Türkei auf der ITB Ein Snack für den Minister

Kein anderes Land ist so stark vertreten auf der diesjährigen Reisemesse ITB wie die Türkei. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu zeigt sich bei einem Rundgang jovial. Doch nicht alle Landsleute sind begeistert.

DPA

Von Sophie Krause


Mevlüt Cavusoglu und Nabi Avci schreiten an den Ausstellerständen entlang, sie schütteln Hände, kosten Snacks. Der Außenminister und der Kultusminister der Türkei lachen, scheinen sich ganz wie zu Hause zu fühlen und ihren Auftritt auf der Internationalen Tourismusbörse ITB in Berlin zu genießen. Eine Traube von Journalisten mit Kameras und Sicherheitspersonal umgibt sie; viele Aussteller zücken ihre Smartphones und machen Fotos, als die Minister an ihren Stand kommen.

Dabei ist die Stimmung an den Ständen der türkischen Touristiker überwiegend verhalten, zum Teil angespannt. Mit über 50 Ausstellern ist die Türkei das bestvertretene Land auf der Messe. Viel Anlass zum Jubeln aber haben die angereisten Vertreter der Branche nicht: Ihr Geschäft ist gebeutelt von Terroranschlägen im Land und den bilateralen Krisen ihrer Regierung, vor allem mit Russland und Deutschland.

Die Folge: Immer weniger Gäste verbringen ihren Urlaub in der Türkei. Die Hoteliers klagen über leere Betten und Liegestühle. Im Jahr 2016 kamen 25 Millionen Besucher aus dem Ausland, rund zehn Millionen weniger als im Vorjahr. Die Preise für Flüge und Unterkünfte sind eingebrochen. Für 2017 erwarten Branchenkenner nach einer Anschlagsserie in türkischen Großstädten und dem Putschversuch im vergangenen Jahr ähnlich ernüchternde Zahlen.

Da wird der Besuch der Minister auf der ITB wohl auch nichts mehr retten. Ihr Auftritt am ersten Tag der diesjährigen Messe ist aber ein besonderes politisches Statement. Nach den Querelen um abgesagte Wahlkampfauftritte für das türkische Verfassungsreferendum in Deutschland ist das deutsch-türkische Verhältnis besonders strapaziert. Und während eines Streits über den festgehaltenen deutschen Journalisten Deniz Yücel.

"Türken lassen sich nicht länger den Mund verbieten"

Bei seiner Rede ruft der aus dem Ferienort Alanya stammende Mevlüt Cavusoglu zu gegenseitigem Respekt auf und sagt: "Wir bitten Deutschland, sich zu entscheiden, ob es die Türkei als Freund oder Feind sieht." Für die Türkei gebe es keinen Grund, Deutschland als Feind zu sehen.

Gleichzeitig mahnte er: Die Gegner des Präsidialsystems würden bei ihren Aktivitäten gegen das Verfassungsreferendum in Deutschland nicht eingeschränkt, die Befürworter hingegen schon. In Hamburg hätten ihm drei Hochzeitssalons und ein Hotel abgesagt. Dies sei einer Demokratie unwürdig.

"Politik und Tourismus sollten meiner Meinung nach auseinander gehalten werden", sagt eine deutschtürkische Touristikerin - und bringt damit auf den Punkt, was wohl viele in Halle 3.2 denken. Zwar begrüßen die meisten Aussteller den Besuch aus der Türkei. Doch auch vorsichtige Kritik wird geäußert.

"Es sieht nicht so aus, als wollen sie uns unterstützen", sagt ein Hotelier, der seinen Namen wie die meisten Gesprächspartner nicht veröffentlicht sehen will. Er distanziert sich ausdrücklich von den Aussagen der türkischen Regierung und ist nach eigenen Angaben kein Freund von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan.

Ja, es gebe eine Schere im Kopf, glaubt der Mann, aber ewig werde das nicht so bleiben. Schließlich sei die Türkei eine Demokratie; die Türken würden sich nicht länger den Mund verbieten lassen. Überraschend ehrliche Worte, während der türkische Außenminister im Hintergrund seine Rede hält. "Die Menschen wollen sich im Urlaub sicher fühlen", sagt er, die anhaltende Terrorlage in der Türkei stehe dem aber entgegen.

Wie viele seiner Kollegen beobachtet er, dass kaum noch neue Gäste kommen und die Stammgäste wegen der innen- und außenpolitischen Entwicklungen sehr beunruhigt sind. Dennoch zählt der Hotelier auf eine Erholung von der Krise: "Die Zeit wird zeigen, ob sich etwas ändert. Die Hoffnung soll man niemals verlieren."

"Hand auf der Schulter"

Ein anderer Hotelier spricht von einer "Hand auf der Schulter", die man spüre, wenn man etwas Negatives sagt. "Ich finde es auf der einen Seite positiv, dass Avci und Cavusoglu zeigen, dass sie etwas für den Tourismus machen möchten", sagt der Deutschtürke, der Vertriebsleiter einer großen Hotelkette ist. "Aber die Leute sollten nicht denken, dass die türkischen Hoteliers so denken wie die türkischen Politiker." Die eine Hälfte sei für, die andere gegen Erdogans Politik. Letztlich aber sehen alle ihre Umsatzeinbrüche.

Die Branche will die Deutschen wieder zurückgewinnen. "Wir haben kein Problem miteinander, sondern die Politiker", so der Vertriebsleiter. "Wir möchten, dass sich die Lage wieder beruhigt. Denn die Türkei und Deutschland gehören zusammen wie Nagel und Finger", sagt er und zeigt zum Beweis auf seinen Fingernagel. Er ist hoffnungsvoll: "Das wird sich wieder normalisieren." Das Jahr 2017 werde wieder friedlich sein, glaubt er.

Wesentlich optimistischer zeigt sich ein Vertreter des Istanbuler Tourismusbüros: Die Türkei sei ein sicheres Land, sagt Bahadir Yasik. Zumindest nicht unsicherer als andere Länder wie Belgien und Frankreich, wo es ebenfalls Terrorangriffe gegeben habe. Die Menschen seien wachsamer geworden, sagt er, außerdem: "Wir haben einen starken Anführer, und der Tourismusbranche wird es deshalb bald besser gehen." Über das Spannungsverhältnis zwischen Politik und Tourismus will man am offiziellen Stand der türkischen Metropole aber nicht reden.



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