Tourismus-Börse "Sex im Sand tut einfach nur weh"

In Berlin läuft derzeit die weltweit größte Reisemesse ITB. Der Frankfurter Sexualforscher Volkmar Sigusch erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, warum Sex ein guter Grund für Singles ist, in den Urlaub zu fahren.

SPIEGEL ONLINE:

Sommer, Sonne, Strand und Sex, diese vier "S" gehören zum Klischeebild eines perfekten Urlaubs. Ist Reisen ein Garant für tollen Sex?

Volkmar Sigusch: Paare ziehen nur selten sexuellen Gewinn aus einem Urlaub. Es ist eine Illusion zu glauben, dass Urlaub dem Sexualleben eine neue, befriedigende Form geben kann. Wer das im Alltag nicht hinbekommt, schafft es auch dann nicht. Wer allerdings bereit und in der Lage ist, in der Zeit eine offene Beziehung zu führen, kann guten Sex im Urlaub erleben. Am meisten profitieren jedoch Singles.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Sigusch: Singles können im Urlaub sehr viel freizügiger, spontaner und unkontrollierter sein als im Alltag. Viele fahren gezielt los mit der Absicht, sexuelle Erlebnisse mit Unbekannten zu haben. Im Urlaub fallen Konventionen von einem ab, man verliert alle Hemmungen, die Scham fällt in sich zusammen, und man macht das, was man eigentlich in der Phantasie schon hunderttausendmal gemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Sigusch: Eine der erregendsten Begegnungen, von denen ich gehört habe, ist die in einem Bahnabteil: Es ist schon schummrig, man zieht die Vorhänge zu, und dann kommt es zu Sex. Beide Beteiligten steigen danach aus und sehen sich wahrscheinlich nie wieder. Beliebt sind auch Flugzeugtoiletten und andere halb-öffentliche, ungewöhnliche Orte. Die haben den Reiz, dass man jeden Moment entdeckt werden kann. Das gibt eine besondere Spannung und heizt das immer vorhandene voyeuristisch-exhibitionistische Element an. Das Sich-zeigen-Wollen und Zuschauen-Wollen. Im Urlaub können auch sonst unterdrückte sado-masochistische Neigungen ausgelebt werden. Eine Frau gibt sich dann zum Beispiel einem Mann hin, der ein richtiger Macho ist, so ein ganz ekelhafter, widerlicher, großkotziger, körperlich sehr starker Macho.

SPIEGEL ONLINE: Warum passiert so etwas selten im Alltag, offensichtlich aber häufig im Urlaub?

Sigusch: Im Alltag bestünde die Gefahr, dass man sich wieder über den Weg läuft. Das Erregende an der Urlaubssituation ist das Einzigartige, das Einmalige. Man hat etwas von seiner geheimen Person offenbart, das man ohne Scham nicht noch einmal preisgeben könnte. Man spielt das im Kopf bestimmt noch zig Mal durch, aber real möchte man es nicht noch einmal erleben.

SPIEGEL ONLINE: Sex am Strand gilt als Inbegriff von Urlaubsfreuden. Was sagt die Forschung dazu?

Sigusch: Es ist mir ein Rätsel, was an Sex im Sand schön sein soll. Sowohl wissenschaftlich wie auch persönlich kann ich das nicht nachvollziehen. Wirklich ineinander gehende Sexualität, bei der zwei Leiber miteinander verschmelzen, ist in einer Sandburg nicht möglich. Das tut einfach nur weh.

Das Interview führte Domenika Ahlrichs

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