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Bahn im Winter: Ärger durch Schnee und Eis

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Überfordert vom Schneewetter Warum die Bahn nicht winterfest ist

Deutschland verschneit - prompt häufen sich im Schienenverkehr Verspätungen und Ausfälle. Die ICE müssen langsamer fahren, ein Regionalzug blieb stundenlang stehen. Warum die Bahn mit dem Winter nicht zurechtkommt: ein Überblick über die Schwachstellen.

Hamburg - Vier Stunden lang mussten die Passagiere auf Rettung warten: Am Donnerstagabend legte ein Stromausfall einen Regionalzug zwischen Hamburg und Lübeck auf offener Strecke lahm. Heizung und Beleuchtung fielen aus, die Türen blieben zunächst verschlossen, auch Durchsagen waren ohne Elektrizität nicht möglich. An Bord waren rund 400 Fahrgäste, in den Waggons kam es zu chaotischen Zuständen: Mehrere Passagiere gerieten in Panik, wollten die Scheiben einschlagen, später mussten einige mit Unterkühlungen und Kreislaufproblemen behandelt werden.

Erst nach zwei Stunden konnten rund 150 Fahrgäste von der Feuerwehr aus dem Zug geholt werden, der zwischen Bargteheide und Kupfermühle in Schleswig-Holstein stand. Sie wurden zunächst in einem Gemeindehaus in der Nähe untergebracht. Die anderen rund 200 Fahrgäste, darunter auch zwei Schulklassen, saßen noch weitere zwei Stunden fest. Ein weiterer Zug blieb wegen des Stromausfalls ebenfalls stehen, er befand sich jedoch glücklicherweise an einem Bahnsteig, so dass die Fahrgäste aussteigen konnten.

"Was in Schleswig Holstein passiert ist, finde ich dramatisch. Ich bin erstaunt und kann nur mit dem Kopf schütteln", sagte Uwe Beckmeyer, verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, SPIEGEL ONLINE. "Bahn-Chef Rüdiger Grube hat mehrfach betont, dass die Bahn winterfest sei. Ich frage mich, ob das jetzt jeden Winter passieren wird. Die Grenze zur Akzeptanz ist überschritten."

250 Euro Entschädigung für jeden Passagier

Nach Informationen des NDR sei der Notfallmanager der Bahn erst nach zweieinhalb Stunden eingetroffen. Es habe viel zu lange gedauert, bis den Menschen geholfen wurde, gab Bahn-Sprecher Egbert Meyer-Lovis gegenüber SPIEGEL ONLINE zu. "Normalerweise sollte das in einer bis anderthalb Stunden gehen." Die Bahn werde die Prozesse noch einmal überprüfen, kündigte er an.

Die Befreiung der Fahrgäste am Donnerstagabend habe jedoch unter erschwerten Bedingungen stattgefunden. "Weil die Straßen so vereist waren, konnten Notfallfahrzeuge nur mit 30 km/h fahren", sagte er. Man habe versucht, eine Diesellok aus Hamburg zu schicken, die konnte aber wegen einer Weichenstörung nicht zu dem Regionalexpress gelangen. Ein weiterer Rettungsversuch mit einer Lok aus Bargteheide verzögerte sich durch ein geradezu groteskes Problem: "Die musste stoppen, weil nun Passagiere auf dem Gleis waren", sagte der Sprecher. Man habe keine Personen gefährden wollen, nachdem schließlich einige Fahrgäste den Pannenzug verlassen hatten. Jeder der Betroffenen soll nun eine Entschädigung von 250 Euro erhalten.

"Alle reden vom Wetter, nur wir nicht", hieß es in einer berühmten Werbung der Bahn aus den Sechzigern. Doch nachdem im Sommer zahlreiche Klimaanlagen in der Hitze ausfielen, wird auch im Winter dieser Spruch wieder einmal ad adsurdum geführt: Die Züge müssen bei Schnee und Eis langsamer fahren, immer wieder funktionieren Weichen nicht, es kommt bundesweit zu teils erheblichen Verspätungen.

SPIEGEL ONLINE erklärt, wo die Probleme der Bahn liegen - und warum in diesem Winter weiterer Ärger für Passagiere programmiert ist:

Kommunikationsprobleme - wenig Infos für Passagiere

Wenn es mal hakt bei der Bahn, erfahren die Fahrgäste oft erst spät oder gar nicht, welche alternativen Reisemöglichkeiten sie haben. "Die meisten Passagiere haben volles Verständnis dafür, dass bei einem solchen Winterwetter mal ein Zug ausfällt", sagte Mattias Oomen, Sprecher der Fahrgastvereinigung Pro Bahn, SPIEGEL ONLINE. Das größte Problem sei jedoch die Kommunikation. "Häufig bekommen die Fahrgäste widersprüchliche Angaben und keine verbindlichen Informationen zu Anschlusszügen." Wenn ein Zug nicht erreicht werde, obwohl es vorher hieß, er werde warten, sei der Ärger groß.

Auch mangele es an proaktiver Kommunikation, mit der die Leute auf ihre Möglichkeiten und Rechte hingewiesen werden. "Bei Verspätungen am Abend kommt nie die Durchsage: 'Wenn bis ein Uhr kein Zug erreicht wird, haben Sie Anrecht auf ein Taxi oder Hotel'." Damit spare die Bahn ein paar Euro, weil diese Rechte weniger in Anspruch genommen werden. Doch die Passagiere werden alleingelassen mit ihrem Problem, noch irgendwie ans Ziel zu gelangen.

Ein anderes Beispiel: Immer wieder kommt es vor, dass auf der Anzeigetafel steht "Bitte die Durchsagen beachten", während die Leute auf verspätete Züge warten - aber häufig gibt es dann lange Zeit keine Information aus den Lautsprechern. "Autofahrer haben den Verkehrsfunk - so etwas fehlt bei der Bahn", sagte Oomen. Zwar bietet die Bahn inzwischen Programme für internetfähige Handys an, die aktuelle Informationen über Zugverbindungen liefern. Doch für Oomen ist das zu wenig: "Nicht jeder Passagier hat ein iPhone".

Zu wenig Loks und Wagen - fahren am Limit

Zahlreiche Betriebsprobleme im Fernverkehr der Deutschen Bahn sind darauf zurückzuführen, dass sie zu wenig Züge hat. "Alles, was Räder hat, fährt auch", sagen Insider schon seit mehr als einem Jahr. Mit anderen Worten: Wenn ein Intercity, Eurocity oder ICE eine Panne hat, steht keine Reserve bereit.

Bahn-Chef Rüdiger Grube räumte das im September selbst ein. Aus Anlass einer 330 Millionen Euro schweren Qualitätsoffensive verkündete er, die Bahn werde sich einen TGV von der französischen Staatsbahn SNCF und einige Wagengarnituren von den Schweizer Bundesbahnen leihen, um den Mangel auszugleichen. Seit der Fahrplan am vergangenen Sonntag auf massives Drängen der Fernverkehrssparte teilweise ausgedünnt wurde, stehen nun immerhin wieder einige Züge mehr als Reserve bereit, falls die Witterung dem Fahrzeugpark arg zusetzen sollte.

Fernverkehrsfachleute kritisieren, die zurückhaltende Beschaffungspolitik der Deutschen Bahn der vergangenen Jahre sei dem bis Oktober 2008 mit allen Mitteln favorisierten Börsengang geschuldet. Größere Investitionen - ein einziger Intercity- oder Eurocity-Zug schlägt mit einer zweistelligen Millionensumme zu Buche - seien deshalb zurückgestellt und Verhandlungen in die Länge gezogen worden, nur um die Bilanz profitabel aussehen zu lassen. Die Bahnindustrie habe deswegen die Bücher mit Aufträgen anderer Kunden gefüllt. Und nun lässt sich das so schnell nicht korrigieren.

Die IC- und EC-Wagen sind 30 Jahre und älter. Naturgemäß erfordert das höheren Wartungs- und Instandsetzungsaufwand. Auch die Hochgeschwindigkeitszüge vom Typ ICE 2, wie sie etwa zwischen Berlin und Köln verkehren, bedürften dringend einer Grundüberholung. Immer wieder werden Züge auf die Strecke geschickt, die zwar die Sicherheitsanforderungen erfüllen, in denen es aber noch zweitrangige Wartungs- und Servicearbeiten zu erledigen gäbe. Deshalb häufen sich bei den Fahrgästen Beschwerden über unzureichend gereinigte Fahrgasträume oder geschlossene Toiletten. Das alles trägt nicht zur Pflege eines hochwertigen Images der Bahn bei.

Technische Probleme bei Zügen - Wintertauglichkeit mangelhaft

Bei Winterwetter müssen ICE-Züge langsamer fahren. Die Vorsichtsmaßnahme soll verhindern, dass Eisbrocken von der Wagenunterseite herabfallen und Schottersteine aufwirbeln, die die Wagen beschädigen können. In diesem Monat waren die Züge deshalb schon mehrfach lediglich mit maximal 200 km/h unterwegs statt mit bis zu 250 km/h im Normalfall. Zwischenzeitlich wurde ein Tempolimit von 160 km/h festgelegt. Dadurch kommt es bei winterlichem Wetter immer wieder zu Verspätungen. "Außerdem kann Wasser in Elektroloks zu Kurzschlüssen führen", sagte Pro-Bahn-Sprecher Oomen.

Nach Angaben von Anton Hofreiter, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, sind die ICE-Züge der Reihen zwei und drei nicht winterfest. "Gerade die modernen ICE sind falsch konzipiert", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Schnee komme durch die Lüftungsschlitze und lege die Elektronik lahm. "Die Deutsche Bahn hat sie falsch bestellt. Das ist Schlamperei."

"Die Züge werden von der Bahn nicht konzipiert", verteidigt ein Sprecher der Deutschen Bahn den Konzern. "Wir bestellen die Fahrzeuge nur, entwickelt werden sie von der Industrie". Natürlich gebe es im Winter mehr Ausfälle als im Sommer. "Wir haben im vergangenen Winter gemerkt, wo die Schwachstellen sind und haben verschiedene Dinge umgesetzt", so der Sprecher zu SPIEGEL ONLINE. "Damit keine Feuchtigkeit mehr durch die Lüftungsschlitze kommt, haben wir die Abdichtungen ausgetauscht."

Hinzu kommt, dass bei diesen ICE-Zügen die Achsen regelmäßig überprüft werden müssen, seit 2008 im Kölner Hauptbahnhof ein ICE entgleist ist. Gerade im Winter komme es deshalb zu massiven Verzögerungen. "Allein die Kontrolle der Achsen dauert etwa sechs Stunden. Im Winter müssen die Wagen aber auch noch abgetaut werden", sagte Hofreiter. "Das dauert fünf Stunden. Insgesamt sind die ICE also elf Stunden nicht einsatzfähig." Dazu sagte der Bahn-Sprecher: "Wir haben zusätzliche Enteisungsanlagen geschaffen, um die Prozesse zu beschleunigen."

Unzureichende Infrastruktur - kein Geld für Weichenheizungen

Immer wieder versagt die Infrastruktur im Winter. "Die Weichen frieren ein, weil sich Eis an der Weichenzunge bildet und sie damit nicht mehr benutzbar ist", sagt Mattias Oomen von Pro Bahn. Auch Grünen-Politiker Hofreiter sieht eine Schwachstelle bei den Weichen, die auch bei Minusgraden beweglich bleiben müssen. "Dieses Problem ist seit hundert Jahren bekannt. Seit Jahrzehnten gibt es Weichenheizungen." Diese müssten jedoch gewartet werden. "In den vergangenen Jahren hat die Bahn unheimlich gespart. Deshalb sind viele Heizungen einfach kaputt."

Eine häufiger Grund für Zugausfälle sind auch Bäume auf dem Gleis. Laut Hofreiter ein unnötiger Zwischenfall. "Bäume haben in Gleisnähe überhaupt nichts zu suchen. Aber wenn man sie nicht regelmäßig zurückschneidet, dann fallen sie auf die Gleise und behindern den Verkehr." Auch hier werde zu viel gespart. Die einzige Wettersituation, auf die die Bahn sich nicht vorbereiten könne, sei Blitzeis auf den Oberleitungen. "Dafür kann die Bahn wirklich nichts. Aber das passiert auch nur alle zehn bis 15 Jahre."

Oomen verweist auf die knappen Mittel, die der Bahn zur Verfügung stehen: "Es fehlen jedes Jahr eine Milliarde Euro für die Wartung", sagte er. "Da gibt es eine Mitverantwortung der Politik, weil sie die Bahn nicht angemessen unterstützt."

Neue Züge - Bestellung verzögert sich

Bei dem dringend nötigen Ausbau der Flotte könnte es zu Verzögerungen kommen, weil sich die Bestellung neuer Züge für den Fernverkehr weiter verzögert. Die Preisvorstellungen von Bahn und Siemens lägen noch "deutlich auseinander", hieß es am Freitag aus Bahn-Kreisen. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dapd wird die Deutsche Bahn die Züge, die ab 2014 viele ICE-Züge und besonders die bisherigen Intercity- und Eurocity-Wagen ersetzen sollen, nicht mehr in diesem Jahr bestellen.

Ein Bahn-Sprecher bestätigte, dass der Vertrag nicht mehr wie geplant vor Jahresende unterzeichnet werde. Die Verhandlungen würden aber fortgesetzt, und die Bahn wolle die ersten Züge aus dieser Bestellung im Jahr 2014 einsetzen.

Der Preis für die milliardenschwere Neuanschaffung wird in Euro pro Sitzplatz ausgewiesen. 300 Züge mit zusammen 200.000 Sitzplätzen sollen nach Bahn-Angaben bestellt und bis 2028 ausgeliefert werden. Zurzeit erwarte der DB-Konzern eine Umsetzung des Konzepts für 28.000 Euro pro Sitzplatz, hieß es in Bahn-Kreisen. Die Vorstellungen von Siemens lägen dagegen knapp unter 40.000 Euro. Die Preisspanne für das gesamte Programm bewegt sich damit zwischen 5,6 und 8 Milliarden Euro.

Mit Material von dpa und dapd
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