Nachruf auf Ueli Steck "Gescheitert bin ich, wenn ich nicht mehr nach Hause komme"

Für Reinhold Messner war es "Zahlenalpinismus", den Ueli Steck absolvierte. Ihm ging es um Höhenmeter, Distanzen und schnelle Zeiten, nicht um das Geheimnisvolle der Berge. Ein Romantiker war er trotzdem.

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Ein Nachruf von Natascha Knecht


Zur Autorin
  • Geri Born/ Schweizer Illustriert
    Natascha Knecht ist freie Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt seit zehn Jahren ausschliesslich über Alpinismus und Bergsport. Fast ihre ganze Freizeit verbringt sie kletternd in den Alpen. Ueli Steck kannte sie seit 12 Jahren. Sie stammt aus dem Berner Oberland und lebt heute in Zürich.

Die letzte Nachricht von Rekord-Alpinist Ueli Steck erhielt ich wenige Minuten, bevor er ins Flugzeug nach Kathmandu stieg. Er wollte im Himalaja den Mount Everest (8848 m) und den Lhotse (8516 m) überqueren. In einem Durchgang und ohne künstlichen Sauerstoff. "Ich freue mich mega!", schrieb er. Dazu seine Satellitentelefon-Nummer, über die ich ihn während der Expedition erreichen kann, "falls etwas ist".

Jetzt, weniger als drei Wochen später, ist tatsächlich "etwas". Doch die Telefonnummer hilft mir nicht mehr.

Ueli Steck ist tot. Abgestürzt. 1000 Meter tief gefallen. Bei einer Akklimatisationstour am Nuptste (7861 m). Er war 40-jährig, verheiratet, keine Kinder. Und er war der wohl berühmteste und beste Bergsteiger unserer Zeit.

Extrembergsteigen ist gefährlich. Und so extrem, wie Ueli Steck unterwegs war, noch einen Zacken gefährlicher: Er kletterte solo, ohne Seilsicherung und im Speed-Tempo. Stets schneller, krasser, extremer als alle anderen.

Wobei er das Wort "extrem" nicht mochte. "Extrem ist für mich, wenn du die Schwierigkeiten nicht unter Kontrolle hast", sagte er vergangenen August. Damals begleitete ich ihn (ich: im Helikopter!), als er an einem Tag über Eiger, Mönch und Jungfrau rannte: 28 Kilometer Distanz und 4800 Höhenmeter auf und ab in 16 Stunden. Gewöhnliche Seilschaften brauchen für jeden dieser Gipfel je einen Tag. Für ihn war es eine "schöne Tour in seiner Heimat", dem Berner Oberland.

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Ueli Steck stirbt im Himalaya: Bilder eines extremen Bergsteigerlebens

Der Anblick, wie er allein über die teils messerscharfen Grate des Dreigestirns spurtete, löste bei mir Schwindel aus, aber auch Ängste. Die Felsen fielen 2000 Meter senkrecht ab. Fehler durfte er sich keine erlauben. Doch Steck bewegte sich furchtlos und geschickt - als wäre er im Tal auf dem Gehsteig. Am Ende setzte er sich mit aufgequollenen Füßen im Dorf Stechelberg auf eine Holzbank und war überglücklich: "Die Tour hat Spaß gemacht", sagte er mit einem breiten Grinsen.

Mit seinen hochriskanten Solotouren generierte Ueli Steck stets große Aufmerksamkeit. Die Summe der Rekorde ist so groß wie bei keinem anderen Alpinisten. "Ich muss mich nicht mehr beweisen", sagte er erst vergangenen Herbst. Wir saßen bei ihm zu Hause in Ringgenberg auf der Terrasse mit Blick auf den Brienzersee und sprachen darüber, weshalb ihm sein Speed-Rekord in der Eiger-Nordwand so wichtig war, warum er sich erneut auf dieses Wettrennen eingelassen hatte.

Schwer zu ertragen, nicht mehr der Schnellste zu sein

Die hochgefährliche, 1800 Meter hoher Eiger-Nordwand hievte ihn im Winter 2008 in den Status eines Übermenschen. Damals durchstieg er sie in 2 Stunden 47 Minuten. Solo und ohne sich an vorhandenen Seilen, Karabinern oder Bohrhaken festzuhalten. Dass ein Mensch die Heckmair-Route in weniger als drei Stunden schafft, war bis dahin undenkbar. Steck galt als unbesiegbarer König - bis im Frühling 2011 der junge, bis dahin der Öffentlichkeit völlig unbekannte Urner Bergsteiger Dani Arnold kam und ihm den Eiger-Speedrekord um 19 Minuten abknöpfte. Die Öffentlichkeit war sprachlos, und für Steck war es ein Schock. Schwer zu ertragen, nicht mehr der Schnellste zu sein. "Ich dachte, jetzt ist es vorbei, meine Bergsteiger-Karriere ist am Ende", sagte er.

Vier Jahre lang ging ihm dieser verlorene Speed-Rekord nicht mehr aus dem Kopf. Ihm sei zwar klar, dass irgendwann die Zeit komme, "wo Jüngere am Drücker sind" und er mit seinen Leistungen nicht mehr mithalten könne, sagte er. Die Frage sei jedoch: "Wann ist dieser Zeitpunkt?" Jetzt schon? "Nein!" Noch fühle er sich fit und motiviert. Sich widerstandslos verdrängen zu lassen, entsprach nicht seinem kämpferischen Charakter. Also habe er sich "schwer überlegt", ob er versuchen soll, den Eiger-Rekord wieder zurückzuholen.

Er wog ab, was es ihm bringt, wenn er das enorme Risiko dieser Solo-Speedbegehung nochmals eingeht - und kam zum Schluss: "Eigentlich nichts." Letztlich habe es ihn einfach persönlich interessiert. "Ich war überzeugt, dass es geht." Also stieg er erneut in die Eiger-Wand ein - und war 6 Minuten schneller als sein Rivale Arnold. "Hätte ich es nicht gemacht, wäre es für mich ein Scheitern gewesen. Ein Scheitern an meinem Mut. Ein Gefühl in mir hätte immer gesagt: Hättest du doch!" Wäre er nicht schneller gewesen, wäre dies für ihn jedoch kein Scheitern gewesen. "Gescheitert bin ich erst dann, wenn ich mal nicht mehr nach Hause komme", betonte er stets.

"Ich musste asozial werden, um zu trainieren"

In den vergangenen Monaten blieb es in der Öffentlichkeit ungewohnt still um Ueli Steck. Er konzentrierte sich nur noch auf seine Everest-Lhotse-Rekordtour, die er jetzt vorhatte. "Ich musste asozial werden, um zu trainieren", sagte er im letzten Interview, das ich mit ihm vor vier Wochen führte. Er habe sich den ganzen Winter abgegrenzt, weil er nicht hören wollte, was andere sagen und meinen. "Ich musste mir überlegen, was ich für mich will und alles andere als irrelevant betrachten. Andere Leute bringen mich raus."

Seine geplante Everest-Lhotse-Überschreitung hatte er bereits im Frühling 2013 versucht. Doch dann geschah Unvorstellbares: Im Everest-Basislager eskalierte ein Streit, wütende Sherpas prügelten ihn fast zu Tode. Ueli Steck sprach damals von "versuchtem Mord". Jetzt sagte er, dass viele Verstrickungen zu dieser Auseinandersetzung geführt hätten. Es sei vor allem um die Machtansprüche am höchsten Berg der Welt gegangen - um Geld und "um das Business der Sherpas". Er habe daraus gelernt. "Für mich war es dramatisch, weil ich als Schweizer Handgreiflichkeiten nicht gewohnt bin."

Interview mit Ueli Steck (2013)

Ueli Steck kam damals traumatisiert nach Hause, litt unter Albträumen, wollte mit dem extremen Bergsteigen aufhören. Doch er berappelte sich, über die seelischen Wunden legte sich ein dicker Eispanzer - und zuletzt, im Frühjahr 2017, schien er so fröhlich wie noch nie.

Die Rückkehr an den Everest habe er sich gut überlegt, sagte er. Denn er wusste, dass er dort dieselben Sherpas antrifft, die ihn mit Steinen beworfen, mit Fäusten traktiert und vom Berg vertrieben hatten. "Ich habe in den letzten Monaten mit vielen Leuten dort gesprochen. Klar wird es zwei, drei Sherpas geben, die nicht mit mir das Morgenessen nehmen. Aber ich rechne nicht mit Problemen und bin zuversichtlich."

Die Vorbereitung für seine Rekordtour tüftelt er mit Experten des Nationalen Sportzentrums Magglingen aus. Dazu gehört auch ein Ernährungsplan und mentales Coaching. Im Alpinismus war dies eine völlig neue Entwicklung. Doch Steck definiert sich schon lange nicht mehr als klassischer Bergsteiger, sondern als Spitzensportler. Sein Motiv war nicht das Erlebnis in der Natur, die Gemächlichkeit am Berg, die Entschleunigung - was den Alpinismus seit 150 Jahren ausmacht. Er hat den "athletischen Alpinismus" erfunden. Oder wie es Bergsteiger-Legende Reinhold Messner einmal ausdrückte: den "Zahlenalpinismus", bei dem es weniger um das Geheimnisvolle und Unbekannte im Gebirge geht als um Höhenmeter, Distanzen und schnelle Zeiten, die mit der Stoppuhr gemessen werden.

Jetzt hat es Ueli Steck aus der Wand "gespickt"

In der Schweiz polarisierte kaum ein anderer Mensch so stark wie er. In unserer sicherheitsorientierten Gesellschaft konnte niemand verstehen, weshalb er im Alleingang durch die schwierigsten Routen und ohne künstlichen Sauerstoff auf die höchsten Berge der Welt stieg. Manch einer wartete geradezu darauf, dass es "diesen Spinner aus einer Wand spickt". Ueli dagegen konnte nicht verstehen, weshalb die Leute so kritisch reagierten. "Sie sehen ein Foto oder ein Video von mir, wie ich seilfrei klettere und schließen auf sich", sagte er. "Für sie ist die Vorstellung, alleine in einer Steilwand zu stecken, schrecklich. Sie können nicht nachvollziehen, dass ich mich in diesem Terrain wohlfühle und glücklich bin. Da hilft alles Erklären nichts."

Jetzt hat es Ueli Steck aus der Wand "gespickt". Er rutschte am Nuptse aus. Die Schweiz reagiert erschüttert. Seit gestern herrscht fast Nationaltrauer. Die Medien überschlagen sich mit Berichten. Der Sportminister würdigte ihn als "großen Schweizer Sportler". In den Fußballstadien wurde gestern Abend sogar eine Trauerminute gehalten, bevor sie zum Spiel anpfiffen.

Noch kann ich seinen Tod noch nicht begreifen. Noch weniger, als ich den Menschen Ueli Steck jemals begriffen habe. Wir trafen uns das erste Mal vor zwölf Jahren in den Engelhörnern im Berner Oberland - unserer gemeinsamen Heimat. Damals war er noch nicht berühmt. Ich saß in der Hütte und sah, wie einer mit Klettergurt und Rucksack den Berg runterjoggte. "Hast du es eilig?", sprach ich ihn an. "Nein", antwortete er. "Aber schnell unterwegs zu sein, macht einfach Spaß."

Ueli, Ruhe in Frieden! Du hast dein Leben intensiv gelebt.



insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
bjbehr 01.05.2017
1. Fragezeichen
So manchmal denke ich: Ein bisschen Fatalismus ist doch eigentlich nicht schlecht - so ein bisschen Mauer um einen rum, die beschützt, anderes kaum zulässt und manches auch leichter auszuhalten lässt. Dann gibt es Fatalisten wie diesen Bergsteiger und man fragt sich unweigerlich: Was aber bin dann ich?
g.s-sanet 01.05.2017
2. Alles gesagt.
Jedem das seine. Keine Kinder, die Frau wußte worauf sie sich eingelassen hat. Ruhe in Frieden.
Criticz 01.05.2017
3. Mir war - bislang - Ueli Steck gar kein so großer Begriff.....irgendwie verrückt was der Mann trieb, und doch
kommt man nicht umhin, das auch zu bewundern. Ein falscher Tritt...ein Stein, der doch nicht so fest verhaftet ist wie man glaubt...und schon droht ein tödliches Schicksal. Ein Wahnsinn. Und nun ein trauriges Ende. Es bleibt Respekt. Auch vor einen sehr gelungenen Nachruf, Frau Knecht! Danke dafür.
Greggi 01.05.2017
4. Eigentlich ...
möchten man solchen Mitmenschen einen sehr guten Psychotherapeuten vorbeischicken. Das tut man ja auch bei Suizid-Gefährdeten. Je länger ich darüber nachdenke, desto näher komme ich der Einsicht, dass solchen Menschen nur ein solches Ende bestimmt sein kann. Niemals ein Sterbebett.
gerchla63 01.05.2017
5. Wer sich in Gefahr begibt...
"Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um." (Volksmund) Ich frage mich, ob es wirklich ein Aufmacher auf einer Nachrichten-Website ist, wenn ein Extremsportler bei seiner freiwillig gewählten, hochriskanten Sportart ums Leben kommt. Ist das wirklich relevant? Natürlich trauere ich mit seiner Frau und mit seinen Freunden. Sie haben mein aufrichtiges Mitgefühl. Aber: Wer solch einen Extrem-Sport ausübt, setzt sich freiwillig sehr hohen Risiken aus.
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