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24. September 2019, 14:22 Uhr

Folgen für Hunderte Hoteliers

Thomas-Cook-Pleite beunruhigt Tourismusbranche weltweit

Thomas Cook hat Urlaub in Ländern weltweit angeboten - und in vielen ist die Sorge vor den Folgen der Insolvenz groß. Hoteliers in Griechenland, auf den Kanaren und in der Türkei fürchten um ihre Existenz.

Die Hotel- und Tourismusbranche weltweit ist beunruhigt - die Pleite der britischen Thomas-Cook-Gruppe wird erhebliche Folgen auch für sie haben. Länder wie Griechenland bis Gambia rechnen mit hohen Verlusten: Vor allem für viele kleinere Unternehmen könnten die zahlreichen vom insolventen britischen Reiseveranstalter nicht bezahlten Rechnungen zusammen mit dem nun befürchteten Wegbleiben von Millionen von Touristen das Ende bedeuten.

Insgesamt sind etwa 22.000 Menschen bei der Thomas Cook Group angestellt, Urlauber aus 17 Ländern buchten bei dem Veranstalter und seinen Tochterfirmen. (Welche Auswirkungen die Pleite für deutsche Urlauber haben, lesen Sie hier.)

Eine Übersicht über die Reaktionen aus den Gastgeberländern:

Spanien: Hunderte Hoteliers könnten pleite gehen

In Spanien trifft das Aus von Thomas Cook vor allem die Kanaren und die Balearen sowie Andalusien, Valencia und Katalonien. Mit dem Veranstalter waren im vorigen Jahr rund 3,6 Millionen der insgesamt 82 Millionen ausländischen Touristen nach Spanien gekommen. Auf den Kanaren machten Thomas-Cook-Kunden nach amtlichen Angaben 20 Prozent aller ausländischen Besucher aus, auf den Balearen 10 bis 15 Prozent.

Die Lage ist ernst: Der Tourismus hat in der viertgrößten Volkswirtschaft der Eurozone einen Anteil von gut elf Prozent am BIP. Die Madrider Tourismusministerin Maria Reyes Maroto wollte sich deshalb nach eigenen Angaben schon am Dienstag mit Politikern und Unternehmern der am stärksten betroffenen Regionen treffen, um über Strategien für die Zukunft zu beraten.

Schon wegen der offenen Rechnungen wird die Tourismusbranche mindestens 200 Millionen Euro verlieren, erwartet der Vizepräsident des Reiseunternehmerverbandes Exceltur, José Luis Zoreda. Diese Verluste würden große Hotelketten wie Meliá und Iberostar, aber auch mittlere und kleinere Unternehmen treffen.

Allein auf Mallorca bleiben Firmen schätzungsweise auf 100 Millionen Euro sitzen, wie die Regionalzeitung "Ultima Hora" unter Berufung auf Branchenkenner berichtete. Betroffen sind demnach vor allem zahlreiche Hotels sowie Handling- und Cateringfirmen. Schon nach Beginn der diesjährigen Hochsaison habe Thomas Cook die Zahlungen hinausgezögert, hieß es.

Die Präsidentin des Hotelierverbandes von Mallorca (FEHM), Maria Frontera, warnte, wegen der Thomas-Cook-Pleite sei "die Zukunft vieler Unternehmen ernsthaft gefährdet". Die Konsequenzen der Pleite für Mallorca seien "von einer bisher nie dagewesenen Dimension". Hilfe des Staates werde auf jeden Fall nötig sein.

Die Insolvenz werde die spanische Wirtschaft treffen und insbesondere die der Kanarischen Insel, sagte Melisa Rodriguez, eine spanische Politikerin und Vertreterin von Teneriffa der BBC. Tausende Jobs seien bedroht, da große Teile der Wirtschaft der spanischen Inseln direkt abhängig von Thomas-Cook-Verträgen seien. Hunderte Hotelbetreiber könnten pleite gehen, wenn sie keine Zahlungen von Thomas Cook erhalten oder zu spät.

525 Flüge von Thomas Cook nach Spanien seien in den kommenden zwei Wochen geplant gewesen, davon seien 70 Prozent der Strecken von und nach Großbritannien. 30.000 Urlauber sind laut Rodriguez zurzeit auf den Kanaren gestrandet, 3000 auf den Balearen.

Portugal: Schon länger Furcht vor Brexit-Folgen

Portugal hofft auf begrenzte Auswirkungen der Insolvenz. Segundo Joao Fernandes, Präsident der Tourismusbehörde der Algarve, sagte der Nachrichtenagentur AP, Thomas Cook habe bereits sein Geschäft in der südportugiesischen Region reduziert. Viele Pauschalreisen würden bereits mit anderen Fluglinien durchgeführt. Nur 20.000 Passagiere, die vom Hauptflughafen der Region, Faro, 2019 fliegen, hätten bei Thomas Cook gebucht, sagte er der Zeitung "Expresso" - das seien 0,2 Prozent aller Fluggäste.

Auf lange Sicht müssten Hoteliers andere Reiseveranstalter finden und aggressivere Marketingkampagnen starten, um britische Urlauber anzulocken, sagte Pedro Costa Ferreira, Präsident der portugiesischen Reiseagenturen. Schon jetzt fürchtet die Branche, dass wegen des drohenden Brexits weniger Touristen kommen werden. Eine Kampagne wirbt auf der britischen Insel mit "Brelcome" und "Portugal wird euch niemals verlassen".

Griechenland: "Ein Erdbeben der Stärke sieben"

Die Insolvenz des britischen Reisekonzerns schockiert den griechischen Tourismussektor. Für die Wirtschaft sei dies "der stärkste Schlag seit der Finanzkrise", schreibt die Wirtschaftszeitung "Naftemporiki".

Der Tourismusverband Sete rechnet mit Einbußen von 250 Millionen bis 500 Millionen Euro. Eine andere Berechnung, die des Verbandes Hellenischer Hoteliers (GTP), schätzt den Verlust für die griechische Tourismusbranche auf 300 Millionen Euro. Im Ranking der fünf wichtigsten Destinationen von Thomas Cook lag Griechenland auf Platz drei, 2018 brachte das Unternehmen rund 2,8 Millionen Besucher ins Land. Zudem betrieb es vier eigene Hotels dort und beschäftigte 640 Mitarbeiter.

Vor allem Hoteliers auf Kreta, Rhodos und Kos arbeiteten laut GTP eng mit den Briten zusammen. "Das ist ein Erdbeben der Stärke sieben, und der Tsunami kommt erst noch", sagte der Präsident des kretischen Tourismusverbandes, Michalis Vlatakis, griechischen Medien. Auf Kreta hätten rund 70 Prozent aller Tourismusunternehmen Verträge mit dem Reise-Riesen.

Allein 2019 habe Thomas Cook gut 400.000 Besucher nach Kreta gebracht. "Derzeit sind noch etwa 20.000 da", sagte Vlatakis. Die Pleite könnte die Hoteliers auf der Insel zwischen 80 Millionen und 100 Millionen Euro kosten, wie der Präsident des Hotelierverbandes in Heraklion, Nikos Chalkiadakis, dem Nachrichtensender Skai sagte.

Sorgen bereiten den Hoteliers in Griechenland vor allem die noch ausstehenden Zahlungen des Konzerns. "Es wird unvermeidlich zu Ausfällen kommen", sagte Tourismusminister Charis Theocharis dem griechischen Fernsehsender Skai. Sein Ministerium wolle einen Plan ausarbeiten, damit Griechenland nach dem Zusammenbruch des Unternehmens keine Marktanteile verliere.

In ganz Griechenland sind etwa 50.000 Thomas-Cook-Urlauber gestrandet. Die ersten 15 Flugzeuge für die Menschen seien organisiert, teilte das griechische Tourismusministerium mit. In den kommenden drei Tagen sollen demnach rund 22 000 Touristen zurückgeholt werden.

Bulgarien: "Ernsthafte Schwierigkeiten"

Bulgarien befürchtet nach Aussage der Regierung in Sofia "ernsthafte Schwierigkeiten" für die dortige Tourismusbranche. Auch die Sommersaison 2020 werde davon betroffen sein, warnte Tourismusministerin Nikolina Angelkowa. Thomas Cook bringe im Sommer zwischen 350.000 und 450.000 Touristen an die bulgarische Schwarzmeerküste. Nach Angaben der britischen Botschaft in Sofia hielten sich zuletzt rund 2500 Kunden von Thomas Cook in Bulgarien auf.

Türkei: Hohe Schulden bei kleineren Hotels

Der Zusammenbruch von Thomas Cook könnte 600.000 bis 700.000 weniger Touristen jährlich in der Türkei bedeuten. Dies sagte der Vorsitzende des türkischen Hotelverbandes, Osman Ayik, zu AP. Das Unternehmen schulde kleineren Hotel umgerechnet 110.000 bis 220.000 Euro. Zurzeit seien etwa 45.000 Kunden von Thomas Cook aus Europa im Land. Davon seien mehr als 21.000 aus Großbritannien, teilte das türkische Tourismusministerium mit.

Wie das Ministerium per Twitter mitteilt, seien die Zahlungen der Gäste über die britische Versicherung Air Travel Organiser's Licence (ATOL) abgesichert. Hotels, die von Gästen Geld verlangen würden oder sie zwängen, den Aufenthalt abzubrechen, würden strafrechtlich belangt. Unternehmen, die durch die Pleite der Briten leiden, würde ein Kreditpaket zur Verfügung gestellt werden.

Tunesien: Zehn Prozent der Touristen sind Briten

Angesichts noch offener Rechnungen in Millionenhöhe ist der tunesische Hotelverband FTH besorgt über die Insolvenz des britischen Reisekonzerns Thomas Cook. Derzeit warteten tunesische Hotels noch auf Zahlungen in Höhe von rund 70 Millionen Euro, sagte Mouna Ben Halima vom Hotelverband.

Rund Hundert Unterkünfte in Hammamet und auf der Ferieninsel Djerba seien betroffen. 40 Hotels arbeiteten ausschließlich mit Thomas Cook zusammen. "Wir sind sehr besorgt, was die Zukunft dieser Hotels betrifft", sagte Ben Halima. Jährlich reisen nach Angaben des Hotelverbandes rund 205.000 Touristen mit Thomas Cook nach Tunesien. Britische Urlauber machen rund zehn Prozent der europäischen Reisenden aus.

Der Tourismus in Tunesien war von mehreren schweren Anschlägen 2015 hart getroffen worden und erholte sich erst langsam wieder davon. "Ein zweiter Schock wie nach den Anschlägen vor vier Jahren würde die Branche hart treffen", so Ben Halima. Man warte jetzt ab, wie sich die Situation mit den Tochtergesellschaften weiter entwickele.

Gambia: "Unter Auswirkungen leiden"

Die gambische Regierung hat ein Notfalltreffen einberufen. Auf das winzige afrikanische Land könnte die Insolvenz von Thomas Cook verheerende Auswirkungen haben - mehr als 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts seien vom Tourismus abhängig. Die Touristensaison beginne im Oktober, sagte der Kunsthandwerker Boubacarr Bah zu AP, "wir werden unter den Auswirkungen [der Insolvenz] leiden".

abl/dpa/AP/Reuters

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