Unterwegs mit Charteryacht In die Werft statt unter Segeln

Das Großsegel klemmt, das Vorstag blockiert - wenn schon beim Urlaubsstart das Charterboot Mängel zeigt, ist der Frust groß. SPIEGEL ONLINE gibt Tipps, wie der Segeltörn mit gemietetem Schiff zum Erfolg wird - die Werkzeugkiste sollte aber immer dabei sein.


Palma de Mallorca/Hamburg - Das Wetter könnte für den Start des Törns kaum besser sein: Sonnenschein, blauer Himmel, dazu ein mäßiger bis frischer Wind - genau die richtigen Bedingungen, um nach Monaten an Land wieder in die Segelpraxis hineinzukommen. Die Crew der Charteryacht "Babu" kann es kaum erwarten, die Segel zu setzen. Nach der Anreise nach Mallorca und der Yachtübernahme waren die sechs Hobbysegler aus Hamburg gleich ausgelaufen. Nun tuckert die "Babu" in der Bucht vor Palma, und Skipper Kai erntet zufriedenes Grinsen, als er das Kommando "Klar zum Segelsetzen" gibt. Co-Skipper Ulf macht sich gleich daran, das Großsegel aus dem Mast zu kurbeln.

Doch nach anderthalb Metern ist Schluss: Das Segel klemmt und lässt sich keinen Zentimeter weiter aus dem Schlitz im Mast hervorholen. Ein Blick durchs Fernglas liefert die Erklärung: Falten! Offenbar hat die letzte Crew das Großsegel zu hastig eingeholt, sodass es sich geknautscht im Mast aufgewickelt hat. Ohnehin scheint das Segel nicht mehr im besten Zustand zu sein. Nun blockiert alles. "Ich hasse Segel, die sich im Mast verstecken", schimpft der Skipper. "Mit einem Groß, das sich am Mast hochziehen lässt, wäre das nicht passiert." Kai ärgert sich, dass er bei der Schiffsübernahme nicht das Rollsystem überprüft hat. Nur wie hätte das im Hafen gehen sollen? Und wäre das nicht auch Aufgabe des Charterunternehmens gewesen?

Das beste Rezept ist Mundpropaganda

Mit Unwägbarkeiten wie diesen müssen Segler beim Chartern immer rechnen, sagt Martin Muth von der Kreuzer-Abteilung im Deutschen Segler-Verband (DSV) in Hamburg. "Da steckt man nicht drin." Beim Buchen aus der Ferne lasse sich die Qualität der zahllosen Anbieter kaum einschätzen. "Das Wichtigste ist daher eine gute Yachtübernahme. Das, was Sie nicht als möglichen Mangel registrieren, kann später auf Sie zurückfallen." Daneben sei Mundpropaganda das beste Rezept, um Reinfälle zu vermeiden. "Überwiegend geht es allerdings gut" - Probleme mit Mängeln gebe es nur in einem von zehn Fällen.

Doch diese Statistik hilft Charterseglern kaum weiter, wenn sie das Pech dennoch trifft. Mit der Urlaubsfreude ist es dann zunächst vorbei. Wie auf der "Babu": Statt flott unter Segeln Richtung Südwesten Strecke zu machen, dümpelt die Yacht zunächst in der Bucht vor Palma, während die Crew mit dem Segel kämpft und mit ihrem Schicksal hadert. Nach etlichen Versuchen und mit einigen Tricks des Skippers gelingt es schließlich, das Großsegel zu setzen. Kurz darauf bläht sich auch das Vorsegel, und die "Babu" geht endlich auf Kurs.

Das Vertrauen der Crew in die Yacht, mit der sie ursprünglich eine Woche lang die Küste entlang segeln wollte, hat allerdings einen Knacks bekommen. Und das ungute Gefühl wächst, als der Skipper mit der Mängelliste herausrückt, die er mit dem Co-Skipper bei der Übernahme der Yacht im Hafen erstellt hat. Unter anderem waren nicht genug Rettungswesten da, es fehlten Lifebelts zum Einpicken bei Sturm, der Rettungsring hatte kein Notlicht, auch das Dampferlicht war defekt. Diese Mängel wurden zwar alle vor dem Start des Törns behoben, versichert der Skipper - doch eine gewisse Skepsis bleibt.

Charterbasis muss nachbessern können

Auf halbem Weg nach Port d'Andratx streikt dann tatsächlich die Segelmechanik beim Versuch, das Vorsegel in voller Größe zu setzen. Das drehbare Vorstag blockiert - ein technischer Defekt, den die Crew nicht selbst beheben kann. Das wirft die Törnplanung nun ganz über den Haufen, seufzt der Skipper, während er nach dem Handy kramt, um den Techniker der Charterbasis anzurufen.

"Bei Defekten muss man der Basis Gelegenheit zum Nachbessern geben", erklärt Charterexperte Martin Muth. In solchen Fällen seien diejenigen im Vorteil, die ihre Yacht über eine gut erreichbare deutsche Agentur gebucht haben. Sie kann sich bei Schwierigkeiten einschalten, um beim lokalen Veranstalter Druck zu machen - etwa wenn eine defekte Yacht in die Werft muss: "Das kostet Zeit", sagt Muth. Für Charterer ist das ärgerlich, da sie einen Segeltag verlieren.

Das droht nun auch den Seglern auf der "Babu". Der Skipper hat den Techniker erreicht und sich mit ihm in Port d'Andratx verabredet. Zwei Stunden, nachdem die Yacht dort festgemacht hat, ist er an Bord, um sich den Defekt anzusehen. Immerhin lässt sich das Problem hier beheben. Am nächsten Tag will er Mitarbeiter vorbeischicken, die die "Babu" wieder flott machen sollen. Und während tags darauf andere Crews bei erneut idealem Segelwetter auslaufen, hocken die Hamburger missmutig an Deck und warten auf die Mechaniker. Kostbare Zeit verrinnt, in der sie Seemeile um Seemeile hätten segeln können.

Rechtsstreit macht oft keinen Sinn

Pauschalreisende würden in einer solchen Situation an eine Reisepreisminderung oder sogar Schadenersatz wegen entgangener Urlaubsfreude denken. Auch beim Chartern rechtfertigten Mängel zwar Preisminderungen, sagt der Rechtsanwalt Heyko Wychodil aus Hamburg.

"Sie sind aber in der Praxis rechtlich kaum durchsetzbar", erklärt der Spezialist für Wassersportfragen. Ein Grund dafür sei, dass die Vermittlung von Charteryachten meist über Agenturen läuft, die gar nicht zum Vertragspartner werden. Der Vertrag werde mit Veranstaltern am Ort im Ausland geschlossen, "das macht das Ganze schwierig". Denn bei einem Rechtsstreit müssten enttäuschte Segler ein Gericht im Ausland anrufen. Das macht Übersetzungen nötig, die Geld kosten.

Im Charterrecht gebe es zudem nicht so hohe Minderungsquoten, erklärt Wychodil. Selbst wenn ein Verfahren Aussicht auf Erfolg hätte, würden die erstrittenen Summen gleich wieder aufgezehrt. Wirtschaftlich mache ein Verfahren daher oft keinen Sinn. Als Gründe für Minderungen nennt der Anwalt etwa fehlende Sicherheitsausrüstung, kaputte Navigationssysteme - und defekte Segel. Eine Preisminderung von 20 Prozent und mehr sei dann in der Regel gerechtfertigt.

In jedem Fall muss ein solcher Mangel angezeigt werden, der Veranstalter muss Gelegenheit zum Nachbessern haben - und für ein mögliches Verfahren sollte der Mangel gut dokumentiert sein. Für entgangene Urlaubsfreude können Chartersegler indes keinen Ersatz fordern. "Das Kojen- und Bareboat-Chartern folgt dem Mietrecht, nicht dem Reiserecht", erklärt Wychodil. Im Mietrecht existiere dieser Punkt jedoch nicht. "Dann muss man beim Sachmangel bleiben."

Chartern mit Werkzeugkiste

Wohl auch deshalb winkt der Skipper ab, als auf der "Babu" das Gespräch auf das Thema kommt: "Das kann man vergessen. Das hat keinen Sinn." Immerhin sind die Techniker bemüht, nach einigen Stunden ist die Yacht wieder einsatzbereit. Sofort geht es zurück auf See. Das Team hat die Zeit genutzt und eine Alternativroute ausgearbeitet - und für den Rest des Törns bleibt es von größeren Pannen verschont.

Doch schließlich streikt am letzten Tag der Reise erneut das Großsegel - diesmal klemmt es beim Einholen. Co-Skipper Ulf will sich nicht länger mit dem "ausgeleierten Lappen" herumärgern. Kurzerhand löst er die Befestigung, schiebt das Segel an den Mast und bindet es mit einer Festmacherleine fest - soll doch die Charterbasis das Segel wieder gangbar machen. Trotz der Umstände hat der Törn Spaß gemacht, finden alle beim Auschecken. Sie werden wieder chartern. "Wir wissen ja nun, womit wir zu rechnen haben und dass wir beim nächsten Mal eine größere Werkzeugkiste mitnehmen müssen", sagt Skipper Kai.

Von Felix Rehwald, dpa

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