Tourismus Türkei leidet unter stärkstem Besuchereinbruch seit Jahrzehnten

Anschläge, Putschversuch, Ausnahmezustand: Immer weniger Urlauber reisen in die Türkei. Im Juni meldete das Tourismusministerium ein Minus von 40 Prozent bei den Besucherzahlen aus dem Ausland.

Wenig los an Antalyas Küste
REUTERS

Wenig los an Antalyas Küste


Bloß nicht in die Türkei! Das scheinen immer mehr Menschen zu denken, wenn sie ihren Urlaub planen. Im Juni registrierte das Land nach Angaben des Tourismusministeriums gerade mal 2,44 Millionen Gäste aus dem Ausland. Das sind fast 41 Prozent weniger Besucher - der stärkste Rückgang seit mindestens 22 Jahren. Genauer lässt sich darüber nichts sagen, weil die Daten nur bis 1994 zurückgehen.

Die Gründe für den Einbruch sind vielfältig. Ende Juni starben 45 Menschen bei Angriffen auf den Atatürk-Flughafen in Istanbul. Auch Urlauber waren dieses Jahr bereits Opfer von Anschlägen, so etwa eine deutsche Reisegruppe im Januar.

Im Juli kamen beim Putschversuch von Teilen des Militärs Hunderte Menschen ums Leben. Seitdem gilt der Ausnahmezustand, und die Regierung geht mit Härte gegen Kritiker vor. Zuletzt ließ Präsident Erdogan Dutzende Zeitungen, Magazine, Rundfunk- und Fernsehsender schließen. Und auch Beamte im türkischen Außenministerium verloren nun ihre Jobs.

Die Folgen des Putschversuchs machen zum Beispiel dem Reisekonzern Thomas Cook zu schaffen. Dieser strich am Donnerstag sein Gewinnziel zusammen. Der operative Gewinn im bis Ende September laufenden Geschäftsjahr werde nur noch 300 Millionen Pfund (357 Millionen Euro) erreichen. Bislang waren bis zu 335 Millionen Pfund in Aussicht gestellt worden.

Für die Sommersaison verzeichnet das in Deutschland unter den Marken Neckermann und Öger bekannte Unternehmen bisher fünf Prozent weniger Buchungen als im Vorjahr. In Deutschland beträgt der Rückgang sogar sechs Prozent. Das Reiseangebot für die Türkei hat Thomas Cook inzwischen verringert, nun setzt es auf Spanien, Griechenland, Bulgarien, Kuba und die USA.

Die Fluggesellschaften Lufthansa und Easyjet hatten bereits vergangene Woche von Problemen in Folge der jüngsten Attentate sowie der politischen Instabilität in der Türkei und im Nahen Osten berichtet.

Nach der Verhängung des Ausnahmezustands in der vergangenen Woche hatte das Auswärtige Amt Türkei-Urlauber zu "äußerster Vorsicht" aufgerufen, insbesondere bei Menschenansammlungen auf öffentlichen Plätzen in Ankara und Istanbul. Man sollte immer ein gültiges Ausweisdokument dabei haben. "Ausgangssperren können nun überall kurzfristig verhängt und allgemeine Personenkontrollen jederzeit durchgeführt werden", hieß es in dem Reisehinweis.

Immer weniger Touristen

Außerdem ist das Verhältnis der Türkei mit Russland weiter angespannt. Von dort kamen in den ersten sechs Monaten 87 Prozent weniger Reisende in die Türkei. Allerdings deutet sich eine Entspannung der türkisch-russischen Beziehungen an, was sich auch positiv auf den türkischen Tourismussektor auswirken dürfte.

Seit Monaten sinken die Besucherzahlen in der Türkei. Im Mai hatte das Minus bereits knapp 35 Prozent betragen.

Die Hoteliers, Sonnenliegenvermieter und Souvenirhändler an der türkischen Riviera verzweifeln inzwischen an dem Besucherrückgang. Sie verdienen kaum noch Geld, einige von ihnen denken bereits ans Aufgeben, wie in dieser Reportage von vor Ort zu lesen ist.

jus/Reuters

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galbraith-leser 28.07.2016
1. Urlaub in der Diktatur
ist halt nicht jedermanns Sache. Wenn in der nächsten Stadt vielleicht ein Folterknast für politische Gefangene steht, kann man sich nicht so gut entspannen. Dann doch lieber nach Griechenland - die können es brauchen.
guevara2000 28.07.2016
2. Ich frage mich ohnehin...
... wie man es mit dem Gewissen vereinbaren kann dort Urlaub zu machen, während diese Regierung 200km weiter eigene Staatsbürger (die Kurden) bombardiert und schlachtet. So lange sich die Lage der Kurden nicht ändert, werde ich das Land nicht mehr besuchen. So etwas möchte ich nicht unterstützen!
Gmorker 28.07.2016
3. Wen wundert das?
Ist doch nicht verwunderlich, das sehr viele potentielle Gäste verunsichert sind aus durchaus unterschiedlichen Gründen. Manche fahren aus Prinzip nicht hin, weil sie politischen Veränderungen nicht finanzieren wollen, manche haben Angst vor möglichen Terrorakten und manche wollen vielleicht nicht das Risiko eingehen, im Urlaub bei einem falschen Satz an der Bar wegen Präsidentenbeleidigung angeklagt zu werden.
charles.f 28.07.2016
4. Doppelmoral
Man muss sich fragen, wer überhaupt noch in die Türkei reist. Es geht nicht nur um die Sicherheitslage. Es geht darum, dass jeder Urlauber, der die Türkei bereist mit seiner Urlaubskasses dieses Erdowahn-System finanziell unterstützt. Und damit macht sich jeder Türkei-Urlauber mitschuldig an den dortigen Geschehnissen. Man kann schliesslich auch im EU-Land Griechenland Urlaub machen und damit den Wiederaufbau der Hellenen unterstützen.
mens 28.07.2016
5. Noch immer zu viele.
Die Türkei und die vielen Erdogan-Anhänger dort muss die volle Härte eines Reise-Boykotts treffen. Eine andere Sprache verstehen fanatische und verblendete Menschen nicht. Bei Portugiesen, Franzosen, Spaniern, Italienern, Kroaten, Italienern und Griechen ist das Geld besser aufgehoben, auch wenn die Teller vielleicht nicht randvoll und die Verbeugungen nicht ganz so tief sind. Zumindest kann kein Diktator von den Devisen seinen Polizeistaat ausbauen.
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