Tourismusflaute in Montenegro Bausünden in Badebuchten

Halbfertige Betonbauten, mangelhafte Infrastruktur, überhöhte Preise: Das Adrialand Montenegro hat sich bei seinen Tourismusplanungen verkalkuliert. Viele Gästehäuser bleiben leer - doch manche Unternehmer hoffen immer noch, speziell reiche Besucher locken zu können.

Corbis

Budva - Wer Ende April an die südlichen Adriaküsten kam, hielt vergeblich Ausschau nach ausländischen Touristen. In dieser regnerischen Vorsaison waren die großen Hotels an der wild-romantischen Steilküste Montenegros praktisch leer. Auf den Straßen und Promenaden waren außer einigen russischen Gästen keine Ausländer zu sehen. Ein klares Zeichen dafür, dass der jahrelange Goldrausch in Montenegros Tourismusbranche verflogen ist, sind auch die vielen Schilder "Ladenlokal zu vermieten" - zum Beispiel in Petrovac oder auf der Flaniermeile vor der Urlauberhochburg Budva.

Jahrelang haben sich Russen in Montenegro im großen Stil eingekauft: Es wurde gebaut und gebaut, Geld und Wirtschaftlichkeit schienen keine Rolle zu spielen. Neben den Russen bauten auch die Montenegriner selbst: Rund 100.000 Immobilien sollen ohne Genehmigung errichtet worden sein - ohne Gesamtkonzept und ohne Rücksicht auf die Umwelt. Gerade erst hat das Parlament des Landes Maßnahmen gegen das wilde Bauen einschließlich des Abrisses illegal errichteter Objekte wieder um zwei Jahre aufgeschoben. Ende Mai stehen Kommunalwahlen ins Haus - und von den 620.000 Einwohnern Montenegros dürfte jeder zumindest einen kennen, der sein Haus schwarz gebaut hat.

Überall verschandeln nun Hotelruinen und Appartementhäuser im Rohbau die Landschaft. Und die Preise sind dramatisch eingebrochen: "Luxus-Appartements" sind schon für 1700 Euro und weniger pro Quadratmeter zu erhalten - vor zwei Jahren mussten dafür 50 Prozent mehr hingeblättert werden. Villen in der zweiten Küstenreihe sind schon für 600 000 Euro zu kaufen - ein Spottpreis im Vergleich zu früher. Der Preis für die Bauwut: Die Küste wurde zubetoniert.

Zu wenig Strände für Touristen

Montenegros Steilküste verbietet eigentlich Riesenprojekte wie auf flachen Küstenstreifen in Spanien und Italien. Die wilde Landschaft mit ihren kleinen Buchten - von den 290 Kilometern Küste eignen sich nur rund 70 Kilometer zum Baden - wurde mit dem Bauboom überlastet.

Im Sommer gibt es bei weitem nicht genug Platz an den Stränden für die Urlauber, weder ausreichend Straßen noch Parkplätze. Montenegros Regierung hat auf die reichen Touristen gesetzt - "Otto Normalverbraucher" wurde dagegen oft von oben herab behandelt.

Die Reiseanbieter TUI und Neckermann haben sich schon vor zwei Jahren aus dem Land zurückgezogen, im Sommer 2010 versucht es AldiReisen noch einmal. Kritisiert wurden hohe Preise, mangelnde Sauberkeit der Strände und der dauerhafte Krach durch zu viele Menschen auf zu wenig Raum.

Das Buhlen um spendierfreudige Ausländer ist bisher ohne großen Erfolg geblieben. Die heimischen Offiziellen setzen weiter auf russische Investoren und Gäste. Und dennoch: Der kanadische Unternehmer Peter Munk baut bei der Stadt Tivat jetzt seinen "Porto Montenegro". Er will die ganz Reichen mit Superjachten ins Land holen und damit Cannes und Monaco den Rang ablaufen. Und die Schweizer Orascom-Holding will gleich daneben eine eigene Touristenstadt mit Wohnungen, Hotels, Jachthafen und Golfplatz errichten. Ganz vergangen sind die Träume von einem touristischen Goldrausch also noch nicht.

Thomas Brey, dpa



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