Ungarn Stierblut war gestern

Keinem ungarischen Winzer kommt heute das Wort "Stierblut" über die Lippen, die Zeiten des Kopfschmerz verdächtigen Massenweins sind vorbei: Rotweine aus Ungarn sind heute so gut wie nie zuvor - zum Beispiel Blaufränkisch in Sopron, Bikavér in Eger oder Carbernet aus Villány.

Von Jürgen Zichnowitz


"Angefangen habe ich 1993", erzählt Tibor Gál, "habe ausprobiert, wo welche Rebsorte am besten wächst." Doch als er 1996 in seiner Heimat Weingärten kaufen wollte, waren viele gute Lagen bereits weg. Man könnte jetzt ein bekanntes Zitat von Michail Gorbatschow bemühen, doch das Leben hat Gál nicht bestraft.

Winzerelite von Villány in der Kellergasse des Ortes Palkonya: József Bock, Attila Gere, Ede Tiffán (v.l.)
Herbert Lehmann

Winzerelite von Villány in der Kellergasse des Ortes Palkonya: József Bock, Attila Gere, Ede Tiffán (v.l.)

Im Gegenteil: Nach seinem Studium wurde er bald zum Technischen Direktor in der staatlichen Kellerei in Eger ernannt, lernte dort den toskanischen Marchese Ludovico Antinori kennen, ging nach Italien, schuf dort den zum Kultwein avancierten Ornellaia; nach zehn Jahren erfolgreichen Schaffens dann Meinungsverschiedenheiten, ab nach Südafrika, dort Aufbau des Weinguts Capaia mit Alexander Baron von Essen, ganz nebenbei noch Berater für Weingüter im Friaul, in Piemont, in Bolgheri, in der Maremma, Zusammenarbeit mit der Bayerischen Landesbank und dem Bischof in Györ ... – jetzt aber erst mal Luft holen und zurück nach Eger!

Nordöstlich der Hauptstadt Budapest, zu Füßen des Bükk-Berges, liegt diese Rotweinregion, vor gar nicht so langer Zeit – um die wenig ruhmreiche Vergangenheit gar nicht erst zu beschönigen – bekannt für den Massenwein "Erlauer Stierblut". Kein ungarischer Qualitätswinzer benutzt heute diesen negativ besetzten Begriff. Dafür ist die heimische Bezeichnung "Bikavér" allgegenwärtig, und viele Winzer, so auch Gál, sehen darin eine Chance für Ungarns Weine.

Mindestens drei Rebsorten muss ein Bikavér enthalten, oft sind bis zu zehn Sorten darin vertreten. "Wir hoffen, dass unsere Kunden damit kein Problem haben", sagt Gáls Winzerkollege Vilmos Thummerer, "ein Châteauneuf ist schließlich auch eine Cuvée aus vielen Sorten." Dort bildet meist Grenache die Basis, in Eger die Rebsorte Blaufränkisch, in Ungarn Kékfrankos genannt. Ob ein Wein sich Bikavér nennen darf, entscheidet eine Kommission. Der Geschmack muss "typisch" sein, und was nicht trocken ist, scheidet von vornherein aus.

Gáls Keller liegt in einer alten Kellergasse von Eger, wo früher die Winzer selbst in der Nähe ihrer Fässer wohnten. So konnten sie während der Gärzeit alle vier Stunden den Tresterhut hinunterstoßen, damit die Traubenhäute in optimalem Kontakt mit dem Most blieben. Früher wurde diese pigeage mit den Füßen praktiziert, heute läuft sie mechanisch ab. Gáls Pinot noir entsteht so, im großen Holzfass lange 32 Tage vergoren, elegant und fein im Geschmack. Als erster Winzer in Ungarn brachte Gál 1999 einen Syrah auf den Markt; er hat noch viel vor: "Ich teste alle Reben, jetzt zum Beispiel auch die weiße Sorte Viognier."

Schwedische Weinfans kommen busweise

Vilmos Thummerer hat seinen Weg bereits gefunden. 1992 kaufte er seinen Keller, damals fast klinisch rein, von der örtlichen Genossenschaft. Heute sind die Wände schwarz, Weinhefen haben die Mauern mit einem mehrere Zentimeter dicken Pilzteppich überzogen. "Das stammt vom Wein und kommt daher auch dem Wein zugute", ist der Winzer überzeugt. Die von ihm gekelterten Tropfen zeigen, dass er damit wohl nicht so falsch liegen kann.

Seine 1999er Egri Bikavér Reserve, kräftig, würzig, mit perfekt balancierten Tanninen, zwei Jahre im Fass ausgebaut, wurde als landesbester Bikavér dieses Jahrgangs ausgezeichnet. Sein 2000er Pinot noir, 18 Monate im Barrique gereift, präsentiert sich gut gelungen, kräftig und konzentriert. Und Thummerers Cuvée "Vili Papa" aus den Bordeaux-Rebsorten, ausschließlich in neuen Barriques ausgebaut, lässt großes Potenzial erahnen. Viel verspricht sich der bodenständige Winzer von Pinot noir: "Wir haben hier große Klimaunterschiede zwischen Tag und Nacht, das kommt dieser kapriziösen Sorte sehr entgegen."

Schwedische Touristen haben Ungarn als Weinreiseland entdeckt. Seit Stunden wird vor dem Eingang des Weinguts Simon in gewaltigen Kesseln Gulasch gekocht. Und dann kommen sie: Mehr als 50 Schweden stürzen sich aus dem Reisebus auf Krüge und Töpfe, erfreuen sich voller Genuss am Bikavér, singen dazu fröhliche Lieder – und sind wieder verschwunden, auf dem Weg zum nächsten Weingut. Neben dem Bikavér bietet Simon vor allem einen netten Kékoportó, hierzulande bekannt als Blauer Portugieser.

István Tóth ist ein bescheidener Mann. In seinem Keller, wenig repräsentativ unter dem Viadukt einer Schnellstraße gelegen, findet man keinen Degustationsraum; im schlichten Eingangsbereich stehen gleich die ersten Stahltanks. Seit 1980 gehört Tóths Familie das zehn Hektar große Weingut, aber erst 1996 füllte er den Wein in Flaschen. Heute sind es 50.000 im Jahr, nur rot, vor allem Bikavér, aber auch reinsortige Weine aus Blaufränkisch und Blauburgunder.

Ungarische Rote sind keine Schnäppchen

Richárd Hulyák, Kellermeister bei Pók-Polónyi, setzt ebenfalls auf den Bikavér: "Dieser Wein muss wieder die Wertigkeit bekommen, die er verdient." Sein 1999er, drei Jahre in kleinen und großen Fässern gereift, präsentiert sich kraftvoll, gut strukturiert und mit starken Tanninen. Und auch Sinkó Zoltán vom Weingut Köporos, dessen 2000er sich füllig, fruchtig und harmonisch am Gaumen zeigt, singt das Lied des heimischen Weins: "Bikavér ist eigenständig ungarisch." Bleibt noch St. Andrea zu erwähnen, erst 2002 von György Lovincz gegründet, dem früheren Kellermeister des Großbetriebs Egervin; sein 2002er Merengö Bikavér Superior zählt schon jetzt zu den besseren Tropfen in Eger.

Noch führen Ungarns Rotweine in deutschen Läden ein Nischendasein. Aber was nicht bekannt ist, muss darum nicht schlecht sein – freilich auch nicht billig: Ungarische Rote sind keine Schnäppchen. Gute Alltagsweine bekommt man bereits für sechs Euro, für höhere Qualitäten hingegen sind schon 30 Euro fällig. Doch allein im eigenen Land finden sich für die Weine der besseren Produzenten genügend Käufer.

"Ungarn sind Patrioten", sagt Franz Weninger, "die geben viel Geld für heimische Weine aus." Der Österreicher ist außer auf seinem Weingut im burgenländischen Horitschon auch ein paar Kilometer jenseits der Grenze in Balf aktiv, in der ungarischen Region Sopron. Trotz der Nähe herrscht hier durch den Einfluss des Neusiedler Sees ein anderes Klima: stets etwas windig, so dass die Trauben selten unter Krankheiten leiden. Zudem ist der Boden steiniger, der Wein durch den Schiefer mineralischer.

1997 ist Weninger hier eingestiegen; die Rebzeilen standen damals drei Meter auseinander. 1998 pflanzte er dann neu, mit deutlich weniger Zeilenabstand; die Pflanzen sollten in Konkurrenz zueinander treten und den Beeren ihre Kraft mitgeben. Von seinen Lagen Frettner (Lössboden) und Spern Steiner (Schiefer) gewinnt Weninger mächtigen Syrah, einen fruchtig-harmonischen Merlot und eine Blaufränkisch Selection, von extrem ausgedünnten Reben und nur in neuen Barriques gelagert – alles Weine mit großem Potenzial. Während sich Franz Weninger senior in erster Linie um Horitschon kümmert, betreut das ungarische Weingut heute vor allem der Junior, Franz Reinhard Weninger.



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