Überraschender Streik Berlins öffentlicher Verkehr liegt nahezu still

U-Bahnen, Straßenbahnen, Busse – in Berlin fahren außer S-Bahnen keine öffentlichen Transportmittel mehr. Der Streik der Verkehrsbetriebe beeinträchtigt den Berufsverkehr stark. Besonders der Ostteil der Hauptstadt ist betroffen.


Berlin – Ein kurzfristig angekündigter Streik der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) legt seit kurz vor Mitternacht Berlins Verkehr lahm. "Bei uns fährt nichts mehr außer ein paar Bussen in den Randgebieten", sagte eine BVG-Sprecherin. Das befürchtete Verkehrschaos auf den Straßen blieb zunächst jedoch aus. Viele Menschen nutzen die S-Bahn und Regionalzüge, andere waren mit Pkw, Fahrrad oder zu Fuß unterwegs, an großen Straßen der Stadt trampten auch einige.

"Vor allem der Ostteil Berlins ist von dem Streik betroffen, da dort nicht nur Busse und U-Bahnen, sondern auch die Straßenbahnen nicht fahren", sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz. "In Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen läuft normalerweise fast der gesamte Berufsverkehr über die Straßenbahnen." Einige Ausnahmen gäbe es in den Stadtrandgebieten zu Brandenburg, wo wie in Spandau Subunternehmen der BVG im Einsatz seien.

Warnstreik in Berlin: Heute bleiben die meisten Busse im Depot
REUTERS

Warnstreik in Berlin: Heute bleiben die meisten Busse im Depot

"Unsere Kolleginnen und Kollegen stehen vor den Betriebshöfen, da ist kein Bus und keine Straßenbahn rausgekommen", sagte ein Sprecher der Gewerkschaft Ver.di am Morgen. Rund 2500 bis 5000 Fahrer, je nach Schicht, seien an dem Ausstand beteiligt. Auch die Frühschicht beteilige sich komplett am Warnstreik. Ver.di hatte den Warnstreik gestern Abend überraschend kurzfristig für Mitternacht angekündigt. Der Streik soll bis morgen 15 Uhr dauern.

Die S-Bahn und die Regionalbahn sind von dem Warnstreik nicht betroffen. "Die Züge waren deutlich voller als üblich", sagte Bahnsprecher Burkhard Ahlert am Mittag. Die S-Bahn verkehrt momentan mit längeren Zügen und verkürzten Taktzeiten. Bis zum Ende des Streiks werde der gesamte Fuhrpark im Einsatz sein, das sind mehr als 600 S-Bahnen. Zum Flughafen Tegel, der keinen S-Bahn-Anschluss hat, fahren ersatzweise Busse der Bahn-Tochterfirma BEX vom Hauptbahnhof im Zehn-Minuten-Takt. Das soll auch morgen so sein - die Busse verkehren dann wie sonst der TXL-Flughafenbus vom Alexanderplatz über Hauptbahnhof und Turmstraße nach Tegel.

Informationen im Internet

Ein Sprecher des Fahrgastverbandes kritisierte, viele Berliner hätten gar keine Chance gehabt, sich auf den Warnstreik einzustellen. Nach ersten Eindrücken sei bereits klar, dass im Gegensatz zum Streik der Lokführer "diesmal eine deutlich kritischere und gereiztere Stimmung unter den Fahrgästen herrscht". Momentan ist es für sie auch schwer, sich über Ausfälle zu informieren: Die BVG-Sprecherin wies darauf hin, dass auch das Callcenter bestreikt werde. Informationen gebe es deshalb nur im Internet. Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg teilte mit, dass über eine VBB-Streik-Website unter vbbonline.de/streik alle Verbindungen unter Ausschluss der bestreikten BVG-Linien angezeigt werden.

"Wir sehen auf allen Straßen und der Stadtautobahn einen stärkeren Verkehr als sonst", sagte ein Polizeisprecher. Es gebe jedoch keine riesigen Staus. Allerdings wurde der Verkehr an zahlreichen Kreuzungen durch stadtweite Stromstörungen bei den Ampeln beeinträchtigt. Diese hätten aber nichts mit einem ebenfalls heute Morgen begonnenen Warnstreik beim Energieversorger Vattenfall in Berlin zu tun. In Einzelfällen würden Verkehrspolizisten Busspuren für den Individualverkehr freigeben, um die anderen Fahrbahnen zu entlasten.

Streiken für zwölf Prozent mehr Lohn

Ver.di fordert für die rund 12.200 Beschäftigten zwölf Prozent mehr Lohn, mindestens aber 250 Euro pro Monat. Die BVG will dagegen nur jenen rund 2000 Mitarbeitern eine Gehaltserhöhung zahlen, die seit 2005 für ein geringeres Einkommen eingestellt wurden.

Ver.di-Landeschefin Susanne Stumpenhusen sagte am Morgen, ein Angebot der Arbeitgeber könne die Situation jederzeit entschärfen. Im RBB-Inforadio bezeichnete sie das Gehaltsgefüge innerhalb der Berliner Verkehrsbetriebe als unzumutbar. Fast 13.000 Beschäftigte sorgten täglich für mehr Mobilität der Berliner. Sie müssten sich jetzt sagen lassen, sie seien überbezahlt. Das habe die Kollegen "derart auf die Palme gebracht, dass sie gesagt haben, wir müssen jetzt ein Signal setzen".

BVG-Chef Andreas Sturmowski wies am Morgen in einem Interview mit dem Berliner Radiosender 91.4 hin, dass für die rund 10.000 vor 2005 eingestellten Mitarbeiter eine Beschäftigungssicherung für 13 Jahre gelte. Er hoffe, dass in dem Tarifstreit Vernunft einkehre.

abl/ddp/dpa



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