Tourismus in Burma Gewerkschaften rufen zum Lonely-Planet-Boykott auf

Reiseführer oder Reise-Verführer? Britische Gewerkschaften rufen zum Boykott des Lonely-Planet-Verlags auf. Dessen Burma-Ausgabe verleite Touristen, das umstrittene Land zu besuchen. Der Herausgeber weigert sich, das Buch zurückzuziehen.

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Hamburg - Lonely-Planet-Reiseführer genießen keinen schlechten Ruf. Der weltweit bekannteste Backpacker-Guide gilt als solide recherchiert, blendet zudem soziale oder politische Konflikte der beschriebenen Reiseziele nicht aus, sondern thematisiert sie. Doch jetzt steht Lonely Planet am Pranger, genauer gesagt: BBC Worldwide. Die kommerzielle Tochtergesellschaft des britischen Nachrichtensenders BBC hat im vergangenen Jahr den Reiseführerverlag Lonely Planet von seinen Gründern Tony und Maureen Wheeler gekauft – mitsamt der Ausgabe "Myanmar (Burma)". Der Dachverband der britischen Gewerkschaften (TUC) ruft nun zum Boykott des Verlags auf.

Lonely-Planet-Reiseführer "Myanmar": Angeprangert
Lonely Planet

Lonely-Planet-Reiseführer "Myanmar": Angeprangert

Die Vorwürfe des TUC, eines Verfechters des Reiseboykotts in die südostasiatische Diktatur, lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: "Jeder Burma-Reiseführer bewirbt und ermutigt Reisen in das Land, und signalisiert Touristen damit irrtümlicherweise, das solche Reisen auf ethisch korrekte Weise möglich ist", heißt es in einer Erklärung. Der Boykott soll so lange bestehen, bis BBC Worldwide die Burma-Ausgabe einstellt.

BBC Worldwide nimmt Stellung: "Lonely Planet glaubt, dass seine Entscheidung, einen Reiseführer für Burma zu veröffentlichen, keine Unterstützung des gegenwärtigen Regimes darstellt." Das Unternehmen habe das sorgfältig abgewogen und plane nicht, den Guide zurückzuziehen. "Er bietet Informationen und überlässt die Entscheidung dem Leser."

Doch die Organisatoren der für Großbritannien typisch rigorosen Kampagne setzen auf die Signalwirkung und fordern: "BBC darf sich nicht länger heraushalten und sollte dem Regime ein klare Botschaft der Missbilligung senden, indem es die Burma-Ausgabe zurückzieht", sagt Tricia Barnett von der tourismuskritischen Organisation Tourism Concern, die mit der Arbeiterzeitung "New Internationalist" die Aktion unterstützt.

Legitim ist es durchaus, die Frage zu stellen, ob man angesichts massiver Menschenrechtsverletzungen nach Burma reisen sollte. Gerade erst ist die Safranrevolution gescheitert. Viele Tote und Tausende Gefangene sind die Bilanz des Aufstands der Mönche gegen die gnadenlose Militärjunta im vergangenen Herbst. Politisch hat sich durch den mutigen Protest kaum etwas geändert - nicht zuletzt aufgrund mangelnder Intervention der asiatischen Nachbarländer, die in politischen und wirtschaftlichen Interessenskonflikten verstrickt sind. Traditionell setzen sich der ehemaligen Kolonialnation Großbritannien viele Organisationen für einen Boykott Burmas ein, der zugleich den Boykott des Tourismus bedeutet.

Reiseentscheidung - eine Frage der Information

Dennoch sehen Experten die vom TUC initiierte Kampagne äußerst kritisch. Für "ausgesprochen aktionistisch" hält Heinz Fuchs von Tourism Watch die Aktion der britischen Kollegen gegen BBC Worldwide und für "wenig hilfreich, wenn man zur Öffnung des Landes beitragen möchte". Die Arbeitsstelle der Evangelischen Entwicklungsdienstes tritt nicht für einen Reiseboykott ein: "Es ist sinnlos, ein Land abzuschotten." Stattdessen sollte man mit unsensiblen Reiseveranstaltern, die staatliche Unternehmen in Burma engagieren, kritisch umgehen. Auch der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Christian Laesser bezweifelt die Wirkung eines Reiseboykotts: Touristen könnten in Burma sogar destabilisierend für die Junta wirken, "weil es immer auch zum Austausch zwischen Reisenden und Einheimischen kommt", sagte er zur "Neuen Zürcher Zeitung".

Wer eine bewusste Entscheidung für oder gegen eine Burma-Reise treffen will, benötigt zunächst Informationen, aus Zeitungen, Internet – oder Reiseführern. Und kaum ein renommierter Verlag bringt in diesen Tagen ein Buch über Burma heraus, das sich nicht kritisch mit den politischen Verhältnissen beschäftigt. Publikumswirksam trifft der Boykott-Aufruf mit Lonely Planet nun den weltweit populärsten Backpacker-Guide. "Man kann sich gute und sensible Reiseführer doch nur wünschen", meint Fuchs.

Die Lonely-Planet-Ausgabe setzt sich mit Pro und Contra einer Burma-Reise explizit in der Einleitung auseinander. Dort führt sie auf, dass Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi gegen den Tourismus ist, Geld der Touristen den Regime zugute kommt, aber auch dass Tourismus die Einheimischen vor Übergriffen schützt und Einzelnen ein Einkommen beschert.

Die Kritik der britischen Boykott-Anhänger entzündet sich nicht an Inhalten des angeprangerten Buchs, sondern an der von ihnen befürchteten Wirkung. Wer allerdings Reiseführer nach Burma auf den Index setzen will, muss auch Ausgaben über China, Russland, USA und viele andere Ländern der Welt, in denen Menschenrechtsverletzungen bekannt sind, verbieten. Auch wäre ein erzwungener Verzicht auf eine Publikation kaum etwas anderes als eine Beschränkung der Meinungsfreiheit. Und damit genau das Mittel, zu dem totalitäre Regimes regelmäßig greifen. Was wiederum - und das ist auch gut so - Menschenrechtsschützer auf den Plan ruft.



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medienquadrat, 22.02.2008
1. nein
überhaupt keine gute Idee. Das DDR Regime ist auch zusammengebrochen, weil die Bürger des Landes ständig mit der Meinung von Außen über Recht, Freiheit und Demokratie konfrontiert worden ist. Selbst kenne ich Burma/Myanmar sehr gut und weiß, dass sich eine Parallewirtschaft eingestellt hat, die Touristen dringend nötig hat. Jeder Tourist tauscht inoffiziell Geld schwarz im Land um und unterstützt bei dem herrschenden Niveau die Bevölkerung. Dass ein touristischer Boykott ein diktatorisches Regime dazu bringen sollte, abzudanken, dass ist so ein dermaßen naiver Glaube, dass einem nur die Luft wegbleibt. Das Gegenteil ist der Fall. Die permanente Präsenz von Menschen, die Freiheit und Demokratie mit sich tragen und sie verkörpern werden trojanisch die Selbstheilungskräfte des Vielvölkerstaats Myanmar aktivieren. Allerdings möchte ich dann den Job der Friedensnobelpreisträgerin und vor 18 Jahren bereits demokratisch gewählten Staatsoberhauptin "Lady" Aung San Suu Kyi nicht haben. Es wird eine gewaltige Aufgabe sein, aus diesem Staat eine friedliche Demokratie zu formen. Und mir tut jetzt schon dieses herrliche Land leid, wenn die Tourismusindustrie mit Vehemenz dort einfällt, Bechtel Inc.& Consorten die Bodenschätze aus der Erde reißt und Yangons Hochhäuser höher wachsen, als der Stupa der Swedagon Pagode, die man selbst aus dem Flugzeug in 10 km Höhe aus erkennt.
Kristian Viesmann, 22.02.2008
2.
Zu Spät, Rambo konnte anscheinend den verführerischen Schilderungen nicht widerstehen. Selbst Schuld diese Kommunisten! Ernsthaft: Was ist an dieser Region schlimmer/besser, als zb Afghanistan, oder andere Krisengebiete, für die der Verlag auch Reiseführer anbietet? Anders gefragt: Von was soll dieser Aufruf/diese Gutmenschelei ablenken?
comen 23.02.2008
3. Reiseführer bleibt Reiseführer!
Es ist ja sehr witzig einem Reiseführer zu "unterstellen", er würde zu einem Besuch des jeweiligen Landes "verführen", das er vorstellt. Genau DAS sollte ein guter Reiseführer doch gerade tun! Und Lonely Planet Guides machen nun einmal genau das. Und zwar ziemlich gut. Diese Diskussion und der Boykott-Aufruf sind einfach nur lächerlich. Erstens kaufen sich meiner Meinung nach sowieso nur Menschen diesen Reiseführer, wenn sie sowieso auf kurz oder lang eine Reise in dieses Land planen (Ich habe ja auch nicht alle Bücher aus diesem Verlagsprogramm in meinem Regal stehen) und zweitens ist Myanmar ganz sicher ein faszinierendes Urluabsland. Es liegt am Reisenden selbst sich genau zu überlegen, welches Regime er unterstützt, wenn er sich in ein solches Land aufmacht. Der Vorwurf der "Verführung" und "Propaganda" ist einfach lächerlich.
mw1972 24.02.2008
4. Reiseführer Boykott
Es gibt auch viele andere Reiseführer- Verlage. Darunter findet sicherlich der eine oder andere, der recht neidisch auf den Erfolg der Loonly-Planet Reiseführer blickt. Ich denke daher, dass es sich bei der ganzen Boykott Aktion um eine PR Kampagne anderer Reiseführer handelt. Die Probleme in Myanmar sind dafür nur ein Mittel zum Zweck. Der Zeitraum (kurz vor Frühjahrsbeginn) ist sicher auch kein Zufall und bietet sich für so etwas bestens an, da in Kürze wieder viele Menschen einen Urlaub planen. Martina Weber Familienschutzwerk e.V. Stadtverband Berlin
.mango 24.02.2008
5. Bücherboykott
Grundsätzlich ist es eine ausgezeichnete Idee, zum Boykott jedweder Publikation aufzurufen. Erfahrungsgemäß steigt der Absatz durch diese Maßnahme, auch Verbote oder deren Androhung sollen bisweilen Wunder wirken(vgl.spiegel,mein kampf..etc.). Es bleibt zu hoffen, dass durch die Auseinandersetzung mit den teils bizarren Aufrufen verschiedener Organe zum Thema Burma das Interesse der Menschen an diesem Land gefördert wird. Bürger in abgeschotteten Ländern haben nach meiner Erfahrung ein sehr hohes Interesse an ausländischen Besuchern, was zu größartigen Begegnungen führen kann. Sicher muss man bisweilen in Restaurants essen, die dem Verteidigungsministerium gehören, und dann auch noch gefährdete Spezies vom Grill,es ist zu tragisch. Darum sind alle Bürger aufgerufen,ihre Heimat nicht mehr zu verlassen. Eine dermaßen ungerechte Welt sollte unbedingt boykottiert werden. Damit ist auch dem Weltklima gedient. Der mündige Bürger sollte darüber hinaus in Betracht ziehen,seinem Leben selbständig ein Ende zu setzen, um seine negativen Auswirkungen auf die politischen,sozialen und wirtschaftlichen Systeme zu minimieren.
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