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Tschernobyl: Reise in den Unglücksreaktor

Foto: Genya Savilov/ AFP

Tschernobyl-Tourismus Stippvisite in der Schaltzentrale des Schreckens

Hunderttausende Touristen haben bereits Tschernobyl besichtigt. Reaktor 4 jedoch, das Epizentrum der Atomkatastrophe, blieb Reisenden versperrt. Bis jetzt.

Manche nennen es den "ultimativen Kick". Andere reisen nach Tschernobyl, um sich ein Bild von dem Ort zu machen, an dem sich einer der schlimmsten Atomunfälle der Geschichte ereignete: Wie sieht es dort aus, wo 1986 ein Reaktor havarierte? Was ist übrig von dem Gruselkraftwerk? Welchen Charme kann das Schaurige haben?

Mit dem Urlaub an Unglücksorten, auch als Schwarzer Tourismus bekannt, ist ein gutes Geschäft zu machen. Seit die Ukraine die Zone um den Reaktor 2011 für Besucher geöffnet hat, boomen die Touren rund um Tschernobyl. Bisher war es jedoch nicht möglich, das Epizentrum der Katastrophe zu besichtigen: Reaktor 4.

Nun hat die Regierung dessen Kontrollraum für Besuchergruppen freigegeben, wie internationale Medien berichten. "Nun können alle, die mutig oder töricht genug sind, einen sehr kurzen Blick auf den Ort riskieren, wo diese tragische Geschichte geschrieben wurde", heißt es in einem Bericht der britischen Zeitung "Telegraph".

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Tschernobyl: Reise in den Unglücksreaktor

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Fotos, die auch im "Independent" und in der "DailyMail" veröffentlicht wurden, zeigen, wie Besucher in weißen Spezialanzügen, ausgerüstet mit Helm und Atemgerät, durch die verfallene Steuerungszentrale gehen, vorbei an alten Bildschirmen und Tischen mit Dutzenden Knöpfen und Schaltern. Kabelschächte stehen offen, Staub liegt auf rostenden Armaturen - dort, wo die Katastrophe ihren Anfang nahm.

Am 26. April 1986 war in Tschernobyl ein Test außer Kontrolle geraten, daraufhin explodierte Reaktor 4 des Kraftwerks. Eine radioaktive Wolke breitete sich aus - von der damaligen Sowjetrepublik über Weißrussland und Teile Russlands bis nach Westeuropa. Ungefähr 50 Menschen starben in Folge akuter Strahlenkrankheit. Experten schreiben zudem Zehntausende mitunter tödliche Krebserkrankungen dem Reaktorunglück zu, die auch noch in den kommenden Jahren auftreten können.

Erlaubt sind nur wenige Minuten

Nun, 33 Jahre nach der Katastrophe, rückt der Reaktor als Touristenattraktion in den Fokus der Öffentlichkeit. Der Kontrollraum liegt unterhalb der bogenförmigen Schutzhülle, die 2016 über dem alten Sarkophag errichtet wurde. Die Konstruktion wurde gebaut, um Sicherheit vor der Strahlung zu geben - Regierungsangaben zufolge zumindest für rund hundert Jahre.

Doch wie steht es um die Radioaktivität im Kontrollraum? Ist ein Besuch nicht gesundheitsschädigend? "Der Besuch dauerte nur wenige Minuten, damit die Strahlenbelastung kein gefährliches Level erreichen kann", schreibt der "Telegraph" . Wenn Touristen auf den ausgeschilderten Wegen blieben, würden sie einer Strahlung von bis zu vier Mikrosievert ausgesetzt, sagt demnach Yaroslav Yemelianenko, Chef von Chernobyl Tour, einem großen Veranstalter. Das sei weniger Strahlung, als man innerhalb einer Stunde auf einem Transatlantikflug abbekommen würde.

Das deutsche Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Strahlenschutz schätzt die Gefährdung der Besucher so ein: "Die Teilnehmer an offiziellen, organisierten Touren werden begleitet und die radiologische Situation wird ständig überwacht. Bei Beachtung der Verhaltenshinweise bleibt das stochastische Risiko beschränkt", formuliert die Presseabteilung gegenüber dem SPIEGEL. Der Kontrollraum von Block 4 allerdings sei in der Standardvariante der Touren nicht enthalten - "die Dosis ist hier bei geordnetem Ablauf höher".

Dem Bericht des "Telegraph" zufolge variiert die Höhe der Strahlung auf dem Gelände, sie sei unter anderem im Boden hoch. Die größte Gefahr in Reaktor 4: radioaktiver Staub. Wer diesen aufwirbelt, weil er aus Versehen einen Gegenstand berührt, könne als Folge einer großen Strahlung ausgesetzt sein, warnen Tschernobyl-Mitarbeiter. Ihre Gegenmaßnahme: Sie sprühen Chemikalien, um den Staub am Boden zu halten.

Das große Geschäft mit der Geisterstadt

Was Menschen an einen Ort wie diesen zieht? Es muss wohl die apokalyptische Stimmung sein, vielleicht auch das Schaudern über das Unheil, das der Mensch anrichten kann. Aktuell könnte auch die HBO/Sky-Produktion "Chernobyl" noch ein Treiber sein, wie der Fernsehsender CNN berichtet. Das Interesse der Reisenden sei lokalen Touranbietern zufolge dramatisch angestiegen, seit die fünfteilige Serie bei den Bezahlsendern zu sehen war.

Bisher war die Anlage für die meisten Tschernobyl-Touristen nur von außen zu betrachten. Die Höhepunkte einer Tour waren ein verfallenes Riesenrad und die bröckelnden Wohngebäude der nahe gelegenen Geisterstadt Pripyat gewesen, wo im Jahr der Katastrophe 50.000 Einwohner evakuiert wurden.

Kurz nach dem Start des Tschernobyl-Tourismus vor acht Jahren hatte ein Gericht geprüft, ob solche Reisen zulässig sind. Ein Generalstaatsanwalt hatte gegen die Entscheidung des ukrainischen Zivilschutzministeriums Protest eingelegt, die 30-Kilometer-Sperrzone auch für den Massentourismus zu öffnen. Doch nach einem kurzzeitigen Tourenstopp war die bewachte Zone wieder geöffnet worden.

"Ein generelles Verbot der Reisen wird es nicht geben", sagte damals der Reiseanbieter Arseni Finberg. "Das Geschäft mit dem Tschernobyl-Tourismus bringt einfach zu viel Geld." 85.000 Menschen aus aller Welt hätten bereits in diesem Jahr Tschernobyl besucht, schreibt "DailyMail" unter Berufung auf lokale Medien.

So scheint es auch die ukrainische Regierung zu sehen. Dass Interessierte nun Reaktor 4 besichtigen können, ist Teil einer großen Tourismusoffensive, die Präsident Wolodymyr Selenskyj im Juli angekündigt hatte. 21 neue Routen für Touristen sind angekündigt, Tschernobyl soll eine Topattraktion werden. Die Regierung hat laut dem "Telegraph" bereits Checkpoints sowie Wege durch das Gelände erneuert - und den Mobilfunkempfang verbessert. So steht wohl auch opulenten Instagram-Postings von vor Ort nichts im Wege.

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