Umstrittenes Prestigeprojekt Frankfurter Flughafen eröffnet neue Landebahn

Um 50 Prozent steigt die Kapazität des Flughafens: Mit einer Landung der Regierungsmaschine von Angela Merkel wird die neue Landebahn in Frankfurt eingeweiht. Das Infrastrukturprojekt sorgt seit Jahren für Streit - auch am Freitag sind Demonstrationen geplant.

dapd/ Fraport AG

Frankfurt am Main - Große Bauprojekte sorgen meistens für großen Ärger, und die neue Landebahn in Frankfurt ist da keine Ausnahme. Die 2,8 Kilometer lange Betonpiste ist seit Jahren ein Zankapfel zwischen Bürgern und dem Betreiber Fraport. Am Freitag wird sie mit einer Landung der Regierungsmaschine von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) feierlich eröffnet.

Bei der Feier am Freitagnachmittag um 14.30 Uhr werden als Redner neben Merkel der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), Fraport-Chef Stefan Schulte und Lufthansa-Chef Christoph Franz erwartet. Eine Stunde später soll die erste Linienmaschine aufsetzen.

Im wenige Kilometer entfernten Flörsheim, das besonders vom Fluglärm betroffen ist, wollen Gegner am Mittag demonstrieren. Zu einer Kundgebung werden bis zu 1000 Teilnehmer erwartet.

Streit um Nachtflüge

Jahrelang hatten Bürgerinitiativen ein Nachtflugverbot als Gegenleistung für die vierte Bahn des größten deutschen Flughafens gefordert. Vergangene Woche hatten sie damit endlich Erfolg: Das Hessische Verwaltungsgericht verhängte ein Verbot für Flüge zwischen 23 und 5 Uhr. Das wiederum verärgert die Fluggesellschaften - vor allem die Lufthansa, die für ihre Frachtsparte Verluste in zweistelliger Millionenhöhe erwartet, weil Flüge ganz abgesagt oder nach Köln/Bonn verlagert werden müssen.

Obwohl außerdem zuletzt die Fluglotsen vor erheblichen Betriebsproblemen mit der neuen Piste und dem damit wirksam werdenden Nachtflugverbot warnten, hielt Flughafenbetreiber Fraport an der Eröffnung am Freitag fest.

Die Landebahn mit Flugzeugbrücken über die Autobahn entstand in zweieinhalb Jahren Bauzeit im Nordwesten des bisherigen Geländes und soll die Kapazität des Flughafens um 50 Prozent erhöhen. Rund 280 Hektar Wald wurden für die Piste gerodet. Die reinen Baukosten beziffert Fraport auf 600 Millionen Euro. Vier Milliarden Euro soll der gesamte Flughafenausbau mit neuem Terminal im Süden kosten.

Klage gegen Fluglärm

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hofft mit der noch ausstehenden Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts zum Nachtflugverbot auf Rechtsfrieden. "Dann ist das für alle Zeit eine Grundlage, an die sich alle halten können", sagte er in einem Interview auf Radio FFH. "Wenn das Bundesverwaltungsgericht entscheidet und sagt, es gibt gar nichts, dann ist es eben so." Bouffier schloss einen weiteren Ausbau des Flughafens vorerst auf Jahrzehnte aus. "Wir haben jetzt einen Zustand erreicht, von dem ich glaube, dass (...) die nächsten 20, 30 Jahre sich die Frage eines weiteren Ausbaus nicht stellt."

Der Betreiber Fraport kritisierte das Nachtflugverbot. Dies sei ein "tiefgreifender Einschnitt" für Airlines, die vor allem nachts ihre Flugbewegungen durchführen, sagte Fraport-Chef Stefan Schulte der "Frankfurter Neuen Presse". Der Chef des Lufthansa-Aufsichtsrates, Jürgen Weber, warnte in hr-Info, der Preis eines totalen Nachtflugverbotes sei zu hoch für die neue Landebahn. Wenn das Bundesverwaltungsgericht das Verbot bestätige, "muss Lufthansa ein neues Zukunftskonzept ausarbeiten".

Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, Matthias von Randow, warnte: Die Wirtschaft brauche Nachtflüge. In Frankfurt würden 70 Prozent der deutschen Luftfracht verschickt. Bislang gab es in Frankfurt kein Nachtflugverbot und etwa 50 Flugbewegungen pro Nacht.

Ärger für Passagiere befürchtet

Massive Betriebsprobleme befürchten die Fluglotsen. Mit der strikten richterlichen Vorgabe müssten möglicherweise startbereite Jets für die Nacht wieder auf Parkpositionen geschickt werden, wenn sie vor 23 Uhr nicht mehr starten können, erklärte die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) in Frankfurt. Die Maschinen könnten dann erst am nächsten Morgen rausgehen, und die Passagiere müssten in Hotels untergebracht werden. Der Flugplan sei nicht auf ein abruptes Ende um 23 Uhr ausgelegt, sagte der Frankfurter Towerlotse Jörg Biermann.

Eine rheinland-pfälzische Klage gegen Fluglärm soll just während der Landung von Merkel auf den Weg gebracht werden. An diesem Freitagnachmittag ist im Mainzer Innenministerium ein letztes Gespräch mit Vertretern betroffener Kommunen über den juristischen Protest gegen die neuen Flugrouten geplant.

Bei den vermutlich fünfstelligen Kosten eines Verfahrens wollen unter anderem das Land und der Kreis Mainz-Bingen die fünf klagenden Kommunen Klein-Winternheim, Ober-Olm, Nierstein, Lörzweiler und Nackenheim finanziell unterstützen. An diesem Samstag ist ein Demonstrationszug mit Tausenden Teilnehmern von Mainz nach Wiesbaden geplant.

Die Grünen kritisierten in einer Mitteilung die Zunahme des Fluglärms in Frankfurt. Die Regelungen zum Schutz der Bevölkerung seien dabei "unzureichend und unübersichtlich".

Am Freitagmorgen hatte der Flughafen zunächst andere Probleme: Dichter Nebel behinderte den Betrieb, zahlreiche Flieger verspäteten sich wegen der schlechten Sichtverhältnisse, wie die Betreibergesellschaft Fraport berichtete. Man rechne aber mit einer schnellen Nebelauflösung im Laufe des Tages. Die Landung der Maschine der Kanzlerin sei nicht gefährdet.

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sto/dpa/dapd



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Seite 1
nicolai-bruno 21.10.2011
1. Landebahn
Zitat von sysopUm 50 Prozent steigt die Kapazität des Flughafens: Mit einer Landung der Regierungsmaschine von Angela Merkel wird die neue Startbahn in Frankfurt eingeweiht. Das Infrastrukturprojekt sorgt seit Jahren für Streit - auch am Freitag sind Demonstrationen geplant. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,793172,00.html
Die neue Bahn ist nur für Landungen, also eine Landebahn.
madonion 21.10.2011
2. Nachtflugverbot
Als Preis für den Bau der neuen Landebahn wurde im Mediationsverfahren ein Nachtflugverbot ausgehandelt. Die hessische Landesregierung will die Mediation als Ganzes nicht mehr anerkennen und hat das Nachtflugverbot aufgeweicht. Zur Zeit finden in der Nacht im Schnitt ca. 40 Flugbewegungen statt. Nun sind mit der Entscheidung des 11. Senat des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs die Politik und FRAPORT von ihren nicht eingehaltenen Zusagen eingeholt worden... keiner der Politiker oder Betreiber hatte mit diesem Urteil gerechnet
PZF85J 21.10.2011
3. -
Zitat von sysopUm 50 Prozent steigt die Kapazität des Flughafens: Mit einer Landung der Regierungsmaschine von Angela Merkel wird die neue Startbahn in Frankfurt eingeweiht. Das Infrastrukturprojekt sorgt seit Jahren für Streit - auch am Freitag sind Demonstrationen geplant. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,793172,00.html
In irgendeiner Zeitung stand heute morgen, dass der Kanzlerflieger auf der Bahn 25R runterkommen soll. Das wäre die Landerichtung Westen. Da können sich die Flörsheimer die Füsse in den Bauch stehen, keiner wird es merken. Ausserdem kann ich denen nur sagen: Selbst schuld, wer in dem Flörsheimer Neubaugebiet gebaut hat. Woher die Zeitung allerdings die schon in der Nacht die Windrichtung wissen will, entzieht sich meiner Kenntnis.
PZF85J 21.10.2011
4. -
Zitat von madonionAls Preis für den Bau der neuen Landebahn wurde im Mediationsverfahren ein Nachtflugverbot ausgehandelt. Die hessische Landesregierung will die Mediation als Ganzes nicht mehr anerkennen und hat das Nachtflugverbot aufgeweicht. Zur Zeit finden in der Nacht im Schnitt ca. 40 Flugbewegungen statt. Nun sind mit der Entscheidung des 11. Senat des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs die Politik und FRAPORT von ihren nicht eingehaltenen Zusagen eingeholt worden... keiner der Politiker oder Betreiber hatte mit diesem Urteil gerechnet
Dann wollen wir hoffen, dass das Bundesverwaltungsgericht weiser ist, als die Provinzler in Kassel.
nils1966 21.10.2011
5. Nachflugverbot
Die umligenden Stadte wie Offen im Osten und Höchst, Flörsheim und sigar noch Hochheim gehören JETZT schon mit den orten in deteschlands mit den höchsten bewohnten Lärmemmissionen überhaupt. Sicher schon nicht rechtes wegen der bindesweit gültigen "TA Lärm". Und ob dies mit europäiscehm Recht vereinbar ist ???? Das Nachtflugverbot war die wesentliche Grundbedingung für die Zuassung der Bauerlaubnis. Dies hat auch Roland Koch öffentlich in diversen Talkshows (insbesondere in HR3) eindeutig präzisiert. Deshalb wäre es Aufgabe der Politik, für eindeutige Versprechen einzutreten., ... und nicht das Sprachrohr der Fraprt zu sein. Mit Sicherheit liegen auch schon weitrere Ausbaupläne vor !
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