Thomas-Cook-Pleite So wichtig ist der Sicherungsschein

Thomas Cook ist pleite - und alles dreht sich um den Sicherungsschein. Was ist das überhaupt? Wir geben Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Geschlossene Thomas-Cook-Büros am Flughafen von Palma de Mallorca
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Geschlossene Thomas-Cook-Büros am Flughafen von Palma de Mallorca

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Der Sicherungsschein ist ein bedrucktes Stück Papier, das Reisende bei der Buchung einer Pauschalreise automatisch erhalten - und dann gerne beiseitelegen. Wofür ist er eigentlich da? Wir beantworten Ihnen die wichtigsten Fragen.

Was ist der Sicherungsschein?

Der Sicherungsschein ist der Nachweis dafür, dass sich ein Anbieter von Pauschalreisen für den Fall einer Insolvenz abgesichert hat. Die Verpflichtung dazu ist gesetzlich geregelt. Hierzu heißt es in Paragraf 251r BGB:

"Der Reiseveranstalter hat sicherzustellen, dass dem Reisenden der gezahlte Reisepreis erstattet wird, soweit im Fall der Zahlungsunfähigkeit des Reiseveranstalters Reiseleistungen ausfallen [...]. Umfasst der Vertrag auch die Beförderung des Reisenden, hat der Reiseveranstalter zudem die vereinbarte Rückbeförderung und die Beherbergung bis zum Zeitpunkt der Rückbeförderung sicherzustellen."

"Der Sicherungsschein bezieht sich ausschließlich auf die Zahlungsunfähigkeit von Pauschalreiseveranstaltern", sagt Robert Bartel, Rechtsreferent der Verbraucherzentrale Brandenburg. "Er gilt also erst, wenn ein Unternehmen einen Insolvenzantrag stellt."

Was bringt er Kunden im Fall der Thomas-Cook-Pleite?

Der Sicherungsschein ist für Betroffene der Thomas-Cook-Insolvenz nun sehr wichtig. Denn am Mittwoch hat auch die deutsche Tochter des britischen Reiseveranstalters den Insolvenzantrag gestellt. Damit tritt der Versicherungsfall für viele deutsche Verbraucher ein.

Der in diesem Fall zuständige Versicherer Zurich muss sich nun um betroffene Pauschalreisende kümmern. Er ist verpflichtet, die Reisenden zurückzubringen - und muss ihnen den finanziellen Schaden ausgleichen.

Wie benutzt man den Schein? Was müssen Reisende nun tun?

Im Sicherungsschein sind der Name des Reisenden vermerkt sowie Name und Anschrift des Versicherers, an den sich betroffene Verbraucher normalerweise wenden können. Im Fall von Thomas Cook ist das die Versicherung Zurich, die sich durch das Unternehmen Kaera aus Oberursel vertreten lässt.

Der Sicherungsschein gibt außerdem Auskunft über die Beschränkung der Haftungssumme. Kaera schreibt hier auf seiner Webseite, dass Anzahlungen und Restreisepreiszahlungen aller Kunden bis zu einer Gesamtsumme von 110 Millionen Euro versichert." Sollte diese Summe nicht ausreichen, so verringerten sich "die einzelnen Erstattungsansprüche in dem Verhältnis, in dem ihr Gesamtbetrag zum Höchstbetrag steht". Fazit: In diesem Fall erhalten Betroffene eine anteilige Erstattung.

Das ist genau das Szenario, das Verbraucherschützer im Fall von Thomas Cook befürchten. "Es ist gut möglich, dass die Reisenden draufzahlen müssen - und einen Teil ihrer Kosten nicht erstattet kriegen", sagt Felix Methmann, juristischer Referent für Mobilität und Reisen beim Bundesverband der Verbraucherzentralen.

Ich kann meinen Sicherungsschein nicht mehr finden - was jetzt?

"Nicht in Panik verfallen", rät Verbraucherschützer Bartel, und direkt beim Veranstalter nachfragen. In der Regel bestehe ein Insolvenzversicherungsschutz.

Können Reisende auch in anderen Fällen vom Sicherungsschein Gebrauch machen, zum Beispiel bei Betrug?

Nein. Es handelt sich laut Robert Bartel um eine Versicherung gegen Insolvenz. Im Jahr 2012 hatte der Europäische Gerichtshof (EuGH) zwar über einen Reiseveranstalter entschieden, der nie vorhatte, angebotene Reisen durchzuführen. Doch das Unternehmen war schließlich auch pleite gegangen, sodass es sich dabei nicht in erster Linie um einen Fall von Betrug handelte, sondern um einen Fall von Insolvenz.

Das Gericht stärkte damals jedoch die Rechte von Urlaubern, indem es entschied, dass die Insolvenzversicherung unabhängig von den Ursachen der Zahlungsunfähigkeit gelte.

Seit wann müssen Anbieter von Pauschalreisen einen Sicherungsschein ausstellen?

Die europaweite Verpflichtung zur Absicherung gegen Insolvenz besteht seit den Neunzigerjahren. Damals regelte die Europäische Union die Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten über Pauschalreisen neu, weil sich diese zuvor sehr stark voneinander unterschieden.

Der 1990 festgelegte Schutz wurde im vergangenen Jahr erweitert, und zwar mit der Umsetzung der EU-Pauschalreiserichtlinie. Seit dem 1. Juli 2018 gilt in Deutschland ein Reiserecht, das die Pauschalreisen neu definierte, beziehungsweise eine neue Kategorie der Reisebuchung einführte.

Seitdem sind Onlinebuchungen auf Portalen besser abgesichert - dank der sogenannten verbundenen Reiseleistung. So etwas hat gebucht, wer bei einem Reisebüro oder Portal binnen eines Tages mindestens zwei Leistungen für dieselbe Reise kauft, dabei aber verschiedene Rechnungen entstehen. Die einzelne Leistung - zum Beispiel ein Flug oder eine Hotelübernachtungen - muss mindestens 25 Prozent des Gesamtpreises ausmachen.

Worauf Sie bei der Urlaubsbuchung achten sollten, erfahren Sie hier:



insgesamt 5 Beiträge
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Mähtnix 25.09.2019
1. Diese böse EU
Eines der vielen Beispiele, das zeigt, dass wir von der EU profitieren. Ich glaube nicht, dass Deutschland alleine eine so verbraucherfreundliche Regelung entworfen hätte.
toledo 25.09.2019
2. Wenn also die deutschen Töchter
von Thomas Cook Reisen England keine Insolvenz angemeldet haben begreife ich nicht, warum sie ihre Geschäfte nicht fortführen können dürfen. Es sind doch hier in Deutschland registrierte und ansässige rechtliche selbständige Einzelunternehmen, bei denen zufällig nur der Eigentümer in England sitzt. Warum wohl führt ein Unternehmen wie Thomas Cook seine Reise Aktivitäten seine Geschäfte in Deutschland nicht unter einige Namen, sondern bedient sich dazu einer Reihe von kleinen Unternehmen?
gruii001 27.09.2019
3. Wenn mehr Reisen verkauft wurden, als durch die Versicherung ...
...abgedeckt, passt nach meiner laienhaften Vorstellung (bin Nicht-Jurist) etwas nicht. Ein bisschen wie für ein Fahrzeug ohne Motor den vollen Preis verlangt. Aufräumen von Insolvenzen macht meistens Probleme. Es wird interessant sein, wie hier verfahren wird. Dann werden vermutlich die Betroffenen schon in einem (hoffentlich perfekter verlaufenden) Folgeurlaub sein, wenn sie sich nicht auf direkte Buchungs- oder Reservierungsverfahren umstellen, wie dies nicht ohne Grund inzwischen viele Leute, z.B. auch ich mache. Z.B. benötige ich keinen Begrüßungsempfang mit Sangria, Kopfweh gratis inklusive, als getarnte Verkaufsveranstaltung von Ausflügen meiner Reiseleitung, wenn so etwas heute noch üblich sein sollte. Meine letzte Pauschalreise dürfte über 10 Jahre zurückliegen. Außer für echte Fans dieses Geschäftsmodells ist das wohl eher eine auslaufende Angelegenheit in Zeiten, in denen jeder via Internet sich alles zusammenstellen kann, wie er mag und keine zusätzlichen Beilagen mitessen muss.
gruii001 27.09.2019
4. Wenn mehr Reisen verkauft wurden, als durch die Versicherung ...
...abgedeckt, passt nach meiner laienhaften Vorstellung (bin Nicht-Jurist) etwas nicht. Ein bisschen wie für ein Fahrzeug ohne Motor den vollen Preis verlangt. Aufräumen von Insolvenzen macht meistens Probleme. Es wird interessant sein, wie hier verfahren wird. Dann werden vermutlich die Betroffenen schon in einem (hoffentlich perfekter verlaufenden) Folgeurlaub sein, wenn sie sich nicht auf direkte Buchungs- oder Reservierungsverfahren umstellen, wie dies nicht ohne Grund inzwischen viele Leute, z.B. auch ich mache. Z.B. benötige ich keinen Begrüßungsempfang mit Sangria, Kopfweh gratis inklusive, als getarnte Verkaufsveranstaltung von Ausflügen meiner Reiseleitung, wenn so etwas heute noch üblich sein sollte. Meine letzte Pauschalreise dürfte über 10 Jahre zurückliegen. Außer für echte Fans dieses Geschäftsmodells ist das wohl eher eine auslaufende Angelegenheit in Zeiten, in denen jeder via Internet sich alles zusammenstellen kann, wie er mag und keine zusätzlichen Beilagen mitessen muss.
Flari gestern, 20:14 Uhr
5.
Die deutschen Bundesregierungen haben schon damals die Richtlinie 90/314/EWG nicht fristgerecht umgesetzt. Frist war der 31.12.1992, die Pflicht-Versicherung gegen Insolvenz des Veranstalters/Vermittlers wurde in DE erstmals für den Oktober 1994 im BGB verankert. Entgegen der Richtlinie wurde schon damals eine Höchstgrenze eingeführt, bis zu der ein Sicherungsgeber zu haften hatte, aber OHNE die Veranstalter zu verpflichten, bei höherem Risiko ggf. mehrere Sicherungsgeber ins Boot zu holen. Anfangs wären die Höchstbeträge aber ggf. auch noch ausreichend und wurden bis 2001 auch regelmässig erhöht (alles in Euro): 1995 35 mio 1996 50 mio 1997 75 mio 1998 100 mio 1999 100 mio 2000 100 mio 2001 110 mio Bei den 110 mio ist es bis heute geblieben, obwohl sich die Marktmacht der Grossen und deren Umsätze verzigfacht haben. Experten haben auch der aktuellen Regierung mehrfach vorgehalten, dass die Deckungsbeträge im Zweifelsfall Peanuts sind, wenn ein Grosser der Branche untergeht. Über 80 mio soll Zurich schon für die Rückholung der TC-Reisenden ausgegeben haben, damit sind weniger als 30 mio noch im Pott für hunderttausende angezahlte oder vollbezahlte Reisen. Je nach Quelle durchschnittlich also max 40,- bis 100,- Euro für jeden Nichtreisenden.
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