Unbekannte Reiseländer Wie Dennis Gastmann Kaiser von Ladonien wurde

Schon mal von Karakalpakistan oder Akhzivland gehört? Eben. Genau diese Orte hat Dennis Gastmann für seinen "Atlas der unentdeckten Länder" bereist. Hier erzählt er von den skurrilsten Momenten.

Dennis Gastmann

Ein Interview von Christine Luz


Zur Person
  • Frank Zauritz
    Dennis Gastmann, Jahrgang 1978, ist Autor und Journalist. Fünf Jahre lang reiste er für Auslandsmagazine der ARD mit "80.000 Fragen um die Welt". Dreimal war er für den Grimme-Preis nominiert. Für seine Bücher wanderte er zu Fuß von Hamburg über die Alpen bis nach Italien und gewährte Einblick in eine "Geschlossene Gesellschaft", die Welt der Reichen. In "Atlas der unentdeckten Länder" erkundet er unter anderem Akhzivland, Karakalpakistan und Ra's al-Chaima.

SPIEGEL ONLINE: Sie tragen den Titel "Letzter Kaiser von Ladonien". Was bitte ist Ladonien - und wer hat Sie gekrönt?

Gastmann: Ich habe 30 Dollar in einen Briefumschlag gesteckt und an den Landesvater geschickt. Schon durfte ich mich Kaiser nennen. Der Künstler Lars Vilks hat Ladonien ausgerufen, um eines seiner Werke, eine gigantische Bretterburg, vor dem Abriss zu retten. Es ist ein winziger Flecken an der schwedischen Küste am Kattegat. Niemand lebt dort, denn alle Ladonier sind Nomaden. Und trotzdem haben wir eine sehr aktive Gemeinschaft. Es gibt eine Königin, eine Kronprinzessin und einen Haufen umtriebiger Ministerien, zum Beispiel für Käse und Schach.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einen "Atlas der unentdeckten Länder" geschrieben. Gibt es überhaupt noch weiße Flecken auf der Weltkarte?

Gastmann: Sicher, treffender wäre wohl "Atlas der ziemlich unentdeckten Länder" gewesen - aber das war zu lang für das Cover. Der Buchtitel ist mit einem Augenzwinkern gemeint. Um wirklich unbekanntes Gebiet zu betreten, hätte ich im Amazonasbecken verschwinden oder auf den unbestiegenen heiligen Berg Kailash in Tibet klettern müssen. Stattdessen habe ich Orte gesucht, die fast vergessen sind, von anderen Staaten nicht anerkannt werden oder schwer erreichbar sind, wie die Insel Pitcairn in der Südsee.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern schwer erreichbar?

Gastmann: Nur alle drei Monate schippert ein verrosteter Frachter nach Pitcairn, und der ist auf Jahre ausgebucht. Man bot mir dennoch eine Koje an - für den absurden Preis von 5000 Neuseeland-Dollar. Ich wollte unbedingt dorthin, weil ich gelesen hatte, dass auf der Insel die Nachfahren der Meuterer von der "Bounty" leben. Wer sich entscheide, für immer dort zu bleiben, hieß es, dem bauen die Pitcairner ein Haus.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Geschichte denn wahr?

Gastmann: Absolut. Als wir anlegten, standen die 40 Bewohner am Ufer und freuten sich wahnsinnig, fremde Gesichter zu sehen. Ich wohnte bei der Ur-Ur-Ur-Ur-Enkelin von William McCoy. Er war Matrose auf der "Bounty" und gilt als einer der berüchtigtsten Meuterer. Am nächsten Morgen weckte mich ein einmaliges Geräusch. Ein Wal hatte unter meinem Fenster geblasen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie nicht gleich dort geblieben?

Gastmann: Die Insel ist winzig, und mit jedem Tag wird sie kleiner. Um 18 Uhr laufen die Stromgeneratoren aus, dann kommen die Schauergeschichten ans Kerzenlicht. Es gibt ein finsteres Kapitel in der jüngsten Vergangenheit. Die Bewohner haben jahrelang Frauen und Kinder missbraucht, sieben Männer standen vor Gericht. Die Stimmung war vergiftet. Ich war froh, dass der Frachter nach vier Tagen wieder ablegte. Das ist der Fluch meiner Geschichten: Nach der Lektüre möchte keiner mehr dort hinfahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Gastmann: Es reicht mir nicht, über Traumstrände zu schreiben. Ich möchte auch auf Missstände und Ungerechtigkeiten aufmerksam machen. Deshalb bin ich beispielweise in die autonome Republik Karakalpakistan gereist. Sie liegt am Aralsee oder besser gesagt: Sie lag dort. Inzwischen ist der See so gut wie ausgetrocknet, und in den Städten herrschen neue Wetterlagen: Salz und Staub.

SPIEGEL ONLINE: Noch ein Beispiel?

Gastmann: Transnistrien am Ostrand Moldawiens. Vor Ort wurde ich gefragt: "Was willst du hier? Fahr lieber nach Spanien." Seit dem Bürgerkrieg 1992 ist die Zeit hier stehen geblieben: Lenin grüßt an jeder Ecke, und der Geheimdienst heißt noch immer KGB.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie irgendwann einmal Angst?

Gastmann: Ja, als ich auf einem wackligen Boot stand und in ein Wasser voller Haie springen sollte. Ich war nach Palau gereist, um einen Inselstaat im Pazifik kennenzulernen, der für seine riesige Haischutzzone bekannt ist. Schließlich ist nichts auf Erden unerforschter als die Meere, dachte ich. Unter Wasser, an einer Riffkante, tauchte dann tatsächlich ein Rudel Haie auf. Sie bemerkten mich zwar, beachteten mich aber nicht weiter. Und so schlug meine Angst in Bewunderung um.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Fazit Ihrer Recherche?

Gastmann: Du kannst in die entlegensten Winkel dieser Erde reisen und triffst immer einen Touristen. Zum Beispiel Zoran, ein Millionär und Ländersammler, der sich vorgenommen hatte, der größte Traveller aller Zeiten zu werden. 260 Länder und Regionen wollte er bereits bereist haben - und angeblich fehlten ihm nur noch Nordossetien, Südossetien und Tokelau im Südpazifik.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Tipp, wie ich als Urlauber ein echtes Abenteuer erleben kann?

Gastmann: Ein Abenteuer kann in der Kneipe beginnen, in die man sich nie reingetraut hat. Ziehen Sie mit den Augen eines Kindskopfes los, seien Sie neugierig, lassen Sie dem Zufall Zeit. Wer allein unterwegs ist, hat es leichter. Irgendwann hat man gar keine andere Wahl, als sich mit Fremden zu unterhalten.

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Seite 1
gott777 09.06.2016
1. Ich bin neugierig....
...wie finanziert man sowas? Diese Reisen kosten meist mehrere tausend Euro. Ich beneide den Autor darum, so viel von der Welt sehen zu dürfen, wundere mich aber eben, wer ihm sowas bezahlt. Das Buch ist sicher interessant aber andererseits würde ich es nie kaufen, da es nur Sehnsüchte wecken würde, die die meisten nicht finanzieren können.
flo69 09.06.2016
2. reisekosten ...
Hallo zusammen, ich kann dem Interiewpartner nur zustimmen. Es ist unglaublich spannend abseits der ausgetreteen Pfade urlaub zu machen. Komme selbst gerade aus Transnistrien, Gagausien und Moldawien zurück. Wahnsinn muss ich da nur sagen, extrem spannend. Bzgl. der Kosten: Jeder, der sich eien Woche Spanien leisten kann kann auch dies Länfder bereisen. Priese im Vergleich zu Dtl, Spanien/Italien extrem gering. Flug ca. 200, Unterkunft ab 10 Euro, Essen 5 Euro und ein Bier 80 cent, Wasser noch günstiger. Für diejenigen unter Ihenn, die sich gerne tiefer in "abgefahrene" Länder spielend einarbeiten möchten empfehle ich sich bei most travelled people zu registieren (mache normalerweise keien Werbung , aber diese Seite ist richtig gut). Der Gründer teilt die Welt in 875 Provinzen ein, da lassen sich einige Tage drin stöber, da kennt man gerade mal 40 % (Zum Vergleich: es gibt 192 UNO Länder. Wer kennt schon Abchasien? Südossetien? Dagestan? Gleichzeitig eine Darstellung sämtlicher Unesco Weltkulturerbe sites (1030 im Moment). Volle Empfehlung ! Schöen grüße, Flo69
oschn 09.06.2016
3.
Zitat von flo69Hallo zusammen, ich kann dem Interiewpartner nur zustimmen. Es ist unglaublich spannend abseits der ausgetreteen Pfade urlaub zu machen. Komme selbst gerade aus Transnistrien, Gagausien und Moldawien zurück. Wahnsinn muss ich da nur sagen, extrem spannend. Bzgl. der Kosten: Jeder, der sich eien Woche Spanien leisten kann kann auch dies Länfder bereisen. Priese im Vergleich zu Dtl, Spanien/Italien extrem gering. Flug ca. 200, Unterkunft ab 10 Euro, Essen 5 Euro und ein Bier 80 cent, Wasser noch günstiger. Für diejenigen unter Ihenn, die sich gerne tiefer in "abgefahrene" Länder spielend einarbeiten möchten empfehle ich sich bei most travelled people zu registieren (mache normalerweise keien Werbung , aber diese Seite ist richtig gut). Der Gründer teilt die Welt in 875 Provinzen ein, da lassen sich einige Tage drin stöber, da kennt man gerade mal 40 % (Zum Vergleich: es gibt 192 UNO Länder. Wer kennt schon Abchasien? Südossetien? Dagestan? Gleichzeitig eine Darstellung sämtlicher Unesco Weltkulturerbe sites (1030 im Moment). Volle Empfehlung ! Schöen grüße, Flo69
Also ich kenne die. Zumindest dem Namen nach und gaanz grob die geografische Lage. Ich bin aber auch bei den MTP registriert. Aber ich kannte diese Landstriche auch vorher schon. Meinen Score möchte ich allerdings nicht verraten. Eigentlich möchte ich ihn mir nichtmal selber ansehen (immerhin sind ein paar Exoten dabei) :-D
k70-ingo 10.06.2016
4.
Zitat von gott777...wie finanziert man sowas? Diese Reisen kosten meist mehrere tausend Euro. Ich beneide den Autor darum, so viel von der Welt sehen zu dürfen, wundere mich aber eben, wer ihm sowas bezahlt. Das Buch ist sicher interessant aber andererseits würde ich es nie kaufen, da es nur Sehnsüchte wecken würde, die die meisten nicht finanzieren können.
Wie dem Artikel und auch den erwähnten TV-Sendungen zu entnehmen ist, war Dennis Gastmann dienstlich unterwegs. Ansonsten sind solche Reisen auch für private Reisefreunde machbar, wobei Organisationstalent wichtiger ist als finanzieller Einsatz - eben weil es um Ziele geht, die Mainstream-Pauschalanbieter nicht im Programm haben. Nur wenige Destinationen sind für strikte Induvidualreisende nicht erreichbar, etwa Nordkorea, was nur organisiert zu bereisen ist. Das schlägt sich natürlich auch auf den Preis nieder. Machbar ist aber Vieles, man muß sich nur damit befassen. Ein Bekannter hat schon über 150 Länder bereist, allesamt nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln und mit möglichst wenig Kostenaufwand.
d.roloff 10.06.2016
5. Wirklich da gewesen?
Vielleicht sollte der Autor noch einmal in den Süden Usbekistans fahren. Dann würde er vielleicht merken, dass die Teilrepublik Usbekistans Karakalpakstan und nicht Karakalpakistan heißt.
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