Toskana-Traumstadt Pistoia Geister im Liebesrausch

Pistoia hat alles, was ein toskanisches Traumstädtchen ausmacht: eindrucksvolle Baudenkmäler, italienisches Dolce Vita und pittoreske Mittelalter-Gässchen. Trotzdem ist es nicht so überlaufen wie Florenz oder Pisa – vielleicht weil es hier spukt?

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Ein weißhaariger Rentner schlendert über die Piazza und spielt Kadenzen auf seiner Mundharmonika, ein bebrillter Gitarrist dengelt an der Straßenecke verstimmte Akkorde. Aus den Lautsprechern der "Vecchio Praga"-Bar säuseln Placebo zum Gemurmel der Gäste ihren traurigen "Song to say Goodbye", von der nächsten Ecke hört man das Schreien von Kindern. Und immer wieder den dumpfen Aufprall eines etwas platten Fußballs an die Wand.

Nichts passt so recht zusammen in dieser Kakophonie der Generationen, die an einem warmen Montagabend auf der "Piazza de Sala" in Pistoia zu hören ist. Doch das scheint niemanden zu stören. Jeden Abend, sobald die Marktstände des Tages abgebaut sind, trifft sich Jung und Alt auf dem Platz mit dem Zierbrunnen im Zentrum der 92.000-Einwohner-Stadt.

"Als Kind habe ich die Stadt gehasst, doch jetzt komme ich immer wieder hierher zurück", sagt Carlotta. Die 25-Jährige studiert im 30 Kilometer entfernten Florenz amerikanische Literatur, kam erst vor einer Woche von einer monatelangen Brasilien-Reise zurück, hat einige Zeit in den USA gelebt. "Ich mag die Atmosphäre hier, die Lebensqualität, es ist ruhig und nicht so voller Touristen wie in Lucca oder Florenz." Pistoia hat nicht die erdrückende Dichte meisterlicher Baukunst wie die Toskana-Hauptstadt und keine Bilderbuch-Altstadt wie Lucca - doch wer den lebensfrohen Alltag einer italienischen Kleinstadt kennenlernen will, in der es nicht von Souvenirgeschäften und Eisverkäufern wimmelt, ist hier genau richtig.

Abgesehen von ein paar Tagen im Juli, wenn ein großes Musikfestival vor mittelalterlicher Dom-Kulisse Blues-Fans aus ganz Europa anlockt, sind die Besucherzahlen überschaubar. Denn Pistoia ist nicht für seine Kunstdenkmäler, sondern vor allem für seine Eisenbahnindustrie bekannt. Und dafür, dass manche Etymologen in dem Stadtnamen den Ursprung des Wortes "Pistole" vermuten - im 16. Jahrhundert befand sich hier eine bedeutende Waffenproduktion.

Geheimnis um eine Porzellanmixtur

Dabei gibt es im kompakten Stadtzentrum durchaus eindrucksvolle Baudenkmäler, etwa die erhabene San-Zemo-Kathedrale oder das "Ospedale del Ceppo", ein Krankenhaus, in dem im 14. Jahrhundert Pestkranke versorgt wurden. Beide Gebäude sind mit Porzellanreliefs der Florentiner Bildhauerfamilie Della Robbia geschmückt. Die zählten zu den größten Künstlern ihrer Zeit - auch im Dom von Florenz sind ihre Werke zu sehen, das Porzellan scheint beim richtigen Lichteinfall von innen heraus zu leuchten.

Pistoia: Die 92.000-Einwohner-Stadt liegt etwa 30 Kilometer nördlich von Florenz
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Pistoia: Die 92.000-Einwohner-Stadt liegt etwa 30 Kilometer nördlich von Florenz

Die Darstellungen über dem Säulengang des Krankenhauses in Pistoia zeigen Priester, die Kranke und Tote segnen, und die als Figuren dargestellten Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung. Das Relief ist makellos erhalten - nur rechts außen befindet sich eine gelbe Fläche, wo eigentlich eine Figur stehen sollte, und der Figur am linken Rand fehlt der Kopf.

"Jemand aus der Della-Robbia-Familie hat einmal gesagt, die geheime Mischformel ihres Porzellans befinde sich im letzten Kopf", sagt Carlotta. "Daraufhin haben Vandalen die beiden äußeren Figuren der Fassade geköpft." Der erhoffte Schatzfund blieb aus, denn das Ganze war ein Missverständnis. Mit dem "letzten Kopf" war schlicht und einfach das letzte lebende Familienmitglied gemeint. So ist bis heute die genaue Herstellungsmethode des berühmten Porzellans ein Rätsel.

Spuk in der Straße der Weisheit

Direkt neben dem Krankenhaus, das auch heute noch in Betrieb ist, befindet sich die frühere Leichenhalle, in der sich heute Eigentumswohnungen befinden. Der schmucklose rechteckige Bau überragt das "Ospedale" um einige Meter – die Pest wütete fürchterlich in Pistoia. Wie an solchen Orten üblich, kursieren auch hier Legenden über Spuk und Geistererscheinungen. "Freunde meiner Familie haben dort einmal ein Apartment besichtigt, doch sie fühlten angeblich eine seltsame Präsenz und konnten nicht einziehen."

Ob das Spinnerei ist oder nicht - auch an diesem Abend scheint allerlei übersinnliches Gesindel unterwegs zu sein, man muss nur Augen und Ohren offenhalten. Ein bärtiger Mann mit beigefarbenen Shorts und glasigem Blick fragt nach einer Zigarette und ruft beim Weitergehen laut vernehmlich nach seiner Mama. "Siehst du, das war definitiv ein Geist", sagt Carlotta grinsend.

Auf der Via della Sapienza ertönt aus einem offenen Fenster das nicht zu überhörende Stöhnen einer Frau. "Hier spukt es auch, das ist ein leidenschaftlicher Geist", sagt Carlotta. Nur wenige Meter weiter weist sie noch auf einen "schlafenden Geist" hin – unter den Torbögen der Forteguerri-Bibliothek hat es sich ein Mann unter einer roten Decke bequem gemacht.

Nach so viel Spuk führt der Rundgang zurück in die Obhut oder zumindest die Nähe der Kirche. Ein Liebespaar und zwei Teenager mit Mountainbikes sitzen auf Treppenstufen der Piazza Duomo mit der San-Zemo-Kathedrale. Im Zentrum der Stadt vermischen sich Baustile und Spuren verschiedener Geschichtsepochen: Unter dem Domplatz befindet sich ein Römerfriedhof, der Kirchturm der berühmten San-Zemo-Kathedrale ist ein frühmittelalterlicher Wachturm, auf dem später oben ein paar zusätzliche Stockwerke mit Ziersäulen und Glocke angebracht wurden. So wie die Menschen aller Lebensalter heutzutage auf der "Piazza della Sala" harmonisch nebeneinander existieren, vermischten sich hier die Bauwerke verschiedener Jahrhunderte.

Einige Pistoia-Bewohner machen noch einen Abendspaziergang in den engen Gassen der Innenstadt, Carlotta kennt fast jeden zumindest vom Sehen, auch der Mann mit der Mundharmonika ist noch unterwegs. "In der Toskana gibt es sogar ein eigenes Wort für 'abends nach einem warmen Tag herumschlendern' - 'frescheggiare'." Unbehelligt vom Massentourismus ist das in Orten wie Pistoia auch in der sommerlichen Hochsaison ein Vergnügen, bei dem man sich ganz auf sich selbst und die Geräusche der Stadt konzentrieren kann. Aus einem Dachfenster erklingen die leisen Blues-Klänge einer Gitarre – ein musikalischer Geist ist noch wach.



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