Touristikkonzern insolvent Was Reisende jetzt wissen müssen

Hunderttausende Urlauber sind von der Pleite des britischen Reiseveranstalters Thomas Cook betroffen. Was passiert nun mit ihnen? Die wichtigsten Fragen im Überblick.

Michael Probst / AP

Europas zweitgrößter Reiseveranstalter Thomas Cook hat Insolvenz angemeldet und den Betrieb mit sofortiger Wirkung eingestellt. Hunderttausende britische Touristen müssen nun ihren Urlaub abbrechen und nach Hause zurückgeholt werden - oder können die gebuchte Reise erst gar nicht antreten.

Was bedeutet das für deutsche Urlauber? Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wie viele Urlauber vor Ort sind betroffen?

Insgesamt rund 600.000 Touristen sitzen entweder in ihren Urlaubsländern fest oder haben eine bevorstehende Reise mit Thomas Cook gebucht. 140.000 Touristen sind nach Unternehmensangaben mit deutschen Reiseveranstaltern von Thomas Cook im Urlaub. Zu den deutschen Veranstaltertöchtern gehören Marken wie Neckermann-Reisen, Bucher Last Minute, Öger Tours, Air Marin und Thomas Cook Signature.

Ich bin gerade mit Thomas Cook oder einem Tochterunternehmen im Urlaub - was muss ich wissen?

Die deutschen Tochterunternehmen von Thomas Cook haben derzeit noch keine Insolvenz angemeldet, aber den Verkauf von Reisen gestoppt. Derzeit werden nach Unternehmensangaben letzte Optionen ausgelotet, sollten diese scheitern, sehe man sich gezwungen, ebenfalls einen Insolvenzantrag zu stellen.

Bei deutschen Pauschalreisenden greift im Fall einer Insolvenz des Veranstalters die Insolvenzversicherung. Diese ist allerdings auf 110 Millionen Euro begrenzt, die ein Versicherer für ein Geschäftsjahr vorhalten muss. Angesichts der Größe von Thomas Cook ist nicht klar, ob das ausreicht.

Ein Sprecher des Justizministeriums sagte: "Wenn ein Schadensfall eintritt, der größer ist, ist er zumindest nicht pflichtabgesichert." Unter Umständen seien daher nicht alle Urlauber geschützt. Ob Thomas Cook über die Pflichtsumme hinaus versichert ist, ist allerdings nicht bekannt. Auch über die Höhe des Schadens wird derzeit nur spekuliert.

Reisende, die gerade mit Thomas Cook im Urlaub sind, sollten auf Rat von Reiserechtlern Kontakt zum Reiseleiter vor Ort aufnehmen. Thomas Cook bittet auf seiner Website, von Anrufen in den Callcentern abzusehen und versichert, sich mit den Betroffenen in Verbindung zu setzen. Die Rückreise von deutschen Urlaubern ist abgesichert.

Britische Touristen, die mit dem Mutterkonzern Thomas Cook unterwegs sind, müssen dagegen nun mit großem Aufwand zurückgeholt werden. In Großbritannien zahlt der Staat für die Rückholung gestrandeter Urlauber aus dem Ausland. Die britische Regierung rechnet für die "größte zivile Rückholaktion überhaupt", die unter dem Codenamen "Operation Matterhorn" läuft, mit Kosten von mehreren Hundert Millionen Pfund.

Die zivile Luftfahrtbehörde CAA hatte bereits am Sonntag zahlreiche Flugzeuge bereitgestellt, die in der Nacht zu Montag die ersten britischen Urlauber befördert haben.

Ich wollte in Kürze eine Thomas-Cook-Reise antreten - was passiert jetzt?

Reisen der deutschen Tochter werden derzeit nicht durchgeführt. Betroffen sind nach Angaben des Unternehmens alle Reisen, die bis zum 26. September beginnen sollten. Auf der englischsprachigen Website von Thomas Cook heißt es, alle Reisen und Flüge, die von Thomas Cook und den Tochterunternehmen durchgeführt werden sollten, seien abgesagt. Auch alle Reisebüros seien geschlossen. Bereits am Montag und Dienstag konnten Kunden, die mit der deutschen Thomas Cook gebucht hatten, nicht zur ihrem Urlaubsziel starten. Wie es weitergeht, ist ungewiss.

Dass die deutschen Thomas-Cook-Gesellschaften bisher keinen Insolvenzantrag gestellt haben, ist für Betroffene ärgerlich. Da sie die Reise im Voraus bezahlt haben, begeht der Veranstalter nach Ansicht von Reiserechtler Paul Degott aus Hannover mit der Absage eigentlich Vertragsbruch. "Die Reise ist ja gescheitert."

Betroffene Kunden haben die Möglichkeit, den gezahlten Reisepreis zurückzufordern - und das bei dem jeweiligen Veranstalter, solange er noch nicht insolvent ist. Zudem stehe ihnen wahrscheinlich auch Schadenersatz zu.

Liegt die Buchung noch nicht zu lange zurück, könnten sich Betroffene ihr Geld gegebenenfalls auch selbst zurückholen, zum Beispiel, wenn die Reise per Lastschrift bezahlt wurde. Diese können nämlich innerhalb von acht Wochen rückgängig gemacht werden.

Sobald die deutschen Töchter Insolvenz anmelden, sollten sich Urlauber mit dem Absicherer der Reise in Verbindung setzen, rät Robert Bartel, Rechtsreferent der Verbraucherzentrale Brandenburg. Informationen und Kontaktmöglichkeiten dazu finden sich in der Regel im Sicherungsschein des Reiseanbieters. Dieser ist für Anbieter von Pauschalreisen Pflicht - sie müssen sich gegen Insolvenz versichern.

Was passiert, wenn ich Flüge mit der Thomas-Cook-Tochter Condor gebucht habe?

Der Ferienflieger Condor versicherte kurz nach Bekanntwerden der Insolvenzpläne, dass der Flugbetrieb weitergehe. "Condor-Flüge werden weiterhin durchgeführt, obwohl die Muttergesellschaft Thomas Cook Group plc Insolvenz eingereicht hat", heißt es in einer Mitteilung vom frühen Montagmorgen.

Aus rechtlichen Gründen darf Condor allerdings keine Urlauber, die mit Thomas-Cook-Veranstaltern gebucht haben, mehr an ihr Reiseziel bringen. Nach derzeitigem Stand gibt es für deutsche Urlauber jedoch keinen Bedarf für eine Rückholaktion, wie sie Großbritannien eingeleitet hat. Die Rückflüge finden weiterhin statt.

Um Liquiditätsengpässe bei Condor zu verhindern, wurde ein staatlich verbürgter Überbrückungskredit beantragt. Dieser wird derzeit von der Bundesregierung geprüft.

kry/dpa

insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
Grummelchen321 23.09.2019
1. Im Grunde ganz einfach!!!
Nicht bei einem englischen Unternehmen in Brexitzeiten buchen!!!! Zumal die Pleite absehbar war.
torstenhannover 23.09.2019
2. Ansprüche aus der
Insolvenzversicherung gelten doch erst, wenn (m)ein Reiseveranstalter Insolvenz angemeldet hat UND das Insolvenzverfahren vor dem zuständigen Insolvenzgeriicht eröffnet worden ist. Bis dahin muss der Reiseveranstalter seinen Verpflichtungen nachkommen. Sollte (m)ein Reiseveranstalter dieses nicht tun macht er sich schadenersatzplichtig und kann ggf. der Insolvenzverschleppung (strafrechtlich) haftbar gemacht werden. Bei Verweigerung der Leistung kann der/die VerbraucherIn auch selbst Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens stellen.
MarkusW77 23.09.2019
3.
und was ist mit einem Reisegutschein? Bei deutschem Reisebüro gekauft?
migampe 23.09.2019
4. Tja, das ist wohl die gerechte Strafe...
... für alljene, die "Fuck-you-Greta" egoistisch und rücksichtslos in den Urlaub fliegen. "Hach, ich hab mir das ja soooo verdient....!"
torstenhannover 23.09.2019
5. Ergänzung zu #2
TC als Muttergesellschaft hat Insolvenz beantragt. Davon ist -Stand jetzt- NICHT mein Geschäftspartner Neckermann, Bucher etc. betroffen. Diese gehören zwar zu ThomasCook, sind aber -für mich als Pauschalreisende/r eigenständige Gesellschaften. Und haben bis jetzt keine Insolvenz beantragt. Daher sind sie -bis zur Beantragung ihres eigenen Insolvenzverfahrens- verpflichtet die entsprechenden Leistungen zu erbringen. Die Insolvenz des Mutterkonzerns hat damit unmittelbar nichts zu tun. CONDOR fliegt ja -Stand jetzt- auch weiter.
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