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07. November 2006, 06:26 Uhr

U-Bahn Tokio

290 Kilometer lange Spaghetti

Von Moritz Honert

Die U-Bahn in Tokio gilt als eine der meistbeanspruchten und sichersten Metros der Welt. Ganz bestimmt zählt sie zu den skurrilsten. Wo sonst stopft das Personal die Fahrgäste von Hand in die Waggons? Und wo sonst versteht man als Fremder wirklich nur noch Bahnhof?

Sauber ist es. Blitzblank. Dass die 7,8 Millionen Menschen, die täglich die Tokioter U-Bahn benutzen, nicht mehr sichtbaren Müll produzieren sollen, ist schwer zu begreifen. Ungefähr so schwer wie der riesige U-Bahnplan, der über den Fahrkartenautomaten in der Metro-Station Shinagawa hängt. Ausschließlich japanische Schriftzeichen weisen den Weg durch ein Labyrinth aus 274 Stationen, angefahren von den zwölf U-Bahnlinien der staatlich-städtischen Tokio Metro Co. Ltd. und der städtischen Toei-U-Bahn. Die zehn privaten Bahngesellschaften und die S-Bahnen noch gar nicht mitgerechnet.

Der Versuch, sich mittels Vergleichen von Schriftzeichen und Abzählen von Stationen zu orientieren, scheitert kläglich. Nach fünf Minuten Starren, Suchen und Zählen sieht Tokios U-Bahnnetz aus wie ein Knoten aus bunten Spaghetti. Bunte Spaghetti mit einer Gesamtlänge von rund 290 Kilometern.

Sich als Ausländer in Tokio verloren zu fühlen, ist einfach. In Tokios Metronetz ist es besonders einfach. Die fremde Kultur macht unsicher, kaum jemand spricht Englisch, Auskünfte von Passanten haben die Zuverlässigkeit von Wettervorhersagen, und alles ist riesig groß. Wahrlich gewaltig. Es hilft, dass die Japaner ein ausgesprochen höfliches Volk sind. So auch der Stationsmanager, der in blitzblanker, viel zu großer Uniform weiterhilft.

Raumausnutzung auf Japanisch

Nicht nur, dass er alle Fahrpreise aus dem Kopf hersagen kann, er verteilt auch freigiebig U-Bahnpläne mit englischsprachiger Beschriftung. "Da nehmen Sie die Asakusa-Linie bis Mita. Dort steigen Sie um auf die Mita-Linie, fahren bis Hibiya, wechseln auf die Hibiya-Linie, und die nächste Station ist bereits Kasumigaseki", rattert er als Antwort auf den Hilferuf in radebrechendem Englisch herunter. Dabei mal er ohne hinzugucken Kringel auf den ausgelegten Plan. "Auch kein Problem, wenn Sie jetzt schon ein Ticket gekauft haben, dass nicht dem vollen Fahrpreis entspricht. Beim Ausgang können Sie den fehlenden Betrag nachzahlen. Alles klar?" Erst mal nicken, dann weg. Ihm bloß nicht das Gefühl geben, er hätte seinen Job nicht gut gemacht. Was man nicht verstanden hat, erklärt sich bestimmt später von selbst.

Und tatsächlich, auf dem Plan ist jeder der erwähnten Bahnhöfe exakt eingekringelt. Ohne derart routinierte Präzision wäre der Wahnsinn der Tokioter Metro, die am 30. Dezember 1927 ihren Dienst aufnahm und seitdem wächst und wächst, wahrscheinlich gar nicht zu bewältigen.

Ebenso wenig wie ohne die für Japaner so typische Disziplin. Auf dem Bahnsteig ist es voll. Brechend voll. Es ist Dienstagmorgen, Berufsverkehr. Doch anscheinend ist es noch nicht voll genug für einen Einsatz der berühmt-berüchtigten "U-Bahn-Stopfer", jenen Metro-Angestellten, die die Fahrgäste zu Stoßzeiten in die Wagons quetschen. Optimale Raumausnutzung auf Japanisch. Trotz der Enge drängelt jedoch niemand. Stattdessen stehen die Fahrgäste artig Schlange vor auf den Boden gemalten Markierungen, die anzeigen, wo ein Wagen zum Stillstand kommen und sich eine Tür öffnen wird.

Stoische Ruhe und ausgeprägter Fatalismus scheinen sich hier als nützliche Charaktereigenschaften bewährt und tief im Bewusstsein der Menschen verankert zu haben. So tief, dass an weniger frequentierten Stationen die für den europäischen Beobachter lustige Szene beobachtet werden kann, dass auf einem fast leeren Bahnsteig Männer mit Aktenkoffern still in Reih und Glied auf den Zug warten.

Comics und U-Bahn-Grapscher

Auf der Assakusa-Linie herrscht heute hingegen Hochbetrieb. Dicht gedrängt stehen Geschäftsleute im Anzug neben topmodern gekleideten Jugendlichen. Dazwischen immer wieder Kinder in Schuluniformen und alte, gebeugte Frauen mit riesigen Einkaufstüten. Die U-Bahn ist das Fortbewegungsmittel für jedermann. Enge Straßen, erschwingliche Fahrpreise zwischen 1,20 Euro und 3 Euro sowie akuter Parkplatzmangel in der Innenstadt sorgen dafür. Die Beliebtheit der Metro schmälert auch nicht das permanent über ihr hängende Damoklesschwert eines Superbebens oder die Sorge um neuerlich verübte Terroranschläge.

Mit Schrecken erinnert sich Tokio noch heute an den Morgen des 20. März 1995, an dem Mitglieder der Sekte Aum Shinrikyo in mehreren Wagons das Nervengift Sarin freisetzten. 15 U-Bahnhöfe waren betroffen, 12 Menschen starben, mehr als 5000 Fahrgäste wurden zum Teil schwer verletzt. Doch in Japan fügt man sich in sein Schicksal, und so beschäftigen sich die meisten Fahrgäste mit ihren MP3-Playern, daddeln Videospiele oder lesen telefonbuchdicke, auf regenbogenfarbenes Papier gedruckte Comics.

Leben in Tokio heißt Leben auf engstem Raum. Nirgendwo sonst wird das so deutlich wie in der U-Bahn. Verständlich also, warum die "Chikans", Fahrgäste, die im Gedränge ihre Mitreisenden begrapschen, besonders gerne hier ihr Unwesen treiben. So oft, dass einige Metro-Betreiber inzwischen spezielle Abteile für Frauen eingeführt haben. Doch Belästigungen sind immer noch die Ausnahme. Wie überall bestimmen auch im Untergrund Höflichkeit und Rücksicht den allgemeinen Umgang.

"Schau Dir beispielsweise die Leute mit Mundschutz an", sagt später eine befreundete, in der Stadt lebende Architektin. "Die haben keine Angst vor Viren oder Bakterien. Die sind selbst erkältet und wollen niemanden anstecken." Sie muss es wissen. Auch sie fährt viel U-Bahn. Jeden Tag morgens um 9 Uhr zur Arbeit, nachts um 22 Uhr oder 0 Uhr zurück.

Plötzlich ist die Nacht vorbei

Tokio hat nicht nur horrende Mieten, auch die Arbeitszeiten haben Rekordniveau. Was nicht nur zu wenig Freizeit führt, sondern auch dazu, dass die knapp bemessene Erholung bei den oft langen Fahrtwegen in der U-Bahn gefunden werden muss. Über ihren Aktenkoffern eingenickte Geschäftsleute sind ein alltägliches Bild. "In der U-Bahn zu schlafen ist kein Problem", erzählt die Architektin. "Man muss nur aufpassen, dass man nicht in der falschen Linie sitzt. Bei den Linien mit Endstation weckt einen das Personal. Schläft man jedoch auf einer Ringlinie ein, kann es sein, dass man drei, vier Runden dreht und plötzlich ist die Nacht vorbei."

Deshalb beugt sie lieber vor und zieht einen kalten Kaffee in einer Dose aus einem der allgegenwärtigen Automaten. 20 Stück für jeden Einwohner soll es davon in Tokio geben, glaubt man den Berechnungen eines Reiseführers. Nimmt man allein die rund 8,5 Millionen Einwohner des Stadtkerns, käme man bereits auf 170 Millionen Warenspender. Gefühlt sind es mehr. Dann verschwindet sie mit der Dose in der Hand im Trubel der Menschenmassen, auf dem Weg zu einer der 274 Stationen. Bis es davon 170 Millionen gibt, ist es noch ein weiter Weg. Die Tokio Metro Co. Ltd., die kommendes Jahr ihren offiziellen Börsenstart plant, arbeitet jedoch daran. Die Neue-Yurakucho-Linie, die 2007 fertig gestellt werden soll, wird die 13. Spaghetti im Tokioter U-Bahnnetz sein. Eine Spaghetti von 8,9 Kilometern Länge. Einfacher wird es nicht.

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