Angebliches Kopfgeld auf Urlauber Wie Hoteliers Thomas-Cook-Gäste bedrängen

Wegen der Pleite des Reisekonzerns Thomas Cook fürchten viele Hotels um ihre eigene Existenz - und machen offenbar Druck auf Touristen. Laut einem TV-Bericht soll es sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen sein.

Varadero, Kuba (Symbolfoto): Nur noch "den Fängen des Hotels" entkommen
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Varadero, Kuba (Symbolfoto): Nur noch "den Fängen des Hotels" entkommen


Zwei Urlauber und ein Mann vom Sicherheitsdienst zerren am Griff eines Reisetrolleys. "Loslassen!", schreit die Touristin im weißen Sommerkleid und schafft es schließlich zusammen mit ihrer Begleitung, das Gepäck an sich zu nehmen und es davonzurollen.

Die Szene ist in einem Video zu sehen, das der Sender n-tv veröffentlicht hat. Es soll Touristen zeigen, die dem Bericht nach dabei sind, mitsamt ihren Sachen aus einem Hotel in der Dominikanischen Republik abzureisen. Doch weil der Pleitekonzern Thomas Cook hier die Rechnung nicht bezahlt habe, hätten die Hotelangestellten versucht, die Urlauber an der Abreise zu hindern.

Aufgenommen wurde das Video dem n-tv-Bericht zufolge von deutschen Urlaubern. "Gerade haben wir mitbekommen, dass der Manager des Hotels, in dem wir eigentlich residiert haben, bei der Bevölkerung ein Kopfgeld auf uns ausgesetzt hat", sagt der Tourist Stefan Härtl in dem Film. Gäste sollten demnach wohl in ihre Unterkünfte "zurückgebracht werden", damit Hotelbetreiber sie zur Kasse bitten könnten.

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Hintergrund ist, dass Hoteliers auf der ganzen Welt nun fürchten, von dem insolventen Reise-Giganten Thomas Cook kein Geld mehr zu erhalten, wenn die Urlauber erst abgereist sind. Es häufen sich die Berichte von betroffenen Kunden, die angeben, in ihren Unterkünften bedrängt zu werden - von Spanien bis Kuba.

Mallorca: "Das ist Erpressung"

Auf Mallorca haben Medienberichten zufolge mehrere Hotels Gäste aufgefordert, den Aufenthalt erneut zu bezahlen. Solche Fälle hätten sich "reihenweise" abgespielt, berichtete die "Mallorca Zeitung". "Wir sollten den kompletten Preis nochmal bezahlen, was wir natürlich nicht getan haben", sagte ein deutscher Urlauber im Videointerview mit der Zeitung auf dem Flughafen von Palma. Nur einen Tag nach der Ankunft in Cala Millor im Osten der Mittelmeerinsel reiste er mit Frau und Kind vorzeitig ab.

Man habe die "Flucht ergriffen", auch weil es Gerüchte gegeben habe, dass "Condor bald nicht mehr fliegt". "Wir haben jetzt dreimal 120 Euro (für die Heimreise) bezahlt, das ist natürlich superärgerlich", sagte er. Ein Mann, der anonym bleiben wollte, sagte laut dem Bericht, er habe zähneknirschend 800 Euro bezahlt. "Das Wort Nötigung ist da zu harmlos, das ist Erpressung", schimpfte er. "Ob ich das Geld wiederbekomme, weiß ich nicht." Der Hotelierverband der spanischen Urlaubsinsel (FEHM) wollte auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur zunächst keine Stellungnahme abgeben.

Ein deutsches Paar auf Bali in Indonesien wurde aufgefordert, vor seiner Abreise die Übernachtungskosten in Höhe von 5700 Euro zu zahlen - obwohl es den Preis für die Reise bereits im Voraus beglichen hatte. Die Drohung lautete: Sie dürften sonst das Hotel nicht verlassen. Die deutsche Botschaft schaltete sich ein - und das Hotel verzichtete auf die Zahlung

Kuba: Flucht aus dem Hotel

Auch zwei deutsche Urlauber auf Kuba fühlten sich unter Druck gesetzt. Tim K. und Sandra S. hatten vor sechs Monaten eine Reise über Thomas Cook gebucht und vollständig bezahlt, berichtet K. in einer E-Mail an den SPIEGEL. Nun, nach der Pleite von Thomas Cook, soll das Hotel Sol Palmeras in Varadero vor Ort 1200 Euro von ihnen gefordert haben. Davon setzte man die Kunden an der Rezeption in Kenntnis.

Als K. und seine Begleiterin zurück ins Zimmer wollten, um die Reiseleitung zu kontaktieren und sich schlau zu machen, konnten sie die Tür nicht öffnen. "Das Zimmer war bereits gesperrt", schreibt K. "Durch Glück und Zufall" habe die Putzfrau den Urlaubern dann Zutritt gewährt. "Dort entschieden wir, die Flucht zu ergreifen ohne auszuchecken", schreibt K. Er wollte nur noch "den Fängen des Hotels" entkommen. Also packten sie ihre Sachen und machten sich auf den Weg zum Flughafen - der "sicherste Ort", wie es den Urlaubern schien.

Sie nahmen sich neben dem Airport für eine Nacht ein Zimmer. Am Mittwochabend (Ortszeit) wollte das Paar mit der Fluggesellschaft Iberia nach Hause fliegen. "Nach langem Warten und Bangen haben wir es durch die Sicherheitskontrolle geschafft, fühlten uns aber immer noch nicht sicher", schreibt K. schließlich. "Wir sind fix und fertig durch die nervliche Anspannung und hoffen bald wieder in Deutschland zu landen."

Im Osten Kubas traf es rund 60 britische Thomas-Cook-Kunden, wie die britische Zeitung "Independent" berichtet. Zusammen mit elf Crew-Mitgliedern von Thomas Cook Airlines seien sie am Dienstag von einem Hotel "als Geiseln gehalten" worden. Das Paradisus Rio de Oro habe allein von den Mitarbeitern der Fluggesellschaft 3000 britische Pfund gefordert - und zwar als diese bereits im Bus saßen, der sie zum Flughafen bringen sollte.

"Wir wurden aus dem Bus geholt und uns wurde gesagt, dass wir zahlen müssten", sagte Besatzungsmitglied Danny Cossar der Zeitung. In einem anderen Hotel in Kuba seien Gäste in der Lobby festgehalten worden, das WLAN wurde ausgestellt. Am Ende half der Botschafter und löste das Problem.

Botschafterin in Thailand: "Das endet nicht gut für Sie"

Ein Hotel in Khao Lak in Thailand bestätigt der Deutschen Presse-Agentur, dass es auf Zahlungen vor Ort bestehe. Der Front-Office-Manager des Fünf-Sterne-Hotel "The Haven", James Nuimang, sagt: "Wir haben von Thomas Cook zum letzten Mal im Juni Geld bekommen. Im Juli nichts und im August nichts. Weil die Firma pleite ist, müssen wir uns direkt an die Gäste wenden." Richtlinie für den Fall, dass sich jemand weigert: "Wir werden die Gäste nicht auschecken lassen. Wir werden die Polizei rufen." Das deutsche Konsulat in Phuket habe nach Aussage eines Gastes dazu gesagt: "Wenn Sie das nicht machen, endet das nicht gut für Sie."

Auch in Tunesien wurden Hotelgäste aus verschiedenen Ländern kurzzeitig festgehalten. Bereits am Wochenende, also vor der Nachricht von der Insolvenz des britischen Mutterkonzerns, beschwerten sich zahlreiche Urlauber des Hotels Les Orangers im Badeort Hammamet: Das Sicherheitspersonal blockiere den Hotelausgang, die Gäste dürften am Ende ihres Urlaubs die Anlage nicht verlassen. Sie seien aufgefordert worden, eine Gebühr zu zahlen, sagte ein Gast aus Belgien.

Der Grund: Thomas Cook habe Rechnungen in Höhe von rund 60 Millionen Euro an tunesische Hotels nicht bezahlt, sagte Mehdi Allani, Präsident des Hotelverbandes im Bezirk Nabeul. Er kritisierte trotzdem das Verhalten der Hotelführung. Nicht die Gäste, sondern der Reiseveranstalter sei für die offenen Zahlungen verantwortlich. Die Urlauber konnten die Anlage nach Einschaltung des tunesischen Tourismusministers verlassen und sind zum Flughafen eskortiert worden.

"Völlig inakzeptabel"

Vorkommnisse wie diese kritisiert der Deutsche Reiseverband (DRV) scharf. Zwar verhielten sich die meisten Hotels sehr fair. "Aber es gibt leider auch andere Fälle, die völlig inakzeptabel sind", sagt DRV-Präsident Norbert Fiebig. "Die Urlauber haben ihren Reisepreis bezahlt. Es gibt keinen Grund, sie vor Ort festzuhalten."

Zudem gebe es eine Zusage des Insolvenzversicherers Zurich, in Folge der Insolvenz von Thomas Cook Deutschland die Kosten für die Hotels zu übernehmen. Der DRV forderte nach eigenen Angaben die Hotelverbände und Fremdenverkehrsämter in den Urlaubsländern auf, jene Hotels darüber zu informieren, in denen die Pauschalreisegäste von Thomas Cook Deutschland aktuell untergebracht sind.

Urlauber, von denen Hoteliers Geld verlangen, sollten sich an den Reiseleiter und den Insolvenzversicherer Zurich wenden, rät Felix Methmann vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). "Aufgabe des Versicherers ist es, voraus bezahlte Leistungen der Kunden abzusichern und die Kosten für gestrandete Urlauber zu übernehmen."

jus/dpa

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