoltert. Da das noch kein Tourist gesehen hat, gibt es sowas auch nicht. Achja - in Guantanamo kann es so schlimm nicht sein, ich habe in den USA NOCH NIE gesehen, dass Gefangene misshandelt werden... würde also auch da wieder hinfahren. Also - ob man nun in der Türkei gewesen ist oder nicht ist keine aus- oder hinreichende Voraussetzung, um die Vorgänge dort zu beurteilen. Stefan
Dominik Menakker, 28.08.2006
4.
als Urlaubsland reizt mich die Türkei eigentlich weniger. Bin sowieso nicht der Typ Pauschalurlauber. Bin allerdings relativ oft in Istanbul und Eskisehir geschäftlich. Das wird sich auf absehbare Zeit auch nicht ändern. Warum auch?
Alexander Wiggin, 28.08.2006
5.
---Zitat von melEx--- Von wegen Kurdenfolter.. da kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Wer noch nicht mal in der Türkei war, der will sich ein Bild davon machen können? Meines Erachtens sollte man sich da erst gar nicht zu Wort melden. tztztz ---Zitatende--- Echt, sie haben im ganzen Club Med keinen einzigen gefolterten Kurden gefunden. Dann kann es sich ja nur um gemeine Propaganda von Amnesty International handeln! *kopfschüttel* in welecher Welt leben Sie?
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