Straßensperrung in Österreich Was Urlauber über das Tiroler Fahrverbot wissen müssen

Wer Stau und Maut auf der Autobahn vermeiden will, biegt ab auf die Landstraße. Tirol hat diese Ausweichrouten kurzerhand für Durchreisende gesperrt. Experten geben Tipps, wie Urlauber dennoch gut durchkommen.

Brennerautobahn bei Gries: Tirol verhängt bis September Fahrverbot auf Ausweichrouten
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Brennerautobahn bei Gries: Tirol verhängt bis September Fahrverbot auf Ausweichrouten

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Im Sommer ächzen viele Dörfer in Tirol unter Blechlawinen, die sich auf den Landstraßen durch Österreich hindurch in Richtung Süden bewegen. Die vom Transitverkehr betroffenen Orte auf der Strecke zwischen Deutschland und Italien leiden teils stark unter dem Lärm und den Abgasen der Autos. Doch dieses Jahr soll sich etwas ändern: Seit Donnerstag gilt in Tirol ein Fahrverbot auf den Ausweichrouten. Urlauber sollen daran gehindert werden, die Autobahn zu verlassen, um Mautgebühren zu sparen oder Staus zu umgehen.

"Die Maßnahme ist ein Unding", sagt Johannes Boos, Pressesprecher des Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC). Sie jetzt zur Urlaubszeit umzusetzen sei "mehr als unglücklich". Doch wann, wenn nicht zur Urlaubszeit, soll man eine Maßnahme umsetzen, die gerade wegen der vielen Urlauber erdacht worden ist?

Diese Gründe sprechen für das Fahrverbot auf den Tiroler Ausweichrouten:

"Die Maßnahme ist richtig und wichtig", sagt Michael Müller-Görnert, verkehrspolitischer Sprecher vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). Er beruft sich auf den Umwelt- und Gesundheitsschutz, der hier klar Vorrang habe. "Die Landstraßen und Orte sind überhaupt nicht für dieses riesige Verkehrsaufkommen geeignet", sagt Müller-Görnert. Im Sommer bewegten sich Millionen Fahrzeuge in Richtung Brenner. Die Anwohner seien dadurch massiv dem Lärm und Schadstoffen ausgesetzt.

Dieses Argument stößt auch beim ADAC auf Verständnis: Unternehmenssprecher Boos hält es für komplett unnötig, dass "Dörfer vom Transitverkehr überrollt werden und dadurch stark belastet sind". Der ADAC empfehle ohnehin immer, bei stockendem Verkehr oder im Falle eines Staus auf der Autobahn zu bleiben, sagt Boos. Auf das Nebenstreckennetz auszuweichen, bringe statistisch gesehen gar nichts, weil man dort oft nicht den direkten Weg fahren könne. Außerdem würden Ortsdurchfahrten mit Ampeln die Route verlangsamen.

Was spricht dagegen?

Für die Urlauber bedeute die neue Regel eine Behinderung des freien Reiseverkehrs, sagt ADAC-Sprecher Boos. "Es ist eine Kröte, die sie schlucken müssen." Außerdem sei fraglich, wie das Fahrverbot konkret umgesetzt werden soll. Boos verweist auf besondere Wetterbedingungen, bei denen es niemandem verboten sein sollte, von der Autobahn abzufahren, beispielsweise bei hohen Temperaturen, wie sie für die kommende Woche vorausgesagt sind.


Welche Autobahnabfahrten sind betroffen?

Im Großraum Innsbruck sind alle Ausfahrten für den Durchgangsverkehr gesperrt. Außerdem sind folgende Ausfahrten betroffen:

  • zwischen Hall und Zirl auf der Inntalautobahn (A12)
  • sowie bei Patsch und bei Gries am Brenner auf der Brennerautobahn (A13).
  • Für die Brennerbundesstraße selbst gilt das Fahrverbot nicht.

Wann gilt das Fahrverbot?

An allen Wochenenden von Samstag um 7 Uhr bis Sonntag um 19 Uhr und auch an verlängerten Wochenenden. Die Maßnahme gilt seit dem 20. Juni und noch bis Mitte September.

Wer ist betroffen?

Grundsätzlich gilt die Sperrung der Landstraßen für den gesamten Verkehr, also für Auto, Lkw und Motorrad. Nicht betroffen sind Autofahrer, die direkt Innsbruck oder eines der umliegenden Dörfer ansteuern.

Es heißt, mit dem Verbot wolle man auch Urlauber ansprechen, die vermeiden wollen, Maut zu zahlen. Doch die stünden gar nicht im Vordergrund, sagt ADAC-Experte Boos. Vielmehr gehe es um die Reisenden, die glauben, mit dem Abfahren von der Autobahn Staus zu umgehen. "Es geht um die neuralgischen Staupunkte, an denen Autofahrer gern auf das untergeordnete Straßennetz - also die Landstraßen - ausweichen."

Wie soll die Maßnahme umgesetzt - und wie kontrolliert werden?

Elektronische Anzeigetafeln sollen an den genannten Ausfahrten aufs Fahrverbot für die Ausweichrouten aufmerksam machen. Doch letztlich heißt das nicht, dass man dort nicht von der Autobahn herunterfahren kann.

"Es wird schwer kontrollierbar sein", sagt ADAC-Experte Boos. Letztlich könne es die Polizei ja niemandem verbieten, von der Autobahn abzufahren, um bei Hunger in einen Gasthof einzukehren. "Was soll die Polizei bei einer Kontrolle sagen? Es gibt für Transitreisende kein Schnitzel in Tirol?"

Urlauber, die trotz Sperrhinweis von der Autobahn abfahren, will die Polizei kurz nach der Ausfahrt anhalten. Wenn die Beamten feststellten, dass sie zum Brenner oder Richtung Deutschland wollen, würden sie die Fahrer wieder zurück auf die Autobahn lotsen. ADAC-Experte Boos zweifelt an der Wirkung des Fahrverbots. "Das ist doch Symbolpolitik!"

Dürfen die Österreicher das?

Bayern empört sich über die neuen Regeln und wirft den Österreichern vor, sich rechtswidrig zu verhalten. "Das Tiroler Verhalten ist unsäglich und reine Schikane", sagte Verkehrsminister Hans Reichhart (CSU). "Ich erwarte, dass die EU-Kommission dieses Verhalten sehr schnell unterbindet und für freien Reiseverkehr in Europa sorgt."

Er glaube nicht, dass der Tiroler Vorstoß rechtswidrig ist, sagt VCD-Experte Müller-Görnert. "Sofern er gut begründet ist - mit Umwelt- und Gesundheitsschutz - und für alle Durchreisenden gilt, nicht nur für die Deutschen, sehe ich darin kein Problem."

Die "Retourkutsche der Bayern", im Gegenzug auch für stark belastete bayerische Autobahnen und Landstraßen in der Grenzregion ein Fahrverbot für Urlauber durchzusetzen, begrüßt Müller-Görnert. "Sollen sie machen, das wäre gut für die Anwohner."

Was tun, um nicht in einen Stau zu geraten?

Die Folgen der Tiroler Maßnahme für den Urlaubsverkehr lassen sich Johannes Boos zufolge noch nicht abschätzen. Hier sind ein paar Tipps, wie sich Urlauber verhalten können, um nicht im Stau zu landen.

  • "Fahren Sie nicht dann los, wenn alle fahren - also am Samstag und Sonntag", sagt ADAC-Experte Boos. "Dienstags und mittwochs ist deutlicher weniger los auf den Hauptreiserouten, und Sie kommen entspannter ans Ziel." Auf diese Weise würde man auch gleich das Tiroler Fahrverbot für Ausweichrouten umgehen, weil das nur am Wochenende gelte.
  • "Staus muss man bei Urlaubsfahrten mit dem Auto einkalkulieren", sagt Müller-Görnert vom VCD. Er empfiehlt vor allem Familien eine Anreise in Etappen mit Übernachtungen unterwegs. Außerdem gebe es ja auch noch andere Verkehrsmittel.
  • "Fahren Sie Bahn", sagt Müller-Görnert. Wenn die Autobahnen aus allen Nähten platzen, sollten die Urlauber Alternativen wählen. Er empfiehlt unter anderem die Nachtzüge, die die ÖBB von der Deutschen Bahn übernommen hat. Gerade für Familien sei dies eine sehr entspannte Art zu reisen.


insgesamt 77 Beiträge
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Glocknerkönig 21.06.2019
1. richtig so
Hut ab vor den Österreichern. Dort weiß man sich zu wehren gegen den zunehmenden Wahnsinn auf den Straßen. Dreck, Gestank und Lärm sind eine Zumutung für die Anwohner, das muss man nicht hinnehmen.
spon_3501918 21.06.2019
2. Fahren Sie Bahn!
Genau. Familienurlaub in Italien mit der Bahn. Sehr entspannt.
t-notifications 21.06.2019
3. Absurd
Die Diskussion ist schon ziemlich absurd. Als ob man tagelang in Österreich unterwegs ist, gefangen auf der Autobahn. Zum Vergleich: Mit dem Fahrrad fährt man von Innsbruck zum Brenner auf dem hübschen, aber übel geschottertem und ständig auf und ab gehendem Radroutensystem 45Km bis zum Brenner, vollgepackt und mit durchschnittlich 14Kmh hoch und danach wieder runter. Untrainiert, bei knapp 40 Grad im August, in 4h hoch. Da werden es wohl die Autofahrer schaffen, dieselbe Strecke auf der schön asphaltierten Autobahn zurück zu legen, auf der es natürlich auch direkt an der Autobahn gelegene Rastplätze und Tankstellen gibt, wie ein kurzer Blick auf die Google-Karte beweist. Es wird also auch niemandem die Pause oder das Schnitzel gestohlen.
meister_proper 21.06.2019
4. Ich habe bei Fahrten nach Kroatien gerne mal in Österreich
einen Zwischenhalt mit Übernachtung eingelegt. Den würde ich dann nach Bayern oder Slowenien legen, wenn ich Gefahr laufe, die Situation erst einem genervten Polizisten erklären zu müssen. Das steht jetzt nicht aktuell zur Debatte und Tirol liegt da auch nicht auf dem Weg, aber es bleibt abzuwarten, wie sich das entwickelt. Bei dem Verkehr an Reisetagen fährt man in Zukunft vielleicht am besten Nachts in einem Rutsch durch...
mimas101 21.06.2019
5. Hmm Tja
Wie wäre es mit *der* Lösung? Man lotse alle Autofahrer auf den Münchner Flughafen, der bekanntlich ja nur 10 Minuten vom Stachus entfernt ist (S-Bahn-Entfernung lt. Stoiber), lade dort dann die Autos samt Bagage auf Autoreisezüge und verschiffe selbige direkt in die Zitronenbäumehaine von Bella Italia? Das wäre grün, vegan, ökologisch, umweltschonend und würde Staus vermeiden zumal die ÖBB um einiges komfortabler, pünktlicher und schöner ist als das bundesdeutschen Gegenstück. Allerdings müßte dann auch Kompensation her: Für die Gasthöfe an der Brennerautobahn weil die dann ohne Urlauber sind. Entweder die Autoreisezüge halten an jedem Gasthof an und lassen den Gastwirten Zeit als Fliegende Händler ihre Schnitzel und Kaiserschmarrn zu verkaufen oder mittels Losverfahren wird immer einer der Gastwirte herausgedeutet der dann die Gourmetgastronomie im ÖBB-Autoreisezug betreiben darf. Letztere Alternative könnte aber EWG-rechtliche Probleme aufwerfen weil immer nur Österreicher bevorzugt werden würden.
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