Überfallen im Gilf al-Kebir "Es ist ein furchtbares Gefühl"

19 Urlauber wurden in der Sahara entführt - es ist nicht die erste Gewalttat gegen Touristen in der unwirtlichen Region des Gilf al-Kebir. Frank Buesges wurde vor acht Monaten in derselben Gegend überfallen. Im Interview schildert er, wie professionell die Räuber vorgehen.


SPIEGEL ONLINE: Sie sind im Januar 2008 auf einer Tour zum Plateau Gilf al-Kebir überfallen und ausgeraubt worden. Wo genau passierte das?

Buesges: Fünf bis sechs Kilometer nordwestlich von Eight Bells, einem Ort am Südrand des Plateaus. Dort hatten die Engländer im Zweiten Weltkrieg einen Behelfsflugplatz angelegt. Der berühmte Pfeil, aus Benzinkanistern gelegt, ist noch zu sehen. Wir haben sehr versteckt gezeltet.

Überfall in Südwestägypten: An dieser Stelle wurden die Geländewagen von Bewaffneten gestohlen
buesges.de

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SPIEGEL ONLINE: Was passierte dort?

Buesges: Ich war mit drei Engländern und einem ägyptischen Führer in unseren eigenen vier Geländewagen unterwegs. Am vierten Tag nach dem Start in Dakhla hatten wir morgens gerade gepackt, die Motoren liefen zum Vorwärmen. Dann tauchte erst ein Toyota-Pick-up mit sieben oder acht Männern auf, später ein zweiter. Sie müssen unseren Spuren gefolgt sein. Insgesamt zählten wir 15 Schwarze. Sie hatten Maschinengewehre, eines auf der Motorhaube eines der Autos, das andere auf der Ladefläche. Dann sprang ein Mann runter und fuchtelte mit seiner Kalaschnikow herum, um uns von unseren Fahrzeugen zu separieren. Wir mussten uns 50 Meter weit von unseren Autos entfernt in den Sand setzen.

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie erkennen, ob die Männer Ägypter waren?

Buesges: Wir glauben nicht. Wir vermuten inzwischen, dass es eine Einheit der Sudanesischen Befreiungsarmee SLA war. Sehr gut organisiert, sehr gut bewaffnet - mit AK46-Gewehren und die Chefs mit Pistolen - und mit einer eindeutig hierarchischen Struktur. Sie hatten alle eine Art Tarnmantel an und Tücher um den Kopf, es waren also keine Buschräuber oder irgendwelche Jugendlichen, die am Straßenrand lauern.

SPIEGEL ONLINE: Der Überfall verlief also nicht chaotisch?

Buesges: Nein, er war offensichtlich gut geplant worden und lief sehr ruhig ab. Die wussten genau, was sie zu tun hatten: Drei Mann passten auf uns auf, der Rest durchsuchte, ohne viel zu reden, unsere Autos vor allem nach Satellitentelefonen, Handys und GPS ab. Die Männer waren allerdings nervös, offenbar weil sie nicht genau wussten, ob sich Militär in der Gegend aufhielt. Nach dem jetzigen Vorfall wissen sie nun, dass kein Militär in dieser Region ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie erlebten Sie die Situation?

Buesges: Es ist ein furchtbares Gefühl, wenn Sie mitten in der Wüste sitzen und von Männern bedroht werden, die mit ihren Waffen fuchteln, sobald Sie irgendeine Bewegung machen oder reden.

SPIEGEL ONLINE: Konnten sich die Räuber mit Ihnen verständigen?

Buesges: Englisch konnten sie nicht, und mit unserem ägyptischen Führer konnten sie sich auch nur schlecht unterhalten. Offensichtlich sprachen sie unterschiedliche arabische Dialekte.

SPIEGEL ONLINE: Was wurde Ihnen gestohlen?

Buesges: Zunächst dachten wir, dass sie uns nur ausrauben, aber uns unsere Autos lassen. Doch dann hauten sie mit zwei der vier Geländewagen ab: mit meinem und mit dem von einem der Engländer. Vermutlich brauchten sie Ersatzteile.

SPIEGEL ONLINE: Was blieb Ihnen?

Geplante Route: Buesges wollte Dakhla, Eight Bells, Jebel Uweinat, Gilf al-Kebir und Silica Glass ansteuern
SPIEGEL ONLINE

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Buesges: Mir wurde alles geklaut, ich stand da quasi in Unterhosen. Ich hatte alles im Auto - Ägypten ist doch angeblich so sicher. Die Engländer hatten wenigstens noch ihren Pass und Kreditkarten, und einer von ihnen hatte noch seine Kamera in der Hose.

SPIEGEL ONLINE: Wie lang dauerte der Überfall?

Buesges: Schwer zu sagen, 45 Minuten bis eine Stunde. Danach fuhren wir mit den beiden verbliebenen Autos ohne weitere Probleme aus der Wüste raus.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren ohne offizielle militärische Begleitung unterwegs?

Buesges: Ja. Wir hatten das Pech, dass die von unserer Reiseagentur beantragte Erlaubnis für die Tour schon seit mehreren Tagen galt, bevor unser gebuchter Führer auftauchte. Daher hatte der abgestellte militärische Begleiter, der Captain genannt wird, natürlich nicht mehr an dem Kontrollposten gewartet. Wir beschlossen deshalb, nur mit unserem Führer in das Gebiet zu fahren.

SPIEGEL ONLINE: War das nicht riskant?

Buesges: Der Begleiter, den man in Dakhla ins Auto gesetzt bekommt, hat keine Waffe, kein Satellitentelefon und keine Ortskenntnis - und was will der bei einem Überfall denn machen? Der jetzige Entführungsfall zeigt ja auch, dass es völlig unerheblich ist, ob ein Sicherheitsbegleiter dabei ist oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum fährt man in die Gegend?

Buesges: Um die Höhlen mit den Felszeichnungen und die Landschaft zu sehen. Aber es liegt auch noch viel Gerümpel von der Long Range Desert Group der britischen Armee aus dem Zweiten Weltkrieg herum. Pro Woche waren mindestens drei bis vier Gruppen dort unterwegs - mal mit Führer, mal ohne. Viele Reiseveranstalter bieten diese Touren an.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie von anderen Vorkommnissen gehört?

Buesges: Ja, auf seiner Website beschreibt ein Hobby-Archäologe, wie ein Bekannter von ihm zwei Wochen nach uns überfallen wurde, allerdings wohl schon auf sudanesischem Gebiet im Karkur-Talh-Wadi. Die Gruppe wurde von der SLA in den Nordsudan verschleppt und kam erst zehn Tage später, nach "Klärung der Formalitäten", wieder frei. Sie mussten nur Teile ihrer Fahrzeuge zurücklassen.

Das Interview führte Antje Blinda



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