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Inselprojekt "The Heart of Europe": Auf Sand gebaut

Foto: Corbis

The-World-Projekt in Dubai Der Traum vom besseren Europa

Jahrelang lag die künstliche Inselwelt The World vor Dubai brach. Nun will ein österreichischer Geschäftsmann seinen Plan eines besseren Europas auf sechs Sandbänken zu Ende bringen - Schnee im Hochsommer inklusive. Ein Ortsbesuch.

"Auf nach Deutschland", sagt Josef Kleindienst, als die Jacht an der kleinen Sandinsel anlegt. Der österreichische Immobilienentwickler  läuft den Steg entlang, hinweg über das türkisfarbene Wasser, vorbei am schwarz-rot-goldenen Schild mit der Aufschrift: "Willkommen in Deutschland - Passkontrolle". Schnell zur Grünanlage, in den Schatten.

Palmen und 1300 Jahre alte Olivenbäume hat der umstrittene Bauherr Kleindienst auf der "Germany" getauften Insel anpflanzen lassen. Alle anderen Gewächse würden eingehen bei den gefühlt 40 Grad Celsius und der Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent, die hier vor Dubai auf The World herrschen.

Doch Kleindienst verspricht, er werde auf der Retorteninselgruppe in Form einer Weltkarte schon bald für schöneres Wetter sorgen. "In gut zwei Jahren lassen wir es hier regnen und schneien", kündigt der 50-Jährige an. Unter freiem Himmel, bei 50 Grad plus im Sommer.

Kleindienst will im Persischen Golf ein "besseres Europa" erschaffen: auf von Maschinen aufgeschütteten Sandflecken, von denen jeder ein paar hundert Meter lang und breit ist. "The Heart of Europe " heißt das 850-Millionen-Dollar-Projekt. Sechs der gut 250 künstlichen The-World-Inseln will der einstige Polizist besiedeln: "Germany", "Europe", "Monaco", "Sweden", "Saint Petersburg" und "Switzerland".

Frühere Geldgeber haben Zweifel, dass Kleindienst das schafft. Sie fühlen sich geprellt von ihm. Vor Jahren vertrauten sie dem Österreicher Millionen an für ein anderes groß angekündigtes Bauprojekt. Bis heute stehen noch nicht einmal die Grundmauern.

Seit 2009 war nicht mehr viel los im Paradies von The World

Kleindienst selbst blickt nach vorne. Zu Silvester 2016 werde sein Mini-Europa in Betrieb gehen: als Mix aus exklusiven Villen, Restaurants, Einkaufszentren, Luxusresorts sowie massenweise Flora und Fauna vom alten Kontinent. Mit den Hauptattraktionen Regen und Schnee. "Wir zeigen nur das Beste von Europa", wirbt der Herr des Herzens, während sich erste Schweißflecken auf dem Hemd verbreiten. "Alles, was uns an Europa nicht gefällt, lassen wir draußen."

Auf Neu-Europa riecht es nach Diesel. Generatoren knattern. Graue Rauchschwaden steigen in die Luft. Tonnenschwere, meterhohe Hydroseilbagger hämmern Metallstäbe in den Boden, damit dieser sich verdichtet und Fundamente tragen kann. Vor der Küste schwimmen Pumpen. Sie spucken den Sand auf die Inseln zurück, den das Meer fünf Jahre lang weggespült hat. Denn seit 2009 war nicht mehr viel los in dem Paradies in spe.

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Das bauwütige Dubai hat sich manche spektakuläre Projekte geleistet in seiner Gigantomanie nach der Jahrtausendwende. Aber kaum eines war irrer, monströser, erfolgloser als The World .

Milliarden von Dollar ließ sich der staatliche Entwickler Nakheel die neun Kilometer breite, sieben Kilometer hohe Weltkarte kosten: Sandbänke im Meer, die von oben betrachtet die Umrisse der Kontinente formten. Groß genug, dass Astronauten oder außerirdische Lebensformen das Wunderwerk vom Weltraum aus erspähen könnten.

Bis heute sind erst zwei der 250 künstlichen Inseln bebaut

Doch kaum waren die Inseln aufgeschüttet, crashte Dubais Immobilienmarkt. Nakheels Mutterkonzern und das Herrscherhaus standen vor dem Bankrott, nur Milliardenhilfen des Nachbarn Abu Dhabi retteten sie. Doch The World stand still.

Und Josef Kleindienst, der schon vor fünf Jahren sein kleines, besseres Europa errichten wollte, sprangen die Investoren ab. Bis heute sind erst zwei der 250 Inseln des Archipels bebaut, das nach Nakheels Plan heute 25.000 Einwohner zählen sollte, und keine einzige ist besiedelt. Aber jetzt boomt Dubai wieder. Kleindienst hat Geldgeber für den zweiten Schöpfungsversuch gefunden: 425 Millionen Dollar hat er nach eigenen Angaben zusammen, die andere Hälfte der Baukosten werde er selbst dazusteuern.

"Wir wollen hier die ersten Bewohner sein", sagt der Pionier, während er sein Golfcart von "Germany" über eine provisorische Sandbrücke gen "Monaco" steuert. "Das hier ist Neuland." Eine echte Herausforderung.

Ehe Europas Herz schlagen kann, muss Kleindienst die gesamte Infrastruktur allein aufbauen, Wasserleitungen, Abwasserentsorgung und ein Stromnetz. Bald werde er hier ein Gaskraftwerk errichten lassen, sagt er, drei Turbinen, 60 Megawatt. Im Ferienparadies. Aber das Projekt sei alle Mühen wert: "Wir können unsere Inseln so erschaffen, wie wir sie haben wollen." Das fängt schon beim Namen an.

Mit der Geografie nimmt man es in Dubai nicht so genau

Germany etwa hieß bei Nakheel  noch The Netherlands. Das heutige "Monaco" war einst "Germany". "Austria" hat Kleindienst zu "Sweden" umgetauft. So grenzt das Deutschland vor Dubai an Schweden sowie Monaco - und liegt südlich von Europa. Mit der Geografie nehmen sie es in der neuen Welt ohnehin nicht so genau.

Immer wieder haben Nakheel oder Investoren den Grundriss von Inseln verändert, Sandbänke miteinander vereint. Dadurch sieht The World nicht mehr wirklich aus wie das Original. Kleindienst ärgert das: "Die Idee war, die Welt so authentisch wie möglich nachzubauen."

Es ist ein harsches Leben hier draußen. Die Arbeiter aus Südasien haben sich Tücher vors Gesicht gezogen, so sehr brennt die Sonne. Selbst der Solaranlage, die Kleindienst auf "Deutschland" gestellt hat, ist es zu heiß. Sie schwächelt.

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Wind und Wellen nagen ständig Material von den Inseln ab, das Kleindiensts Maschinen wieder aus dem Meer hochpumpen müssen. Und von der Außenwelt muss der Herr Europas nicht nur Süßwasser importieren: "Wir brauchen 'Sweet Sand', weil die Pflanzen den salzhaltigen Sand hier nicht vertragen", erklärt er.

Kleine Rehe für die Kleinen, spärliche Bekleidung für die Großen

Umso wohler fühlen sich in diesem Terrain die "Helikopterbienen", wie der Schöpfer jene handtellergroßen libellenartigen Insekten nennt, die zu Dutzenden über dem neuen Deutschland schwirren: "Die sind irgendwo rausgekommen, wahrscheinlich aus den Pflanzen", vermutet er. Und in den Gewässern rund um The World haben sich während der Brache Schwarzspitzenriffhaie, Kormorane und Walhaie breit gemacht.

Vorgesehen war das nicht: Kleindienst will handzahmere Tiere ansiedeln - Schwäne, Landschildkröten, süße kleine Bambi-Rehe. Die mögen auch nicht ganz authentisch sein, passen aber besser ins geplante Mont Royal Family Hotel. Erwachsene ohne Kinder will Kleindienst in einem "Adult Pool, mit Musik, Alkohol und spärlicher Bekleidung" Vergnügen bescheren. Dubai-Stadt, wo zum Teil noch die islamische Scharia angewandt wird, ist ja locker zehn Kilometer Luftlinie weg.

Schwimmende Villen, ein Unterwasseraquarium, ein Sissi-Hotel und das unvermeidbare Beer House auf der Deutschland-Insel - der Mann aus Schrattenberg in Niederösterreich hat jede Menge Schmankerln für seine Geldgeber im Kopf. Verkaufen kann Kleindienst.

Schon einmal hat er Investoren überzeugt, ihm kolportierte 30 Millionen Euro anzuvertrauen - für The Crystal, eine exklusive Hotel- und Apartmentanlage im Herzen Dubais, entworfen von Stardesigner Philippe Starck. Nach dem ersten Spatenstich gab Kleindienst das Projekt auf - und weigerte sich nach Angaben seiner Kapitalgeber, die Millionen zurückzugeben. Stattdessen will er nach eigener Aussage die Geldgeber an seinem Inselprojekt beteiligen.

"Kleindienst ist ein Gaukler, aber manchmal behält er recht"

"Er hat uns dafür mündlich Teile von The World versprochen, doch den Vertrag hat er noch immer nicht unterschrieben", sagt der deutsche Hedgefonds-Manager Frank Scheunert, einer der Investoren. "Kleindienst ist ein Gaukler, aber manchmal behält er recht. Offenbar kriegt er neues Geld und kann damit alte Probleme lösen. Er ist ein Stehaufmännchen."

Die Weihnachtsbäume leuchten, Fahnen mit dem Schweizerkreuz hängen über dem Marktplatz. Häuserzinnen und Tannen sind auf den PR-Skizzen von "The Heart of Europe" in weiße Pracht gehüllt. "Es wird im Sommer so richtig Schnee gebraucht, um die Luft runterzukühlen", sagt Kleindienst. Er steht auf "Switzerland", wo das künftig geschehen soll, wischt sich den Schweiß von der Stirn und erklärt seine besondere Art von Aircondition.

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Das Prinzip der Technik ähnele jenem herkömmlicher Klimaanlagen, bei der Luft über kaltes Wasser geleitet und dabei abgekühlt werde, sagt er. Dabei mache es keinen großen Unterschied, ob man den Gästen kalte Luft auf den Kopf blase oder das Wasser in Form von Regen oder Schnee herabfallen lasse.

"Je heißer es wird, umso mehr müssen wir hier schneien", sagt Kleindienst. Er lächelt freundlich, blickt hoch in den wolkenlosen Himmel. Einen Moment lang möchte man ihm glauben. Da kommen schon wieder die Helikopterbienen.