Vorbild Greta Thunberg Plötzlich gibt es "Flugscham"

Welchen Einfluss haben Greta Thunberg und die Jugendbewegung für Klimaschutz wirklich? In der Tourismusbranche ist von einem "Greta-Effekt" die Rede.
Lufthansa-Maschine am Flughafen in München

Lufthansa-Maschine am Flughafen in München

Foto: Lukas Barth/ dpa

Wochenendtrips nach Marrakesch oder Lissabon per Ryanair - ist das nötig? Und der Urlaub in Italien - geht das diesmal nicht auch per Bahn? Muss eine Lufthansa-Kurzstrecke wie München - Nürnberg, die lediglich 150 Kilometer lang ist, wirklich sein?

Zurzeit scheint das Bewusstsein, dass Flugreisen extrem klimaschädlich sind, zu steigen. Ein Begriff dafür kursiert in der Tourismusbranche: "Greta-Effekt". Die 16-jährige Greta Thunberg ist die Erfinderin der Schulstreiks fürs Klima, der "Fridays for Future". Statt das Flugzeug zu besteigen, fuhr sie mit dem Zug von Stockholm zum Weltwirtschaftsforum nach Davos und mit dem Elektroauto zum Klimagipfel nach Kattowitz.

Wirkt sich ihr Vorbild und die durch sie in Schwung gekommene Klimadebatte auf die Reiselust der Europäer aus? Reiseveranstalter rätseln, ob die Buchungszurückhaltung, die sich Anfang des Jahres überraschend abzeichnete, ein Greta-Effekt sei - oder nicht doch eine Folge des schönen Wetters des vergangenen Sommers. In Deutschland hat sich die Delle wieder gegeben. In der Schweiz  wird dies weiter diskutiert.

Schweden sind extreme Vielflieger - das hat Folgen

Die Schwedin ist nicht die einzige Prominente ihres Landes, die der Umwelt zuliebe aufs Fliegen verzichtet. Dort gibt es sogar ein eigenes Wort: "Flygskam" - "Flugscham". Prominenter Vertreter der Bewegung ist der ehemalige Biathlet und Olympiasieger Björn Ferry. Er kündigte im vergangenen Jahr an, nur noch im Zug als Kommentator zu Sportveranstaltungen zu fahren.

Die "Flugscham" scheint in dem skandinavischen Land eine besondere Wucht zu entfalten. Vielleicht auch, weil die Schweden die Folgen des Klimawandels offenbar besonders deutlich spüren. Das Meteorologische Institut des Landes erklärte vergangene Woche, dass die Temperatur dort doppelt so schnell ansteige wie im globalen Schnitt.

Auch beim schwedischen Film wächst das Umweltbewusstsein. 250 Mitarbeiter der Branche unterzeichneten einen Aufruf in der größten Tageszeitung des Landes, "Dagens Nyheter", wonach Produzenten Dreharbeiten im Ausland beschränken sollen. Ein schwedischer Instagram-Account stellt seit Dezember Prominente an den Onlinepranger, die für Fernreisen werben. Der Account hat inzwischen mehr als 60.000 Follower.

Bislang gehörten die Schweden zu den Vielfliegern. Das liegt zum einen an der Lage des Landes weit im Norden Europas - vom nordschwedischen Kiruna bis zur südfranzösischen Côte d'Azur sind es 4000 Kilometer. Aber auch am Wohlstand und dem breiten Angebot an Billigflügen.

Das hat Folgen: Die Emissionen durch Flüge pro Kopf waren zwischen 1990 und 2017 fünfmal so hoch wie im weltweiten Durchschnitt, wie die Technische Hochschule Chalmers berechnete. Der Ausstoß klimaschädlicher Abgase durch Auslandsflüge ab Schweden stieg demnach seit 1990 um 61 Prozent.

Weniger Inlandsflüge: Flugscham oder geringeres Angebot?

Im März veröffentlichte die World Wildlife Foundation eine Umfrage, in der fast 20 Prozent der befragten Schweden angaben, der Umwelt zuliebe schon einmal den Zug statt das Flugzeug genommen zu haben. Vor allem Frauen und junge Menschen reisen demnach umweltbewusst. Um den Trend zu unterstützen, will die Regierung bis Ende 2022 wieder Nachtzüge in die wichtigsten europäischen Städte einsetzen.

Im Winter verzeichnete die Schwedische Bahn SJ einen Anstieg der Geschäftsreisen um 21 Prozent. Die Zahl der Inlandsflüge ging im vergangenen Jahr laut Daten der Verkehrsbehörde vom September um 3,2 Prozent zurück.

Die schwedische Psychologin Frida Hylander ist überzeugt, dass "Flygskam" nur ein Faktor für den Trend ist. Die neue Flugsteuer, die vor einem Jahr eingeführt wurde, könnte genausogut ein Grund sein. Oder die Pleite der regionalen Fluggesellschaft Nextjet, deretwegen viele Routen monatelang nicht mehr angeboten wurden.

Flugverkehr explodiert weltweit

In Deutschland rufen Umweltschützer seit jeher zu Einschränkungen beim Fliegen, zum Umstieg auf klimafreundlichere Verkehrsmittel wie die Bahn und zur CO2-Kompensation von Flügen etwa über Atmosfair auf. Und wenn das Flugzeug zur Anreise gewählt wird, dann bitte doch nur für längere Aufenthalte. Immerhin werden laut der Europäischen Umweltagentur pro Passagier und Kilometer 285 Gramm CO2 freigesetzt, beim Autofahren sind es 158 Gramm und beim Zugfahren 14 Gramm.

Ob sich jedoch "Flugscham" wirklich auf die Urlaubsplanung auswirkt und sich ein "Greta-Effekt" bemerkbar macht, ist zweifelhaft. Politik und Wirtschaft befürchten in Deutschland auch für den kommenden Sommer chaotische Zustände auf den Flughäfen. Und das liegt in erster Linie nicht an der Deutschen Flugsicherung (DFS), am Sicherheitspersonal oder den Airlines - sondern an der drastischen Steigerung des Flugaufkommens und den erhöhten Anforderungen, diese zu bewältigen.

Geflogen wird hierzulande und weltweit mehr denn je - trotz manch individueller Umweltbedenken: Die DFS rechnet nach dem Rekordwert von 3,4 Millionen Flugbewegungen im Vorjahr mit einer weiteren Steigerung von bis zu vier Prozent im deutschen Luftraum in 2019. Weltweit stieg die Zahl der Flugpassagiere 2018 um 6,1 Prozent auf 4,3 Milliarden im Vergleich zum Vorjahr. In den kommenden 15 bis 20 Jahren wird sich der Flugverkehr voraussichtlich verdoppeln.

abl/AFP
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